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"Solche Typen gehen vielen im realen Leben ab"

1945 1960 1980 2000 2020

"Siegerstraße" lautet ein Motto bei "Taxi Orange". Sechs Wochen war Hansjörg Trenkwalder auf dieser Siegerstraße mit dabei. Was er dabei für sich gewonnen hat, was es bedeutet, rund um die Uhr beobachtet zu werden, worauf das Erfolgsrezept der Sendung beruht, und warum er dem ORF gute Noten ausstellt, berichtet der Innsbrucker im furche-Gespräch.

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"Siegerstraße" lautet ein Motto bei "Taxi Orange". Sechs Wochen war Hansjörg Trenkwalder auf dieser Siegerstraße mit dabei. Was er dabei für sich gewonnen hat, was es bedeutet, rund um die Uhr beobachtet zu werden, worauf das Erfolgsrezept der Sendung beruht, und warum er dem ORF gute Noten ausstellt, berichtet der Innsbrucker im furche-Gespräch.

DIE FURCHE: Während deiner Zeit als Taxler im Kutscherhof war für uns hier draußen die Spitzelaffäre, also die Sorge vor dem Überwachungsstaat, das beherrschende Thema. Wie ist es, ständig beobachtet zu werden?

Hansjörg Trenkwalder: Die Überwachung hab ich nicht vergessen. Aber es war sehr oft einfach nicht in meinem Bewusstsein, dass da überall Kameras hängen. Wir waren eine gute Gruppe, und es gab sehr oft Gespräche, bei denen man dann auf das Rundherum gar nicht mehr geachtet hat. Natürlich gab es dann auch wieder andere Zeiten: Wenn du bemerkst, die Kameras verfolgen dich, wenn du das Surren der Geräte, oder einen Huster der Kameraleute hinter den Kulissen hörst. Dann wird einem wieder bewusst: Aha, da sind doch noch andere da.

DIE FURCHE: Während deiner Zeit als Taxler im Kutscherhof war für uns hier draußen die Spitzelaffäre, also die Sorge vor dem Überwachungsstaat, das beherrschende Thema. Wie ist es, ständig beobachtet zu werden?

Hansjörg Trenkwalder: Die Überwachung hab ich nicht vergessen. Aber es war sehr oft einfach nicht in meinem Bewusstsein, dass da überall Kameras hängen. Wir waren eine gute Gruppe, und es gab sehr oft Gespräche, bei denen man dann auf das Rundherum gar nicht mehr geachtet hat. Natürlich gab es dann auch wieder andere Zeiten: Wenn du bemerkst, die Kameras verfolgen dich, wenn du das Surren der Geräte, oder einen Huster der Kameraleute hinter den Kulissen hörst. Dann wird einem wieder bewusst: Aha, da sind doch noch andere da.

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DIE FURCHE: Völlig preisgegeben zu sein, keine Intimsphäre zu haben - wie wirkt sich das aus auf die Psyche aus?

Trenkwalder: Eine kleine Intimsphäre bleibt ja. Der ORF hat nicht so krasse Kamerapositionen wie ein Privatsender. Da kann man auf das Klo gehen und hat dort seine Ruhe. Und auch im Hof gibt es Plätze, wo die Kameras nicht hinkommen. Wo man sich auf den Boden setzen kann, und man weiß, sie haben jetzt keine Chance, mich zu sehen. Plätze, wo man für zehn, fünfzehn Minuten abschalten oder auch nur den Finger in die Nase stecken kann.

DIE FURCHE: Mit welchen Erwartungen bist du hineingegangen, wie bist du wieder rausgekommen?

Trenkwalder: Zuerst war es sicher die Herausforderung, der Nervenkitzel. Es war mir aber von Anfang an bewusst, dass es eine Gratwanderung ist, da hineinzugehen, denn dein Image kann sehr verzerrt werden. Ich bin während der Zeit im Kutscherhof draufgekommen, dass ich ein sehr oberflächlicher Mensch bin. Aber da drin hab ich die Möglichkeit gehabt, mich selber zu finden. Und das ist mir teilweise gelungen: durch Gespräche, durch die viele Zeit, die ich hatte. Es gibt keinen Fernseher, nichts zu lesen, nichts zu schreiben, kein Telefon - nur die Zeit, vor sich hinzuleben. Und was fängt man da an? Ja, man denkt nach. Und wenn man nachdenkt, kommt man sehr schnell auf sich selber. Das hat mich sehr beeindruckt, fast erschrocken, wie ich auf manche Sachen draufgekommen bin. Meine Eltern haben mir gesagt, in diesen sechs Wochen habe ich einen riesigen Schub in Richtung Erwachsensein gemacht. Ich hab Sachen erlebt, von Enttäuschungen bis zu Glücksgefühlen, die hätte ich sonst in fünf Jahren nicht gemacht.

DIE FURCHE: Dreizehn Leute, die sich selber finden. Ist das wirklich das Erfolgsrezept von Taxi Orange? Stecken da nicht noch ganz andere, vielleicht nicht nur so positive Faktoren dahinter?

Trenkwalder: Der Erfolg ist sicher auch durch den Kontakt der Taxler zur Außenwelt bedingt. Bei den Taxifahrten ergeben sich oft wahnsinnig lustige Situationen. Das Zähe bei dieser Sendung ist ja gerade, dass du die Eindrücke von draußen mit in den Hof nimmst. Wenn ich von einem Fahrgast erfahren habe, dass jemand aus der Gruppe nicht sehr gut von mir geredet hat. Das sind dann schon Situationen, die man erst einmal verarbeiten muss. Und das ist etwas, was ich nach draußen mitgenommen habe. Heute kann ich mit Kritik von anderen viel besser umgehen.

DIE FURCHE: Kommen wir noch einmal auf die Erfolgsgründe zurück. Warum glaubst du, schauen so viele Leute einer Gruppe junger Menschen zu?

Trenkwalder: Die ganz Jungen sind sicher sehr optisch fixiert, und es sind gewisse Typen drin, die sie einfach sehr anziehen. Die mittlere Generation ist teilweise optisch fixiert, horcht aber auch auf die Gespräche. Und die Identifikation mit den Kandidaten aus verschiedenen Bundesländern spielt eine weitere Rolle für den Erfolg in Österreich. Es macht halt Spaß, wenn ein Tiroler mit einem Wiener blödelt.

Dann die Herzlichkeit im Kutscherhof, die sicher rüberkommt. Zum Beispiel der Robert, der einfach ein ganz ein lieber Kerl ist. Der sieht dir das an der Nasenspitze an, wenn dir was fehlt.

Fakt

Hansjörg Trenkwalder

Ursprünglich 13, jetzt nur mehr fünf Mitspieler leben in einem ehemaligen Wiener Kutscherhof, von 32 Kameras und 48 Mikrofonen 24 Stunden am Tag beobachtet und bis auf die Taxifahrten ohne Kontakt mit der Außenwelt. Jede Woche wählt der Publikumsliebling einen oder eine aus, der/die den Kutscherhof, und damit das Spiel verlassen muss. Nach 77 Tagen steht der Sieger fest. Als Gewinner sieht sich aber auch Hansjörg Trenkwalder. Sein Leben sei durch die Tage bei Taxi Orange enorm bereichert worden, berichtet der 23jährige im Interview. Das er übrigens nicht allen gewährt: News und tv-media haben ein derartig verzerrtes Bild von ihm gezeichnet, dass er auf deren Berichterstattung heute verzichtet, sagt er. Seit drei Jahren studiert der Tiroler in Wien Veterinärmedizin. Er selber sei kein Reality-show-Konsument, gibt er zu. Dazu ist er wohl doch zu traditionell, auch wenn er auf seine ausgeflippten Seiten ganz stolz ist.

Solche Typen gehen vielen Menschen im realen Leben ab. Ich bin im Taxi gefahren und es sagen Leute zu mir, du bist wie mein Sohn, oder: ihr seid wie meine Familie. Da denkst dann schon: Na Hoppala.

Es sind Lehrerinnen vom Gymnasium mit mir gefahren, die ihren Schülern die Aufgabe geben, eine Erörterung über die Gruppendynamik bei Taxi Orange zu schreiben. So etwas freut einen schon ungemein. Wenn du nicht nur ein Riesenkonsumartikel bist, der wieder verschwindet, sondern siehst, dass das Ganze auch etwas gebracht hat.

DIE FURCHE: Ist der Vorbildcharakter, den ihr ausübt, deiner Meinung nach sehr groß?

Trenkwalder: Auf jeden Fall. Viele Mütter haben mir gesagt, seit die Kinder Taxi Orange schauen und sehen, wie 13 Leute gut miteinander auskommen, vertragen sich auch die Geschwister untereinander besser. Auf der einen Seite ist es traurig, wenn so eine Sendung die Erziehung ersetzen muss. Auf der anderen Seite ehrt es mich natürlich. Und beim ORF war man am Anfang sicher nicht sehr begeistert darüber, dass wir so harmonisch sind. Aber wir haben trotzdem Erfolg gehabt. Und das ist eigentlich das Schönste: Dass ein weitgehend harmonisches Zusammenleben auch interessant sein kann.

DIE FURCHE: Du zeichnest hier ein sehr freundliches Bild von der Gruppe und den Taxi Orange-Konsumenten. Es kam aber auch schon zu unguten Vorfällen. Anhänger des einen Taxlers haben den anderen wüst beschimpft.

Trenkwalder: Auf jeden Fall gibt es auch negative Folgen. Und je länger die Sendung läuft und je näher das Finale rückt, desto extremer wird das werden. Ich rede so positiv, weil ich sehr positiv ausgestiegen bin. Meine Freunde haben mir gesagt, sie haben dich so zusammengeschnitten, wie du bist.

Obwohl auch bei mir Situationen dabei waren, wo ich mir denke, das bin ich überhaupt nicht. "Das Denken überlasst lieber den Männern", habe ich am Ende einer zehnminütigen Mann-Frau-Diskussion einmal aus Spaß gesagt. Im Zusammenschnitt wurde nur dieser Satz gebracht, und das hat so geklungen, als wäre ich ein Obermacho.

DIE FURCHE: Die Regie spielt eine sehr große Rolle?

Trenkwalder: Natürlich, die können sich die Personen schon so richten, wie sie es brauchen.

DIE FURCHE: Wie geht der ORF mit dieser Verantwortung um?

Trenkwalder: Dramaturgische Vorgaben spielen sicher eine Rolle. Es stecken ja große Köpfe dahinter, die sich Gedanken machen und zur Entscheidung kommen: Diese Aussage ist zwar für denjenigen nicht typisch, aber sie passt eben da hinein und wird genommen. Ich hab das Glück gehabt, dass es mir im Großen und Ganzen nicht geschadet hat. Teilweise hatte ich aber auch bei meinen Eltern und Freunden Erklärungsbedarf zu gewissen Situationen oder Aussagen.

Hansjörg Trenkwalder

Jetzt Taxler, später Tierarzt "Ich bin ein bodenständiger Tiroler, den es hinauszieht", beschreibt sich Hansjörg Trenkwalder im Gespräch mit der furche selbst. Sechs Wochen war der gebürtige Innsbrucker ein Taxler in der ORF-Sendung "Taxi Orange".

Jetzt Taxler, später Tierarzt "Ich bin ein bodenständiger Tiroler, den es hinauszieht", beschreibt sich Hansjörg Trenkwalder im Gespräch mit der furche selbst. Sechs Wochen war der gebürtige Innsbrucker ein Taxler in der ORF-Sendung "Taxi Orange".

DIE FURCHE: Hast du nie befürchtet, hier könnte zuviel manipuliert werden?

Trenkwalder: Dass hier jemand gemein fertiggemacht wird, kann man nicht behaupten. Der ORF kann sich das als öffentlich-rechtlicher Sender auch gar nicht leisten. Ich würde nie mit einem privaten Sender so eine Geschichte machen. Im Rahmen des Österreichischen Rundfunks fühlt man sich schon ein bisschen geborgen. Der kann nicht so auf den Putz hauen wie ein privater Sender, und das gibt einfach eine gewisse Sicherheit.

DIE FURCHE: Das Härteste bei Taxi Orange ist sicher der Ausscheidungsvorgang. Der oder die Beliebteste muss ein anderes Gruppenmitglied hinauswerfen - ein böses System?

Trenkwalder: Das Auswahlsystem schaut auf den ersten Blick sehr böse aus. Nur, für mich als Hinausgewählten ist es leichter, von einem aus der Gruppe hinausgewählt zu werden, als wenn mich das Fernsehpublikum hinauswählt. Wenn eine Million anruft und sagt, du taugst uns nicht, wäre das um einiges härter, als wenn ein Gruppenmitglied dich hinauswählt. Da kannst du dir sagen, es ist ein Spiel. Und es sind nur sehr feine Unterschiede, die den Ausschlag geben, dass ich und nicht ein anderer drankommt.

DIE FURCHE: Was willst du mit deiner Popularität jetzt anstellen?

Trenkwalder: Meine Erwartungshaltung ist relativ niedrig. Nur, für irgend einen Topfen, der mir nicht liegt, würde ich nicht werben. Und in unserer kurzlebigen Zeit wird man ja auch schnell wieder vergessen. Das beruhigt doch sehr.

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