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Feuilleton

Sphinx wird Mensch

1945 1960 1980 2000 2020
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"Die Tochter" von Jessica Durlacher: Eine große Liebe und eine neue Kultur des Erinnerns.

Sabine ist mit ihren Obsessionen und ihrer Unberechenbarkeit für Max eine Sphinx. Max und Sabine sind einander vor 15 Jahren in Amsterdams Anne-Frank-Haus begegnet. Rückblende auf den Auftakt einer amour fou, einer Anziehung von solcher Wucht, dass es keine Gegenwehr gibt. Wiederbegegnung nach langer Zeit. Neue Trennung, Verzweiflung, Verwicklungen, überraschende Lösung der Rätsel um Sabine. Die Sphinx ist endlich Mensch.

Jessica Durlacher hatte 1997 mit dem Roman "Das Gewissen" in Holland sofort einen durchschlagenden Erfolg. Ihre Preise (bestes Erstlingswerk, bestverkauftes Erstlingswerk) können sich sehen lassen. Die 40-Jährige Autorin lebt mit Mann und zwei Kindern in Bloemendaal. Ihr neuer Roman "Die Tochter" ist zunächst einmal eine Liebesgeschichte von solcher Wucht, dass man weiter und immer weiter liest. Einer der Gründe für das spontane Interesse an Max, Sabine und Maxens Eltern ist ein subtiler Verfremdungseffekt. Der Leser spürt, dass diese Figuren anders gezeichnet und anders gesehen werden als üblich, sowohl von außen (Sabine, Maxens Eltern) als auch von innen (der Ich-Erzähler).

Dass eine Frau aus der Perspektive eines Mannes die Geschichte einer großen Liebe erzählt, erweist sich als subtiler erzählerischer Kniff. "Da stimmt doch etwas nicht" denkt oder vielmehr spürt man angesichts der wilden Mischung von Zuwendung und distanziertem Blick, mit der Max seinen Vater beschreibt. Völlig klar, was nicht stimmt: Maxens Perspektive erweist sich bei genauem Zusehen als ausgesprochen weiblich. So schreiben eben Frauen über ihre Väter. Es fehlt die typische Identifikation mit dem männlichen Vorbild. Dadurch entsteht eine permanente leichte Irritation, und diese Irritation mobilisiert das Interesse, lässt innere Spannung entstehen.

Der Vater, den wir dabei kennen lernen, ist ein seriöser Amsterdamer Textilhändler, ein treuer jüdischer Ehemann und braver Papa, und zugleich eine skurrile, köstliche, urkomisch gezeichnete Figur. Ein Mann, der bei jeder Gelegenheit durchdreht, immer gleich die Welt gegen sich im Bunde sieht, ein liebenswertes Nervenbündel mit geduldiger Partnerin. Seine Schwester war ein anderes Kaliber, ihr verdankt er, dass er die Lager überlebte, aber jetzt ist sie tot, und wie Jessica Durlacher Vater und Sohn zum Begräbnis nach Jerusalem abfliegen lässt, das allein muss man sich geben:

"Die Dame am Schalter bat uns, die Ausweise vorzulegen, woraufhin sich mein Vater daranmachte, den kleinen Brustbeutel, den er aus Sicherheitsgründen am Körper trug, unter seiner Kleidung hervorzunesteln. Es verstand sich, dass er das - ebenfalls aus Sicherheitsgründen - bis zur allerletzten Sekunde hinausgeschoben hatte. Jetzt musste er zuerst sein Jackett ablegen, um dann einen Arm aus dem Oberhemd ziehen zu können. Ich vernahm sein übliches angespanntes Keuchen, weil er sich in seinen Ärmeln und den Bändern des Beutels zu verheddern drohte. Nach viel Gefluche gelang es ihm schließlich schweißgebadet und halb im Unterhemd, seinen Pass hervorzuziehen und der Dame auszuhändigen. Lipschitz, buchstabierte er überflüssigerweise, während sie die Tickets suchte."

Immer wieder stellt der Ich-Erzähler Max seine Unfähigkeit, sich in die schwierige, sprunghafte Sabine und deren Stimmungsschwankungen einzufühlen und auf sie einzugehen und die daraus resultierenden Fehlreaktionen und Blödheiten bloß, so dass man peinlich berührt zehn Sekunden Denkpause einlegt. Auch hier die Innenansicht eines Mannes mit den Augen einer Frau.

Jessica Durlacher versteht Leserin und Leser auf die Folter zu spannen. Sie bereichert das Arsenal der Hindernisse, die den Liebespaaren in den Liebesgeschichten in den Weg gelegt werden, um eine tückische neue Variante. Der 23-jährige Max findet eines Abends die gemeinsame Wohnung leer vor, nur einige rätselvolle Abschiedsworte liegen auf dem Bett: "Wenn du das hier liest, bin ich weg. Mit dir uns mir kann es einfach nie etwas werden, das ist unmöglich." Woher die neurotische Fixierung auf die Vergangenheit der Eltern? Warum hat die 21-jährige Sabine Max verlassen? War es nicht zuerst von ihrer Seite Liebe auf den ersten Blick? Zank hatten sie öfter, aber haben sie nicht gerade in letzter Zeit endlich voll harmoniert? Warum wiederholt es sich 15 Jahre später nach einem stürmischen Wiederfinden fast genau so? Warum zweimal die panische Flucht vor der einzigen großen Liebe? Und welche Rolle spielt der um Jahrzehnte ältere Sam, mit dem Max Sabine in Frankfurt während der Buchmesse zufällig wieder gefunden hat? Und warum heißt das Buch "Die Tochter"? Am Ende wissen wir es, und Max hat viel gelernt.

Erst durch seine Lebensbeschreibung, die der erfolgreiche Hollywood-Produzent Sam Zaidenweber zu Papier bringt, heben sich die Nebel. Die Spuren führen zu einem anderen Liebespaar und zu einer anderen, tragischen, weit zurückliegenden Liebesgeschichte. Max Lipschitz und Sabine Edelstein sind in eine tiefe Verstrickung mit der Vergangenheit geraten. Und Sabine ist nicht vor der Liebe und nicht vor Max, sondern vor ihrer eigenen Vergangenheit davongerannt.

Dieses Buch sei, wird ein Kritiker im Klappentext zitiert, "letztendlich ... eine Abrechnung mit der Kultur des Jammerns." In deutschen und österreichischen Ohren mag ein solcher Satz verführerisch klingen, vor allem bei jenen, die gern Erinnern und Jammern gleichsetzen, wenn es um die NS-Zeit geht. Wahrscheinlich gibt es sie auch in Holland. Der zitierte Kritiker des Vlissinger "Provinciale Zeeuwse Courant" irrt sich nämlich. "Die Tochter" ist das Gegenteil einer "Abrechnung mit der Kultur des Jammerns".

Durlacher erzählt von Juden, die jahrzehntelang nicht bereit waren, über die Vergangenheit zu reden, selbst mit ihren Kindern nicht, gerade mit ihren Kindern nicht. Und von der Wiederkehr der Erinnerung, vom späten Ausbruch des Zurückgestauten und Verkapselten. Sie lässt verstehen, was die Nachgeborenen umtreibt, warum die Vergangenheit nicht zur Ruhe kommt. Mit ihrer spannenden, gut lesbaren, witzigen, klugen und unterhaltenden Art, zu erzählen, findet Jessica Durlacher zu einer unserer Zeit angemessenen Kultur der Erinnerung.

DIE TOCHTER

Von Jessica Durlacher

Übersetzung: Hanni Ehlers

Diogenes Verlag, Zürich 2001

328 Seiten, Ln., öS 291,-/e 21,17

"Die Tochter" von Jessica Durlacher: Eine große Liebe und eine neue Kultur des Erinnerns.

Sabine ist mit ihren Obsessionen und ihrer Unberechenbarkeit für Max eine Sphinx. Max und Sabine sind einander vor 15 Jahren in Amsterdams Anne-Frank-Haus begegnet. Rückblende auf den Auftakt einer amour fou, einer Anziehung von solcher Wucht, dass es keine Gegenwehr gibt. Wiederbegegnung nach langer Zeit. Neue Trennung, Verzweiflung, Verwicklungen, überraschende Lösung der Rätsel um Sabine. Die Sphinx ist endlich Mensch.

Jessica Durlacher hatte 1997 mit dem Roman "Das Gewissen" in Holland sofort einen durchschlagenden Erfolg. Ihre Preise (bestes Erstlingswerk, bestverkauftes Erstlingswerk) können sich sehen lassen. Die 40-Jährige Autorin lebt mit Mann und zwei Kindern in Bloemendaal. Ihr neuer Roman "Die Tochter" ist zunächst einmal eine Liebesgeschichte von solcher Wucht, dass man weiter und immer weiter liest. Einer der Gründe für das spontane Interesse an Max, Sabine und Maxens Eltern ist ein subtiler Verfremdungseffekt. Der Leser spürt, dass diese Figuren anders gezeichnet und anders gesehen werden als üblich, sowohl von außen (Sabine, Maxens Eltern) als auch von innen (der Ich-Erzähler).

Dass eine Frau aus der Perspektive eines Mannes die Geschichte einer großen Liebe erzählt, erweist sich als subtiler erzählerischer Kniff. "Da stimmt doch etwas nicht" denkt oder vielmehr spürt man angesichts der wilden Mischung von Zuwendung und distanziertem Blick, mit der Max seinen Vater beschreibt. Völlig klar, was nicht stimmt: Maxens Perspektive erweist sich bei genauem Zusehen als ausgesprochen weiblich. So schreiben eben Frauen über ihre Väter. Es fehlt die typische Identifikation mit dem männlichen Vorbild. Dadurch entsteht eine permanente leichte Irritation, und diese Irritation mobilisiert das Interesse, lässt innere Spannung entstehen.

Der Vater, den wir dabei kennen lernen, ist ein seriöser Amsterdamer Textilhändler, ein treuer jüdischer Ehemann und braver Papa, und zugleich eine skurrile, köstliche, urkomisch gezeichnete Figur. Ein Mann, der bei jeder Gelegenheit durchdreht, immer gleich die Welt gegen sich im Bunde sieht, ein liebenswertes Nervenbündel mit geduldiger Partnerin. Seine Schwester war ein anderes Kaliber, ihr verdankt er, dass er die Lager überlebte, aber jetzt ist sie tot, und wie Jessica Durlacher Vater und Sohn zum Begräbnis nach Jerusalem abfliegen lässt, das allein muss man sich geben:

"Die Dame am Schalter bat uns, die Ausweise vorzulegen, woraufhin sich mein Vater daranmachte, den kleinen Brustbeutel, den er aus Sicherheitsgründen am Körper trug, unter seiner Kleidung hervorzunesteln. Es verstand sich, dass er das - ebenfalls aus Sicherheitsgründen - bis zur allerletzten Sekunde hinausgeschoben hatte. Jetzt musste er zuerst sein Jackett ablegen, um dann einen Arm aus dem Oberhemd ziehen zu können. Ich vernahm sein übliches angespanntes Keuchen, weil er sich in seinen Ärmeln und den Bändern des Beutels zu verheddern drohte. Nach viel Gefluche gelang es ihm schließlich schweißgebadet und halb im Unterhemd, seinen Pass hervorzuziehen und der Dame auszuhändigen. Lipschitz, buchstabierte er überflüssigerweise, während sie die Tickets suchte."

Immer wieder stellt der Ich-Erzähler Max seine Unfähigkeit, sich in die schwierige, sprunghafte Sabine und deren Stimmungsschwankungen einzufühlen und auf sie einzugehen und die daraus resultierenden Fehlreaktionen und Blödheiten bloß, so dass man peinlich berührt zehn Sekunden Denkpause einlegt. Auch hier die Innenansicht eines Mannes mit den Augen einer Frau.

Jessica Durlacher versteht Leserin und Leser auf die Folter zu spannen. Sie bereichert das Arsenal der Hindernisse, die den Liebespaaren in den Liebesgeschichten in den Weg gelegt werden, um eine tückische neue Variante. Der 23-jährige Max findet eines Abends die gemeinsame Wohnung leer vor, nur einige rätselvolle Abschiedsworte liegen auf dem Bett: "Wenn du das hier liest, bin ich weg. Mit dir uns mir kann es einfach nie etwas werden, das ist unmöglich." Woher die neurotische Fixierung auf die Vergangenheit der Eltern? Warum hat die 21-jährige Sabine Max verlassen? War es nicht zuerst von ihrer Seite Liebe auf den ersten Blick? Zank hatten sie öfter, aber haben sie nicht gerade in letzter Zeit endlich voll harmoniert? Warum wiederholt es sich 15 Jahre später nach einem stürmischen Wiederfinden fast genau so? Warum zweimal die panische Flucht vor der einzigen großen Liebe? Und welche Rolle spielt der um Jahrzehnte ältere Sam, mit dem Max Sabine in Frankfurt während der Buchmesse zufällig wieder gefunden hat? Und warum heißt das Buch "Die Tochter"? Am Ende wissen wir es, und Max hat viel gelernt.

Erst durch seine Lebensbeschreibung, die der erfolgreiche Hollywood-Produzent Sam Zaidenweber zu Papier bringt, heben sich die Nebel. Die Spuren führen zu einem anderen Liebespaar und zu einer anderen, tragischen, weit zurückliegenden Liebesgeschichte. Max Lipschitz und Sabine Edelstein sind in eine tiefe Verstrickung mit der Vergangenheit geraten. Und Sabine ist nicht vor der Liebe und nicht vor Max, sondern vor ihrer eigenen Vergangenheit davongerannt.

Dieses Buch sei, wird ein Kritiker im Klappentext zitiert, "letztendlich ... eine Abrechnung mit der Kultur des Jammerns." In deutschen und österreichischen Ohren mag ein solcher Satz verführerisch klingen, vor allem bei jenen, die gern Erinnern und Jammern gleichsetzen, wenn es um die NS-Zeit geht. Wahrscheinlich gibt es sie auch in Holland. Der zitierte Kritiker des Vlissinger "Provinciale Zeeuwse Courant" irrt sich nämlich. "Die Tochter" ist das Gegenteil einer "Abrechnung mit der Kultur des Jammerns".

Durlacher erzählt von Juden, die jahrzehntelang nicht bereit waren, über die Vergangenheit zu reden, selbst mit ihren Kindern nicht, gerade mit ihren Kindern nicht. Und von der Wiederkehr der Erinnerung, vom späten Ausbruch des Zurückgestauten und Verkapselten. Sie lässt verstehen, was die Nachgeborenen umtreibt, warum die Vergangenheit nicht zur Ruhe kommt. Mit ihrer spannenden, gut lesbaren, witzigen, klugen und unterhaltenden Art, zu erzählen, findet Jessica Durlacher zu einer unserer Zeit angemessenen Kultur der Erinnerung.

DIE TOCHTER

Von Jessica Durlacher

Übersetzung: Hanni Ehlers

Diogenes Verlag, Zürich 2001

328 Seiten, Ln., öS 291,-/e 21,17