Kinderzeichnung

Flüchtlingslager auf Lesbos: "Das ist kein Ort für Kinder"

1945 1960 1980 2000 2020

Nach dem Feuer in Moria waren fast 4000 Mädchen und Buben ohne Obdach und Schutz. Eine Helferin von „SOS-Kinderdorf“ berichtet im FURCHE-Interview über das Schicksal der jungen Flüchtlinge.

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Nach dem Feuer in Moria waren fast 4000 Mädchen und Buben ohne Obdach und Schutz. Eine Helferin von „SOS-Kinderdorf“ berichtet im FURCHE-Interview über das Schicksal der jungen Flüchtlinge.

Die Griechin Popi Gklivaist ist Notfall- Koordinatorin für „SOS-Kinderdorf International“ in Griechenland. Nach dem verheerenden Brand im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos reiste sie mit sieben Mitarbeiter(inne)n binnen weniger Stunden auf die Insel. Mit der FURCHE sprach sie über die katastrophalen Bedingungen, denen Kinder ausgesetzt sind, und darüber, was es braucht, um die Situation der Kleinsten zu verbessern.


DIE FURCHE: Frau Gklivaist, Sie waren nach dem Feuer als eine der ersten Helferinnen in Lesbos, um obdachlos gewordene Kinder zu betreuen. Wie groß war das Ausmaß der Hilfsbedürftigkeit?
Popi Gklivaist: Wenn wir über die geflüchteten Kinder auf Lesbos, die vom Feuer betroffen waren, sprechen, müssen wir unterscheiden zwischen jenen, die mit ihren Familien vor Ort sind, und jenen, die unbegleitet sind. Die unbegleiteten Geflüchteten haben in der Regel keine Angehörigen. In manchen Fällen kamen sie zwar zunächst mit Verwandten in Lesbos an, aber in weiterer Folge übernahmen deren Fürsorge die staatlichen Behörden. Die Mehrheit davon sind Buben zwischen 15 und 17 Jahren. Und all jene, deren Obsorge die griechische Regierung übernommen hat, konkret sind das 407, wurden mittlerweile nach Nordgriechenland oder nach Athen gebracht. Sie leben derzeit in Hotels oder vergleichbaren Unterkünften.


DIE FURCHE: Und was ist mit jenen Kindern geschehen, die mit ihren Familien vor Ort sind?
Gklivaist: Das sind rund 4000 Mädchen und Buben. Sie haben nach dem Brand am Straßenrand gelebt und geschlafen. Sie hatten nicht genug Trinkwasser. Sanitäre Anlagen, um auf die Toilette zu gehen oder sich zu waschen, fehlten gänzlich. Auch Hunger war ein Thema. Ihre Eltern standen Stunden über Stunden in den Warteschlangen für die Essensausgabe. Als ich in Lesbos ankam, fand ich ein unbeschreibliches Chaos vor. Auf einen Schlag waren 12.000 Menschen obdachlos geworden. Was ich aber schon auch festhalten möchte: Die Lage geflüchteter Kinder war bereits vor dem Brand katastrophal. Auch wenn sie davor statt am Straßenrand in Zelten gelebt hatten – in einem Camp wie Moria aufzuwachsen ist weder gesund noch sicher. Die Rahmenbedingungen für eine gesunde Entwicklung könnten nicht schlechter sein. Es fehlte an allem, was für das Kindeswohl nötig ist. Wir haben und hatten es mit Vernachlässigung in Extremform zu tun.


DIE FURCHE: Was genau meinen Sie damit?
Gklivaist: Die betroffenen Familien haben eine Flucht hinter sich. Sie waren vielen Gefahren ausgesetzt, mussten um ihr Leben bangen. Auch wurden viele von ihnen Opfer von kriminellen Machenschaften durch Schlepper. Und als sie ihr Ziel erreicht hatten, wartete vor allem eines auf sie: Perspektivenlosigkeit. Diese Menschen saßen Monate, ja oft Jahre, in Moria fest, ohne zu wissen, wie es weitergehen wird. Viele Angehörige waren weder physisch noch psychisch in der Lage, ihre Kinder adäquat zu behüten, zu betreuen, zu versorgen, zu fördern. Auch jegliche Infrastruktur, die dem Kindeswohl dient, hat gefehlt. Die Zelte waren schlecht isoliert, die Kinder waren jeglicher Witterung schutzlos ausgesetzt. Auch fehlte es an Elektrizität, um ihnen regelmäßig warme Mahlzeiten zukommen zu lassen. Darüber hinaus gab es weder Schulen noch Kindergärten oder irgendeine andere Möglichkeit für kindgerechte Entfaltung. Sehr viele Mädchen und Buben waren seit frühester Kindheit auf sich gestellt, hatten keinen geregelten Tagesablauf, spielten im Schmutz, befanden sich permanent im Stressmodus. Krankheiten blieben unbehandelt. Ja, ins Camp kamen immer mal wieder Kinderärzte oder Psychologen. Auch NGOs waren da. Aber das war bei Weitem nicht ausreichend für die Anzahl an Hilfsbedürftigen. Im Klartext: Diesen Kindern wurde die Kindheit geraubt.

Die Griechin Popi Gklivaist ist Notfall- Koordinatorin für „SOS-Kinderdorf International“ in Griechenland. Nach dem verheerenden Brand im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos reiste sie mit sieben Mitarbeiter(inne)n binnen weniger Stunden auf die Insel. Mit der FURCHE sprach sie über die katastrophalen Bedingungen, denen Kinder ausgesetzt sind, und darüber, was es braucht, um die Situation der Kleinsten zu verbessern.


DIE FURCHE: Frau Gklivaist, Sie waren nach dem Feuer als eine der ersten Helferinnen in Lesbos, um obdachlos gewordene Kinder zu betreuen. Wie groß war das Ausmaß der Hilfsbedürftigkeit?
Popi Gklivaist: Wenn wir über die geflüchteten Kinder auf Lesbos, die vom Feuer betroffen waren, sprechen, müssen wir unterscheiden zwischen jenen, die mit ihren Familien vor Ort sind, und jenen, die unbegleitet sind. Die unbegleiteten Geflüchteten haben in der Regel keine Angehörigen. In manchen Fällen kamen sie zwar zunächst mit Verwandten in Lesbos an, aber in weiterer Folge übernahmen deren Fürsorge die staatlichen Behörden. Die Mehrheit davon sind Buben zwischen 15 und 17 Jahren. Und all jene, deren Obsorge die griechische Regierung übernommen hat, konkret sind das 407, wurden mittlerweile nach Nordgriechenland oder nach Athen gebracht. Sie leben derzeit in Hotels oder vergleichbaren Unterkünften.


DIE FURCHE: Und was ist mit jenen Kindern geschehen, die mit ihren Familien vor Ort sind?
Gklivaist: Das sind rund 4000 Mädchen und Buben. Sie haben nach dem Brand am Straßenrand gelebt und geschlafen. Sie hatten nicht genug Trinkwasser. Sanitäre Anlagen, um auf die Toilette zu gehen oder sich zu waschen, fehlten gänzlich. Auch Hunger war ein Thema. Ihre Eltern standen Stunden über Stunden in den Warteschlangen für die Essensausgabe. Als ich in Lesbos ankam, fand ich ein unbeschreibliches Chaos vor. Auf einen Schlag waren 12.000 Menschen obdachlos geworden. Was ich aber schon auch festhalten möchte: Die Lage geflüchteter Kinder war bereits vor dem Brand katastrophal. Auch wenn sie davor statt am Straßenrand in Zelten gelebt hatten – in einem Camp wie Moria aufzuwachsen ist weder gesund noch sicher. Die Rahmenbedingungen für eine gesunde Entwicklung könnten nicht schlechter sein. Es fehlte an allem, was für das Kindeswohl nötig ist. Wir haben und hatten es mit Vernachlässigung in Extremform zu tun.


DIE FURCHE: Was genau meinen Sie damit?
Gklivaist: Die betroffenen Familien haben eine Flucht hinter sich. Sie waren vielen Gefahren ausgesetzt, mussten um ihr Leben bangen. Auch wurden viele von ihnen Opfer von kriminellen Machenschaften durch Schlepper. Und als sie ihr Ziel erreicht hatten, wartete vor allem eines auf sie: Perspektivenlosigkeit. Diese Menschen saßen Monate, ja oft Jahre, in Moria fest, ohne zu wissen, wie es weitergehen wird. Viele Angehörige waren weder physisch noch psychisch in der Lage, ihre Kinder adäquat zu behüten, zu betreuen, zu versorgen, zu fördern. Auch jegliche Infrastruktur, die dem Kindeswohl dient, hat gefehlt. Die Zelte waren schlecht isoliert, die Kinder waren jeglicher Witterung schutzlos ausgesetzt. Auch fehlte es an Elektrizität, um ihnen regelmäßig warme Mahlzeiten zukommen zu lassen. Darüber hinaus gab es weder Schulen noch Kindergärten oder irgendeine andere Möglichkeit für kindgerechte Entfaltung. Sehr viele Mädchen und Buben waren seit frühester Kindheit auf sich gestellt, hatten keinen geregelten Tagesablauf, spielten im Schmutz, befanden sich permanent im Stressmodus. Krankheiten blieben unbehandelt. Ja, ins Camp kamen immer mal wieder Kinderärzte oder Psychologen. Auch NGOs waren da. Aber das war bei Weitem nicht ausreichend für die Anzahl an Hilfsbedürftigen. Im Klartext: Diesen Kindern wurde die Kindheit geraubt.

Wir sprechen von Vernachlässigung in Extremform. Die Heranwachsenden befinden sich permanent im Stressmodus.

DIE FURCHE: Welche Spätfolgen sind zu erwarten?
Gklivaist: Ich bin keine Psychologin. Aber meine langjährige Erfahrung als „SOS-Kinderdorf“-Projektleiterin sagt mir, dass es
unmöglich ist, ein Aufwachsen in Moria, ein Ereignis wie diesen Brand, die Eindrücke der Flucht, unbeschadet zu überstehen. Jedes Kind wird auf seine Weise ein Trauma davontragen. Zudem fehlt es den Mädchen und Buben an Gelegenheit, zu lernen und die eigenen Fähigkeiten zu entdecken. Auch im Hinblick auf die soziale Kompetenz.

DIE FURCHE: Was können Organisationen wie „SOS-Kinderdorf“ tun, um die Lage für Betroffene zu verbessern?
Gklivaist: Uns geht es in erster Linie darum, die Familien zu unterstützen. Es kann nicht so weitergehen, dass die Buben und Mädchen permanent mit dem Gefühl von Mangel, Niedergeschlagenheit und Verzweiflung leben müssen. Sie brauchen eine Vorstellung von ihrer Zukunft, und sie müssen auf ihre Zukunft vorbereitet werden. Viele sprechen in diesem Zusammenhang von „Lost Generation“. Ich lehne das ab. Diese Kinder haben das Potenzial, ein gutes Leben zu führen. Wir als Gesellschaft müssen ihnen dabei helfen.

DIE FURCHE: Im Falle von „SOS-Kinderdorf“ – wie sieht diese Hilfe konkret aus?
Gklivaist: Mittelfristig geht es darum, so etwas wie Normalität herzustellen. Etwa durch formale, aber auch informelle Bildungsangebote. Unsere Mitarbeiter versuchen zudem, das Selbstbewusstsein der traumatisierten Kinder zu stärken, ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Wir versuchen auch, das Erlebte aufzuarbeiten. Etwa, indem wir mit ihnen gemeinsam malen und über das sprechen, was sie auf Papier gebracht haben. Die Regierung hat auch versprochen, dass die Gesundheitsvorsorge in dem neu erbauten Camp verbessert werden soll. Wir werden Druck machen, dass diese Versprechen eingehalten werden. Und im internationalen Zusammenhang werden wir als NGO immer wieder betonen, dass die Situation nur auf europäischer Ebene gelöst werden kann. Kein Land kann das allein stemmen.

Unterstützen Sie SOS-Kinderdorf unter "Hilfe auf Lesbos".
Spendenkonto: IBAN AT62 1600 0001 0117 3240
Kennwort: Nothilfe www.sos-kinderdorf.at/nothilfe
SMS-Spenden mit gewünschtem Spendenbetrag an 0676/800 7010 Kennwort: Nothilfe

Helferin

Popi Gklivaist

SOS-Kinderdorf Notfallkoordinatorin

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