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Claus Kleber und die Weltverschwörung

1945 1960 1980 2000 2020
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Vorsicht, liebe Leserin, lieber Leser. Der hier über dieses Buch schreibende Mensch, also ich, ist ein von diesem Buch Angegriffener. Er ist einer aus der Informationselite, die Sie, die Herde, schon seit Jahrzehnten verführt, dazu ihre moralische Apathie stärkt und Sie in einem unerhörten Manipulationsnetz einspinnt, dem Sie nicht entgehen können, wenn es erst einmal an Ihnen haftet. Leute wie ich erziehen Sie zum "frommen Staatsdiener oder zum braven Kirchgänger", wie es in "Warum schweigen die Lämmer?" so schön heißt.

In Erfüllung meiner miserablen Existenz buhle ich übrigens um die Gunst der Mächtigen und bin gerne bereit, mich in den Dienst der herrschenden Ideologie zu stellen. So, nun wissens Sie's. Ich bin es, ein schmierfinkendes Elitenferkel. Dass Sie das wissen, verdanken Sie Rainer Mausfeld, einem emeritierten Kognitionsforscher aus Kiel. Übrigens: Wenn Sie auch die Vokabeln "Populismus", "Antiamerikanismus" und "Verschwörungstheorie" verwenden, dann geben Sie gut Acht, ob Sie nicht auch so einer sind wie ich.

Wobei, die in dieser Art "Schuldigen" werden Rainer Mausfelds Buch ja nicht zu Ende lesen. Der Rest wird sich sehr wohl fühlen. Denn je weiter der Autor den Leser in dieses Werk hineinführt, desto mehr muss der das Gefühl bekommen, etwas viel Besseres zu sein als Masse, Macht oder Medienmogelei. Man hat das Gefühl der Erhabenheit, des endlich Aufgeklärten, dessen, der begriffen hat, worauf es ankommt, erhellt durch Rainer Mausfelds erneuerten Ruf der Aufklärung: "Sapere aude!" Wage zu wissen! In diesem Sinn schafft dieses Buch gegen Eliten tatsächlich eine Elite.

Was uns zum Anlass dieser 300 Seiten dicken Schrift führt: Die Welt ist schlecht und der Mensch in der Politik nimmt öfter einmal ein korruptes Wesen an, das Macht und Einfluss liebt und auch das Geld. Es gibt ferner Regierungen, die ihren politischen Willen auch mit Gewalt durchsetzen, mit ferngesteuerten Kriegen. Es gibt auch Journalisten, die ihren Lebenssinn darin sehen, den Mächtigen die Händchen zu lecken und sich dabei sehr wohl fühlen. Und es gibt ohne jeden Zweifel auch Unternehmer, Konzernanwälte und Lobbyisten, die nichts lieber tun als politische Entscheidungen zu ihren Gunsten zu beeinflussen. So weit, so schlecht.

Diagnose und Malaise

Rainer Mausfeld zeigt dies wohlbekannte Alles in einem Sammelband von Artikeln und Interviews auf. Er stellt dabei zunächst manche richtige Frage. Etwa, wenn er den Ausgangspunkt seiner Überlegungen skizziert und sich damit beschäftigt, wie wir zu unseren Meinungen kommen. Dass sich die Weltsicht nämlich immer erst aus der Position des Betrachters ergibt. Dass also unter anderem Reichtum und Fortschritt, die wir uns selbst bescheinigen, für uns selbst zutreffend scheinen, für den Rest der Welt aber Armut und Krieg bedeuten. Dass wir diese Opfer unseres Wohlbefindens verdrängen und uns nicht mehr für sie verantwortlich fühlen, da wir sie uns unsichtbar machen. Das ist die eigentliche Wurzel unseres Optimismus, meint Mausfeld. Für ihn ist das gleichzeitig der Beginn seiner Untersuchung der Frage, warum diese Selbsttäuschung zustande kommt.

Leider gerät ab da die gute Diagnose vom selbstbezogenen Standpunkt zu einer chronischen Malaise des Autors selbst. Er beginnt, die Welt aus seiner relativ engen Perspektive zu beleuchten und hinterfragt diesen Standpunkt überhaupt nicht mehr - im Gegenteil. Ab Seite 11 werden die übelsten Missstände, die die Menschheit auf der Erde kreiert, nicht individuellen Fehlleistungen und systemimmanenten Schwächen zugeschrieben, sondern bösen Plänen. Hinter dem Vorhang der politischen Weltbühne tummeln sich dunkle Seilschaften und zwielichtige Figuren und Organisationen.

Fakten zu den einzelnen behaupteten Verschwörungen bleiben Mangelware. Dabei gäbe es zahlreiche belastende Fakten in dem einen oder anderen Fall sogar, wenn es etwa um die Entwicklungspolitik der EU oder der USA in Afrika geht und die zugehörigen dubiosen Handelsverträge. Aber darauf geht der Autor nicht ein. Er gefällt sich in aneinandergereihten Hypothesen mehr als in tatsächlicher Aufklärung.

Etwa, wenn er behauptet, dass "Organisationsformen von Macht immer abstrakter und mit gezielter Diffusion gesellschaftlicher Verantwortlichkeit gestaltet werden, so dass Unbehagen, Empörung oder Wut der Machtunterworfenen keine konkreten, also politisch wirksamen Ziele mehr finden."

Wer gestaltet? Warum? Und wenn der Zorn keinen Ausdruck und keine Ziele mehr hat, warum gibt es dann beispielsweise Trump oder den Brexit?

Und wenn Mausfelds Behauptung, das System der repräsentativen Demokratie sei eine reine Strategie der "selbsternannten Eliten", das Volk dumm zu halten, warum gibt es dann die Syriza-Regierung in Griechenland, die Lega und die Fünfsterne-Regierung in Rom? Nichts davon war im Sinn der dubiosen Eliten. Und weil wir schon bei diesen Beispielen sind: Mausfeld erklärt, das Volk werde oftmals mit einer Herde verglichen, "die zu irrationalen Affekten neigt." Ist es nicht heute vielmehr so, dass Teile eben jener repräsentativen Demokraten das Volk zur Irrationalität verführen wollen, indem sie beständig die Angsttrommeln schlagen?

Und trommelt der angebliche Aufklärer Mausfeld nicht eifrig mit, wenn er die Ohnmacht der Bedrückten suggeriert?"Das Etablieren oligarchischer Strukturen unter demokratischem Deckmantel ist in beeindruckendem Maße gelungen, denn westliche Demokratien haben bei genauerer Betrachtung tatsächlich eher den Charakter von Oligarchien." Haben sie das? Und was vielleicht noch wichtiger ist: Reicht die Wiederholung einer Behauptung aus, um eine Behauptung zu bestätigen? Nach den Regeln der so oft in diesem Buch bemühten Aufklärung nicht.

Das Zitat als Beweis

Die Beweisführung dieses Buches geht im Allgemeinen einen sehr einfachen Weg. Es werden Zitate von dieser oder jener Berühmtheit hervorgekramt, um den Betrug an den Massen zu veranschaulichen. Das heißt, anstelle von Fakten schreibt Mausfeld oft nur Behauptungen auf, die bis zu einem Jahrhundert alt sind (Bertrand Russell, Milton Friedman, Paul Lazarsfeld) oder die er einem antiken Schriftsteller entlehnt (Aristoteles, Thukydides etc.). Wenn also ein Philosoph über die Manipulierbarkeit des Volkes nachgedacht hat, dann liest sich das in "Warum schweigen die Lämmer?" so, als habe es die Manipulation tatsächlich gegeben.

Unfreiwillig komisch wird es dort, wo der Autor dann endlich Verantwortliche für die große Verschwörung nennt. Die Denkfabrik "Trilaterale Kommission", heißt es da etwa, habe einen Bericht in Auftrag gegeben, dessen Ergebnis gewesen sei, dass es eine Krise der Demokratie gebe, die durch ein "Übermaß an Demokratie" ausgelöst sei und Demokratie nur da gut funktioniere, wo Teile der Bevölkerung in einen Zustand der Apathie gesetzt würden.

Mausfeld setzt daraufhin Auftraggeber und Ergebnis der Studie gleich und unkt, dass die Organisation "enge Beziehungen zu anderen Elitenetzwerken, insbesondere zur Bilderberg-Konferenz und zur Atlantikbrücke" unterhalte. Als Mitglieder nennt er dann Josef Joffe von der Zeit oder Claus Kleber vom ZDF, dazu noch Gerhard Schröder. Im weiteren Verlauf der Auslassungen darf natürlich auch George Soros nicht fehlen. Und fertig ist die Verschwörung, welche die Welt in Atem hält. Sie ist übrigens ganz nach dem Geschmack von Paradedemokraten wie Viktor Orbán und anderen europäischen Populisten geraten.

Hauptschuldige am Leid der Welt sind, neben den üblich verdächtigen USA, die Medien. Einerseits beklagt Mausfeld an diesem Punkt lauthals die große Vertuschung durch die Nachrichtenfabrikanten der Eliten, andererseits beruft er sich permanent auf Enthüllungen der angeblichen Vertuscher, wenn er seinem Primärfeind, den USA, Kriegsverbrechen und Folter vorwirft. Belegt werden die Vorwürfe mit Artikeln aus FAZ, Tagesspiegel, Die Zeit oder die SZ. Um sich dem Widerspruch zwischen Entwurf und Praxis zu entziehen, schlägt Mausfeld dann eine erregende Volte: Die Berichterstattung sei ohne Risiko für die Eliten, weil der Bevölkerung der notwendige Kontext vorenthalten werde. Zum Beispiel, dass die Weltbank eine "Säule des neoliberalen Umverteilungsprojektes" sei.

Hört, hört, dachte ich, sogar das verschweigen die bösen Mächte, was heute schon jeder Schüler weiß? Und ich verstand besser, dass auch alten Kognitionsforschern zugemutet werden darf, was sie den korrumpierten Lämmern ans Herz legen: "Sapere aude!" In diesem Sinne ist das keine Kaufempfehlung.