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Die Krise als Chance erkennen

Die Diskussion anlässlich der Vorstellung des Buches "Alles wird gut - Wie Wirtschaftskrisen die Welt verbessern" führte dazu, dass sich die teilnehmenden Personen in Optimisten und Pessimisten teilten. Einig in einem Punkt: Jetzt muss gehandelt werden.

Was als Buchpräsentation geplant war, wuchs sich zu einem regelrechten Wirtschaftsgipfel aus: Die Vorstellung des Titels "Alles wird gut" von FURCHE-Redakteur Oliver Tanzer und Markus Wolschlager am vergangenen Montag konnte mit einem stark besetzten Podium aufwarten. Natürlich ging es in den Statements um die Causa Prima: die Wirtschaftskrise.

Für Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner ist die Zielsetzung "Alles wird gut" zwar "wunderbar", aber es werde sich erst weisen, ob die aktuelle Krise die Welt verbessern wird, auf alle Fälle werde sie die Welt verändern. Der Grund liege darin, dass zu lange die Grenzen übergangen wurden, sei es in der Ausweitung der Produktion oder der Ressourcen-Nutzung. Eine Betrachtung der Geschehnisse im Nachhinein sei aber noch gar nicht möglich, denn die Welt befinde sich erst im Stadium der Symptom-Betrachtung, auf dem aufbauend die richtigen Rezepte gefunden werden müssen. Mitterlehner führte weiters aus, dass jede Krise aber sehr wohl eine Chance sein könne. Als Beispiel nannte er, dass nach Franklin D. Roosevelts New Deal 1933 (ein Bündel von Wirtschafts- und Sozialreformen) viele Unternehmen gegründet wurden.

Hoffnung allein reicht nicht

Unternehmer im damaligen Amerika erkannten also ihre Chancen. Ebenso wurde das größte Friedensprojekt - die Europäische Union - nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen, in einer Zeit großer Krisen. Hannes Androsch teilte diesen Optimismus nicht: Das Prinzip Hoffnung sei zwar schön, und man dürfe sich auch nicht zu Tode fürchten, aber die Welt befinde sich nun einmal in einer veritablen Krise. Eine Krise, die nicht notwendig war. Er kam zu dem Schluss, beim Vergleich der Jahre 1945 bis 1975 mit den vergangenen 20 Jahren, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg keine Krisen gab und sich diese seit den 1980er Jahren häufen. Das liege vor allem an den verschiedenen Philosophien und Ideologien, die zum Einsatz kamen. Weiter sei die Vertrauenskrise nicht mit naiven Hoffnungen wiederherstellbar, nach dem Motto: "Sie haben Krebs, aber alles wird gut, wenn Sie nicht sterben." Er könne demnach auch nicht einfach der These folgen, dass aus Krisen etwas Gutes entstehe. Androsch habe, so sagt er, im Zweifelsfall lieber keinen Krebs, auch wenn er ihn überlebt. Bei den Vorschlägen zur Besserung der Lage sah Mitterlehner wieder mehr die Chancen und das Positive, indem er meinte, dass sich zuerst in der Dienstleistung und in der Kreativwirtschaft Optionen in Österreich eröffnen würden. Weiters sei ein Wachstums- und Innovationsschub beim Sektor Energie möglich. Es müsse gelingen, die Photovoltaik in den kommenden fünf bis zehn Jahren so weiterzuentwickeln, dass sie mit der produzierten Energie aus fossilen Energieträgern mithalten kann - Chance: technologische Weiterentwicklung. Auf der Makro-Ebene will Mitterlehner jetzt verstärkt die Rolle des Staates und der Staatengemeinschaften diskutieren. Die dringendsten Fragen seien hier, was getan werden kann, wenn die Europäische Zentralbank Geld an die Geschäftsbanken verleiht, diese das Kapital aber nicht in Form von Krediten weitergeben. Oder was getan werden könne, um die Aufsicht der Finanzmärkte zu verbessern.

Bei den Handlungs-Ansätzen ergaben sich Schnittmengen zwischen Mitterlehner und Androsch, denn der Industrielle sieht vorrangig das Problem des Geldflusses. Denn ohne ein funktionierendes Bankensystem kein funktionierendes Geldsystem, und ohne dieses könne die arbeitsteilige Weltwirtschaft nicht funktionieren.

Zeit für einen Wechsel

Dass sich etwas ändern müsse, sei unübersehbar. Denn es ginge nicht an, dass am Beispiel USA (nicht anders sei die Situation in der EU) ein Fünftel der Weltbevölkerung ein Viertel des geförderten Erdöls verbrauche und für ein Viertel der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich sei. "Der Verunfallte liegt auf der Straße und braucht so viele Blutkonserven wie möglich, damit er nicht stirbt. Erst dann können wir an eine Heilung denken", schloss Androsch.

Telekom-Austria (TA) Chef Boris Nemsic lobte den Ansatz der Autoren, sich mit der Wirtschaftskrise ausgehend von der Vergangenheit zu befassen. Er sehe aber einen großen Unterschied zu vergangenen Krisen in der Kommunikation, denn noch nie war diese so ausgeprägt. Das müsse nicht nur Gutes haben, denn Informationen gehen zwar in Millisekunden um die Welt, können aber nicht in der gleichen Schnelligkeit auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Deshalb biete die Krise die Chance zu lernen, wie man mit Kommunikation umgeht. Er verwies auf den Kapitalmarkt, wo sich jedes Gerücht in den Kursen abzeichnet. Das sei schlichtweg falsch, da solche Handlungen oft nichts mit der Realität zu tun haben. Antworten wolle die TA auf die Krise nicht mit einem Investitionsstopp, sondern mit einem sorgsamen Umgang mit Investitionen. Eine entsprechende Netzinfrastruktur brauche die Wirtschaft mehr denn je, um die Krise zu bewältigen.

Für KTM-Chef Stefan Pierer ist die aktuelle Situation vor allem durch einen Paradigmenwechsel gekennzeichnet. Es gebe in allen Betrieben hohe Überkapazitäten, die jetzt abgebaut werden müssen, und weiters wird die starke Vernetzung der Weltwirtschaft zurückgehen und die Fertigungstiefe in den einzelnen Ländern wieder steigen. Für all das sei Leadership gefordert, damit man aus dieser mehrere Jahre dauernden Krise herauskomme. Rewe-Boss Frank Hensel fordert, nun verantwortungsvoll mit den Unternehmen umzugehen, vor allem in Krisenzeiten. Deshalb werde er heuer um die 500 Millionen Euro investieren (allein die Hälfte in Österreich). Aber auch er sieht Positives, so hat durch die Krise "echte Arbeit" wieder an Wert gewonnen und würden sich Banken wieder mehr als Dienstleister fühlen, die den einfachen Kunden wieder in den Mittelpunkt rücken.

Abschließend plädierte Werber Rudolf Kobza dafür, dass es jetzt wichtig sei, eine positive Vision zu formulieren und diese kreativ zu verpacken, anstatt nur reaktiv auf die Krise zu antworten. "Wir müssen ein kollektives Bewusstsein generieren."

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