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Ukraine: Geschichte umschreiben

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ukraine sucht eine von der sowjetischen Geschichtsschreibung unabhängige Historie zu konstruieren. Aber eine Vergangenheit zu schaffen, die alle akzeptieren, ist nicht leicht.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ukraine sucht eine von der sowjetischen Geschichtsschreibung unabhängige Historie zu konstruieren. Aber eine Vergangenheit zu schaffen, die alle akzeptieren, ist nicht leicht.

Wo einst ein rosa-marmorner Lenin stand im Zentrum Kiews, steht heute nur mehr der Sockel. Künstler verwenden ihn, immer wieder auch dient er als Podest für Fotoshootings. Ein paar Straßen weiter führte einst die Krasna Armenskaja, die Straße des roten Armenien, aus dem Zentrum in die Vororte der Stadt – heute heißt sie Velika Vasilkivka. Und das Ende des Zweiten Weltkrieges wird nicht mehr am 9. Mai wie in Russland sondern am 8. Mai gefeiert. Und überhaupt: Vom Zweiten Weltkrieg wird gesprochen, nicht mehr vom großen vaterländischen Krieg.

Kommunistische Symbolik ist verschwunden aus der Öffentlichkeit der Ukraine. Das ist kein Zufall oder eine Fügung. Es ist die Folge einer sehr bewusst getroffenen politischen Entscheidung. Nach der Revolution 2014 beschloss die neue ukrainische Regierung, die Hoheit über die eigene Geschichtsschreibung selbst in die Hand zu nehmen. 2015 beschloss das Parlament schließlich ein Paket von Gesetzen, das als Dekommunisierungs-Paket bekannt wurden. Seither wurden Straßen und Orte umbenannt, Denkmäler entfernt.

Alina Shpak war Vize-Direktorin des Nationalen Instituts für Erinnerung, einer 2015 im Zuge der beschlossenen Gesetze ins Leben gerufenen Institution. Bei der Dekommunisierung geht es laut ihr weniger darum, Symbolik aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen, sondern um eine grundlegende Veränderung der Struktur der Gesellschaft.

Alte Werte ohne Namen

„Wir hatten rund 100 Orte, die nach Lenin benannt waren, in der Ukraine. All diese Leninka, Leninske, Uljanovka. Können sie sich die Landkarte der Ukraine vorstellen?“, sagt sie und nennt ein Beispiel: „In Dnjepropetrowsk konnte man über den Lenin-Platz gehen, die Lenin-Straße runter gehen, dann kommt man zur Leninbrücke, von wo aus man eine Fabrik sieht, die nach Lenin benannt ist.“ Es gehe hier um die Werte, für die diese Menschen stehen.
Dnjepropetrowsk heißt heute übrigens nur mehr Dnipro. Der Petrowsk wurde gestrichen. Denn gerade Dnjepropetrowsk gilt als Paradebeispiel: Von einem „historischen Paradoxon“ spricht Alina Shpak. „Petrowski war eines der bösen Genies des Holodomor“, sagt sie.

Die Geschichte der Ukraine ist eine voller Traumata. Unaufgearbeiteter Traumata. Und der Holodomor, der ist das große Trauma des Landes. Im Zuge einer gezielten Aktion zur Aushungerung der latent anti-sowjetisch eingestellten, vor allem aber auch gegen die Sowjets aufständischen ukrainischen Landbevölkerung 1932 und 1933 starben geschätzte sieben Millionen Menschen.