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"Die Scheu, erkennbar zu sein"

"Ungarns Regierung hat eine antisemitische Kampagne gegen Soros entfesselt, aber die jüdische Gemeinde ist nicht betroffen. (A. Baker, OSZE)

Umfragen aus dem Jahr 2012 zeigen, dass viele Juden in Westeuropa sich davor scheuen, durch ihre Kleidung erkennbar zu sein weil sie Attacken fürchten."

Rabbiner Andrew Baker ist der von der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) Beauftragte für die Bekämpfung von Antisemitismus und Geschäftsführer der Internationalen Jüdischen Angelegenheiten des American Jewish Committee.

Die Furche: Bernard-Henri Lévy hat in seiner Eröffnungsrede drei Arten von Antisemitismus unterschieden. Ist das eine Einteilung, mit der Sie in der OSZE etwas anfangen können?

Andrew Baker: Schon 2004 haben wir uns gemeinsam mit der in Wien angesiedelten Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit um eine Definition des Antisemitismus bemüht. Antisemitismus kann in den unterschiedlichsten Formen auftreten: als Hass und Diskriminierung Juden gegenüber, er kann sich in Verschwörungstheorien und Stereotypen äußern, die auf Holocaust-Leugnung oder Verdrehung der Fakten hinauslaufen, und durch Infragestellen des Existenzrechts von Israel. Wenn Analogien gezogen werden zwischen dem Verhalten der Israelis als Besatzungsmacht und den Nazis. Manche dehnen ihre Kritik am Staat Israel auch auf jede jüdische Gemeinschaft aus und machen sie dadurch zum Ziel von Angriffen.

Die Furche: Wo zieht man die Linie zwischen legitimer Kritik an der Regierung Israels und antisemitischen Attacken?

Baker: Das ist die falsche Frage. Ich glaube nicht, dass wir uns darauf konzentrieren sollten, diese Linie zu definieren. Vielmehr geht es da um zwei unterschiedliche Zugänge. Wir können verstehen, wenn jemand Israel beispielsweise als Apartheid-Staat oder rassistischen Staat beschreibt. Aber man kann nicht die Behandlung der Palästinenser mit der Verfolgung der Juden durch die Nazis gleichsetzen. Diese Form von Antisemitismus kann sich auf die Sicherheit der jüdischen Gemeinden auswirken. Ich denke, es gibt viel legitime Kritik an Israel, auch in Israel selbst. Wir müssen aber verstehen, dass sich Antisemitismus in den unterschiedlichsten Formen manifestieren kann. Wenn wir von Polizeiaktionen, vom Verhalten von Staatsanwälten und Richtern sprechen, müssen wir sämtliche Umstände berücksichtigen. Das erfordert nicht nur Präzision, sondern auch gesundes Urteilsvermögen.

Die Furche: Henri Lévy hat auch zwischen rechtem, islamistischem und linkem Antisemitismus unterschieden und gemeint, dass der linke der gefährlichste sei, weil seine Argumente am meisten Akzeptanz finden.

Baker: In Europa tritt der Antisemitismus in verschiedenen Ländern in unterschiedlicher Form auf. Die Ursachen für antisemitische Vorfälle können unterschiedlich sein. In Skandinavien zum Beispiel können in linken Kreisen sehr extreme Meinungen über Israel verbreitet werden. Diese können dann auch Auswirkungen auf die dortigen jüdischen Gemeinschaften haben. In den letzten zehn Jahren haben Vorfälle physischer und verbaler Aggressionen durch arabische und muslimische Täter zugenommen. Wenn man aber nach Ungarn schaut, so sind wir besorgt. Aber das kann man nicht vergleichen. Die Debatte über den Nahen Osten spielt praktisch keine Rolle. Vielmehr gibt es dort eine schroffe Stimmung gegen Zuwanderer. Die Regierung hat eine antisemitische Kampagne gegen den Finanzmagnaten George Soros entfesselt, den sie für alle Übel der Gesellschaft verantwortlich macht. Aber die jüdische Gemeinde in Ungarn selbst ist davon nicht betroffen.

Die Furche: Sie würden also die Anti-Soros-Kampagne als klar antisemitisch einstufen?

Baker: Sie spielt mit einem sehr traditionellen antisemitischen Topos. Als ich vor ein paar Monaten in Budapest war, haben mir die jüdischen Gemeindeältesten und ausländische Diplomaten das bestätigt. Die Regierung besteht aber darauf, dass sich ihre Kampagne nur gegen Flüchtlinge, nicht gegen die Juden richte. Die Zuwanderer werden dämonisiert, jedes Problem, das im Zusammenhang mit den Flüchtlingen auftritt, maßlos übertrieben. Aber Antisemitismus ist etwas anderes.

Die Furche: Sehen Sie einen Unterschied zwischen West-und Osteuropa betreffend Antisemitismus?

Baker: In Zentral-und Osteuropa geht es um die Schwierigkeiten, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Da sehen wir zum Beispiel wie faschistische Führer, die mit den Nazis kollaboriert und sich an der Judenverfolgung beteiligt haben, rehabilitiert werden. Ich denke da etwa an Mikl´os Horthy in Ungarn. In den Niederlanden können wir einen moderneren Antisemitismus beobachten. Das hat auch mit der islamischen Zuwanderung zu tun. Umfragen aus dem Jahr 2012 zeigen, dass viele Juden sich scheuen, in der Öffentlichkeit durch ihre Kleidung, wie die Kippa oder bestimmte Juwelen, erkennbar zu sein, weil sie physische Attacken fürchten. Das sieht man vor allem in Westeuropa. Wenn man Juden in Ungarn, der Ukraine oder selbst in Polen fragt, so sehen sie Sicherheitsbedenken vor allem in Westeuropa. Dort geht es also darum, dass die Regierungen dafür sorgen, dass die Juden in Sicherheit leben können.

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