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Armenien: Kreuzigung und Auferstehung

Mit der FURCHE unterwewgs in einem stein-reichen und doch bettelarmen Land - randvoll mit Tragödien, Kulturdenkmälern und einer heiklen politischen Gegenwart.

Frage an Radio Eriwan: "Stimmt es, dass wir Armenier das fröhlichste Volk der Erde sind?“ Antwort: "Im Prinzip ja - wir haben es auch bitter nötig!“

Erstmals in der Geschichte unserer FURCHE-Reisen waren zuletzt sogar zwei große Gruppen von Wien in den Süd-Kaukasus aufgebrochen, um dieses so "bitter-fröhliche“ Volk der Armenier und ihr Land mit ihren Augen und Seelen zu entdecken. Was offenkundig dieses große Interesse weckte: Das Erlebnis der "ältesten christlichen Nation der Erde“ (seit 301 n. Chr.). Die Begegnung mit einem uralten, weitgehend unbekannten Kulturvolk (seit über 2700 Jahren geschichtsmächtig). Und der nähere Kontakt mit einem vom Schicksal gemarterten Land - über Jahrtausende hinweg Durchzugsgebiet und Zankapfel.

Drama auf Drama

Die Geschichte einer Nation, randvoll mit Dramen von historischer Dimension:

- Zunächst der Verlust von neun Zehntel des einstigen Siedlungsgebietes. Still blickt der über 5000 m hohe Ararat-Gipfel (biblischer Landeplatz der "Arche Noah“ und Nationalsymbol Armeniens), von jenseits der türkischen Grenze auf sein altes, zerrissenes Umland.

- Dann der unfassbare türkische Völkermord von 1915, bis heute von den politischen Erben der Täter nicht eingestanden: Mehr als 1,5 Millionen Armenier wurden zum Todesmarsch in die syrische Wüste getrieben - eine Tragödie, die damals (und auch später) von der Welt so unbeachtet geblieben war, dass Diktatoren wie Hitler am armenischen Beispiel von der stillen Machbarkeit neuer Genozide träumen konnten. Bis heute ist Franz Werfels "40 Tage des Musa Dagh“ in Armenien das große Epos einer letztlich nicht bewältigbaren Tragödie.

- Dann der Sowjet-Kommunismus, der vielen Armeniern heute, gemessen an so vielen aktuellen Nöten, zwar als eine diktatorisch-atheistische, sozial aber halbwegs gerechte Geschichtsepoche im Gedächtnis geblieben ist.

- Dann die Erdbeben-Katastrophe von 1988 mit ihren zerstörten Städten und Dörfern, 25.000 Toten und einem bis heute nicht überwundenem Elend.

- Und schließlich der Krieg mit Aserbeidschan um die Grenzregion Berg-Karabach mit zehntausenden Toten und hunderttausenden Flüchtlingen.

Armenien, dieses stein-reiche und bettelarme, wilde und geheimnisvolle Hochland, ist karg und üppig zugleich. Ist voll von uralten Klöstern, Kirchen und ungezählten Kreuzsteinen - Symbole für ein gläubiges Volk zwischen Kreuzigung und Auferstehungsglauben. Ist voll auch von Höhlensiedlungen und Festungen, von Schluchten und Seen, von Steppen und Feldern.

Am Ende der Reise bleiben Bilder von einem Lokalaugenschein zwischen Abbruch und Aufbruch: Hier die endlosen Industrieruinen alter Sowjet-Kombinate, umgeben von Armut und Mangelwirtschaft. Dort - vor allem in der Metropole Eriwan - das erste, hoffnungsvolle Flair des 21. Jahrhunderts. Der Eindruck von einem Land im Übergang - auch geographisch: Noch Europa und doch auch schon Kleinasien. Noch mit Stacheldraht und Wachtürmen von seinen verfeindeten Nachbarn Türkei und Aserbeidschan isoliert - aber doch schon voll neuem Selbstbewusstsein, gewachsen aus 1700 Jahren Christentum, aus eigener Sprache und Schrift.

"Das Christentum ist so etwas wie die Hautfarbe unseres Volkes“, sagt uns Karekin II., der "Oberste Patriarch und Katholikos“ der armenisch-apostolischen Kirche bei einer einstündigen Audienz in seinem Kloster-Palast in Etschmiadsin (Interview rechts).

Und tatsächlich: Über alle Tragödien hinweg waren Kirche und Glauben weit mehr als ein spiritueller Rettungsanker. Und sie sind es auch heute wieder - für die rund zehn Millionen Armenier weltweit, von denen nur rund ein Drittel ihre junge, 1991 aus der Asche der UdSSR neugeborene Republik bewohnen - ein Hochland, kaum größer als Ober- und Niederösterreich.

Neue, junge Kirche

Ohne die permanente Unterstützung und die Investitionen der weltweiten armenischen Diaspora (vor allem in Russland, Amerika, Australien, Frankreich) wäre das Überleben des Staates kaum vorstellbar. Und ohne die armenische Kirche wäre die junge Nation ohne Seele - unter den Kirchgängern erleben wir viele bemerkenswert junge Armenier, die all die Jahrzehnte verordneter Glaubenslosigkeit nicht mehr miterlebt haben.

Erst vor diesem Widerspruch - ein von Armut gezeichneter christlicher Kleinstaat, umgeben von feindlichen, zunehmend prosperierenden muslimischen Nachbarn (Wirtschaftsboom der Türkei, Öl-Euphorie in Aserbeidschan) - wird auch das Dilemma deutlich, in dem sich Armeniens politische Führung gerade jetzt zu bewähren hat:

• Hier die Sehnsucht, die Zukunft des Landes möglichst an Europa und der EU auszurichten (die jahrelangen Verhandlungen um eine Assoziierung mit der EU könnten schon im November besiegelt werden).

• Dort aber der nahe "große Bruder“ Russland, der den Armeniern trotz aller belasteten Erinnerungen heute weit mehr an Sicherheitsgarantien zu bieten vermag als jenes ferne und zudem militärisch schwache Europa.

Erst vor wenigen Wochen ist Armeniens Präsident Sargsjan zur großen Kehrtwende angetreten: Wichtiger als eine enge Partnerschaft mit Brüssel sei letztlich der Beitritt zu einem von Moskau geführten Wirtschaftsraum, ließ er per TV wissen - im Idealfall aber beides zugleich (was weder dem Kreml noch den EU-Verhandlern gefällt).

Der Hintergrund: Seit mehr als einem Jahrzehnt gehört Armenien einem militärischen Bündnis mit Russland an, das jetzt auch wirtschaftlich in eine "Eurasische Union“ - als Moskaus Gegengewicht zur EU - münden soll. Kasachstan und Weißrussland sind schon mit dabei, die Ukraine, Moldawien, Georgien und Armenien sollen nun folgen. Es sei einfach unmöglich, verkündete der Präsident in Eriwan, mit einem Russland in einem Sicherheitssystem zu sein - und zugleich mit anderen europäischen Ländern in einem Wirtschaftssystem.

Was er nicht sagte: Wie groß bereits der Druck Russlands auf das Land geworden war. Zwei Beispiele: 2009 war eine Pipeline zum befreundeten Nachbarn Iran gebaut worden, um nicht in die Energienot der ersten Jahre nach der Unabhängigkeit zurückkehren zu müssen, als die Gasversorgung im Land nur eine Stunde am Tag gesichert war. Russland ("Gasprom“) hat sie inzwischen aufgekauft und zuletzt die Preise für Armenier massiv angehoben. Und: Um dem Bündnispartner Armenien vor Augen zu führen, wie klein sein politischer Spielraum letztlich ist, hat der Kreml zuletzt demonstrativ Waffen an den Nachbarn Aserbeidschan geliefert ... Eine massive Erinnerung, dass sich das neue Armenien besser nicht in Widerspruch zu seiner geopolitischen Lage bringen sollte.

Nicht allen in der EU ist dieser Schwenk Armeniens ärgerlich: Zu korrupt seien Armeniens Eliten noch immer, heißt es aus Brüssel. Zu unsicher bleibe auch die Menschenrechtslage. Und zu intim und jedenfalls nicht EU-konform seien die Beziehungen zum Nachbarn Iran. Viele in der EU scheuen auch eine allzu große Nähe zu Ländern mit glosenden Grenzkonflikten - und setzen lieber auf die türkische Karte. "Seit zwei Jahrzehnten war unsere Lage nie so schwierig wie heute“, erzählt uns Boris Navasardian, Chef des armenischen Presseklubs. "Entlang unserer Grenzen gibt es Kräfte, die noch immer offene Ansprüche auf Teile unseres klein gewordenen Landes haben - und der Reiz ist groß, sie gewaltsam zu lösen. Und ihr Wirtschaftserfolg nährt ihre Träume ...“

Von all dem haben wir - auf FURCHE-Leserreise unterwegs durch Armenien - freilich so gut wie nichts gespürt. Erlebt haben wir ein enorm freundliches - gastfreundliches - und neugieriges, tief in seiner Geschichte verankertes armes Volk. Zudem einen glaubens-getränkten Kulturboden von unverwechselbarer Identität. Eine Landschaft von bisweilen wilder Schönheit. Und eine Intelligentia, die fest an eine letztlich europäische Zukunft glaubt, am besten gemeinsam mit dem uralten europäischen Kulturland Russland -und besser nicht über Russland hinweg. Dazu müsste freilich auch das Europa von Heute sein geltendes Europa-Verständnis noch einmal überdenken und erweitern, heißt es in Eriwan.

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