Belgien

Abtreibungen in den USA: Die verflixte sechste Woche

1945 1960 1980 2000 2020

Im US-Bundesstaat Texas sind seit 1. September Abtreibungen praktisch verboten. Einmal mehr zeigen sich hier auch die religionspolitischen Bruchlinien in der US-Gesellschaft.

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Im US-Bundesstaat Texas sind seit 1. September Abtreibungen praktisch verboten. Einmal mehr zeigen sich hier auch die religionspolitischen Bruchlinien in der US-Gesellschaft.

"Und täglich grüßt das Murmeltier“ ist man fast geneigt zu denken, wenn man die neuesten Entwicklungen aus den USA im ständigen Disput um den Schwangerschaftsabbruch hört. Tatsächlich ist das Abtreibungsthema in den USA seit Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr aus den religionspolitischen Debatten wegzudenken: Schon knapp 50 Jahre stemmen sich konservative Gruppierungen in einem scheinbar unermüdlichen Kampf gegen die höchstrichterliche Bundesentscheidung aus 1973 (Roe vs. Wade), wonach die Entscheidung zu einer Abtreibung in den autonomen Freiheitsrechten der schwangeren Person liegt.

Auf der anderen Seite wurde gerade dieses Urteil des Obersten Gerichts für liberale Kreise zu einer politischen Galionsfigur dafür, dass die Freiheiten von Einzelpersonen nicht mit staatlicher oder religiöser Macht eingeschränkt werden können. Wohl keine Frage hat die gesellschaftspolitischen Diskussionen innerhalb der USA in den vergangenen Jahrzehnten so beherrscht wie Lebensschutz und das Recht auf Abtreibung. An diesem Punkt kommen moralische, religiöse, politische, wirtschaftliche und medizinische Dimensionen zusammen und machen die Thematik dadurch zu einem Sinnbild komplexer moderner Lebenswelten, in denen unterschiedliche Interessensgruppen, Parteien und Weltanschauungen um die Deutehoheit ringen.

Der Kampf scheint endlos zu sein. Wer noch zu Beginn der 1970er Jahre gehofft hatte, dass mit der Entscheidung des „Supreme Courts“ ein Schlusspunkt in der Debatte gesetzt sei, wurde eines Besseren gelehrt.

Bollwerk gegen Liberalisierung

Nun ist der nationale Zwist um eine Episode reicher. Seit 1. September sind im Bundesstaat Texas Abtreibungen de facto verboten: Das Gesetz, welches von Gouverneur Greg Abbot bereits am 15. Mai unterzeichnet wurde, verbietet eine Abtreibung ab jenem Zeitpunkt, bei dem medizinisch ein fötaler Herzschlag nachgewiesen werden kann. Diese Zeitspanne wird in zahlreichen Fachdiskussionen mit sechs Wochen angegeben und wurde so im Gesetzestext verankert.

Dass diese Zeitspanne häufig vor dem Erkennen einer Schwangerschaft liegt, macht die neue Regelung noch einmal brisanter. Einziger Grund, warum ab diesem Zeitpunkt noch ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt werden könnte, ist, dass es sich um einen für die Mutter eindeutig lebensbedrohlichen Notfall handelt. Das Gesetz sieht keine Ausnahmen vor – auch Opfern von Inzest oder sexuellem Missbrauch ist rechtlich die Entscheidung genommen, ob sie ein daraus resultierendes Kind zur Welt bringen wollen oder nicht.

Diese Rechtslage ist der wohl restriktivste Spruch, den man in einem Bundesstaat seit „Roe vs. Wade“ erlebt hat. Und es ist zudem kein Zufall, dass diese Entscheidung jetzt gefällt wurde.

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