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Literatur

Marille und Grätzel werden schon nicht aussterben"

1945 1960 1980 2000 2020
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Richard Schrodt, Germanist an der Universität Wien und Mitglied der "Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung", über die Zunahme von Anglizismen, die Gefährdung des österreichischen Deutsch und die Rechtschreibreform.

Die Furche: Um mit dem Titel eines Ihrer Bücher zu sprechen: "Warum geht die deutsche Sprache immer wieder unter?"

Richard Schrodt: Das ist natürlich ironisch gemeint. Die Sprache geht selbstverständlich nicht unter - sie ändert sich nur, wie jede lebendige Sprache. Das Altgriechische und das Lateinische werden sich nicht mehr ändern. Aber sobald es jemandem einfallen würde, lateinisch zu sprechen, würde auch diese Sprache sich wandeln.

Die Furche: Dennoch führen Änderungen oft zu emotionalen Reaktionen - etwa in Leserbriefen...

Schrodt: Ich habe einmal Leserbriefe untersucht, in denen manche sogar die "Sprachpolizei" zurückhaben wollten. (In der HörfunkSendung "Achtung Sprachpolizei" verteilte der Wiener Germanist Karl Hirschbold in den fünfziger und frühen sechziger Jahren Strafmandate für "Sprachsünder", Anm. d. Red.) Das Problem ist aber, dass es wissenschaftlich betrachtet keinen Maßstab für Sprachrichtigkeit gibt. Sagt man etwa "wegen Urlaub" oder "wegen Urlaubs geschlossen"? Man kann nicht einfach behaupten, eine Wendung sei falsch oder richtig, wenn man sich vom Gebrauch abkoppelt. Schon Wittgenstein hat gesagt: "Die Sprache ist ihr Gebrauch". Aber viele Leute, vor allem ältere, haben selbst in der Schule gelernt, dass man "wegen" mit einem Genitiv konstruiert. Und die schreiben dann Leserbriefe.

Die Furche: Ein Kritikpunkt vieler Leserbriefschreiber - aber auch des "Vereins Deutsche Sprache" - ist die zunehmende Zahl von Anglizismen. Als Rettungsversuch bietet der Verein auf seiner Homepage zu 4.600 Wendungen deutsche "Übersetzungen" an...

Schrodt: Solche fremdwortpuristischen Vereine hat es immer schon gegeben. Das Kapitel Fremdwortbereinigung ist sicher ein Problem. Bei vielen Wörtern wissen wir gar nicht mehr, dass sie von auswärts kommen: Man denke nur an "Fenster" oder "Mauer", die aus dem Latinischen stammen. Immer wenn eine Kultur von einer anderen Kultur etwas lernt, wird mit den fremden Dingen auch das fremde Wort übernommen. Und die Kultur, von der wir heute am meisten lernen, ist das Amerikanische. Die meisten so genannten Fremdwörter sind auch nicht richtig zu übersetzen: Wie übersetzt man "Event"? Und wie "Groupie"? Ein Mitglied aus diesem Verein hat es mit "Pop-Schlampe" übersetzt. So etwas ist aber tendenziös.

Die Furche: Es gibt auch paradoxe Worte wie "Handy", die ein Kunstenglisch darstellen. Prophezeien Sie diesem Wort eine lange Lebensdauer?

Schrodt: Das Wort "Handy" ist selbst "handy" - nämlich handlich: Es ist kurz und leicht auszusprechen. Deshalb sage ich ihm eine gesicherte Zukunft voraus. Natürlich kann man es übersetzen mit "Taschentelefon" oder "Mobiltelefon", aber das ist viel zu umfangreich. Ein anderer Fall ist das "SMS", das eigentlich "Short Message Service" bedeutet, aber meist für die Botschaft selbst verwendet wird, die im Grunde "SM" ("Short Message") heißen müsste. Dieses Abkürzungswort mag grammatikalisch fragwürdig sein, aber es hat sich eben durchgesetzt.

Die Furche: Während Anglizismen zunehmen, ist die Zahl deutscher Lehnwörter in anderen Sprachen eher gering. Manche meinen, Deutsch habe einen altertümlichen Touch...

Schrodt: Es gibt schon deutsche Lehnwörter wie "kindergarden" oder "angst". Aber zweifellos lassen sich kulturgeschichtliche Unterschiede gut am Wortschatz ablesen. Am Beginn des 20. Jahrhunderts war etwa Französisch die Prestigesprache. Meine Großmutter hat noch "Trottoir" und "Parapluie" gesagt, und am Bahnsteig ist sie auf den "Perron" gegangen. Das ist alles verschwunden. Es wäre schon möglich, gegen Fremdwörter vorzugehen - wenn es eine Institution gäbe, die sich wie die "Académie Française" darum kümmert. Doch wir haben so etwas nicht.

Die Furche: Nicht nur Anglizismen, auch das Bundesdeutsche bricht sich - gerade unter den Jugendlichen - Bahn. Machen Sie sich um das österreichische Deutsch Sorgen?

Schrodt: Dem österreichischen Deutsch wird nicht allzu viel passieren. "Marille" und "Grätzel" werden schon nicht aussterben. Richtig ist natürlich, dass in gewissen Szenesprachen verstärkt Wörter aus dem Bundesdeutschen vorkommen. Zweifellos haben wir das Problem, dass es bei vielen Filmen Synchronisierungen gibt, die nicht an das Österreichische denken. Aber es gibt auch Gegenbeispiele: Kürzlich habe ich einen Film gesehen, der in seinen Untertiteln nicht das Wort "Tüte", sondern "Sackerl" verwendet hat. Vielleicht ist das die Lösung: Filme öfter im Original zu zeigen und mit österreichischem Deutsch zu synchronisieren. Das würde übrigens auch die Fremdsprachenkompetenz erhöhen.

Die Furche: Die Kompetenz in einem anderen sprachlichen Bereich - der neuen Rechtschreibung - ist noch relativ niedrig. Laut einer aktuellen Umfrage schreibt die Hälfte der österreichischen Bevölkerung noch "alt"...

Schrodt: Das war zu erwarten, denn die Leute werden ihre gewohnte Rechtschreibung nicht leicht aufgeben. Die Rechtschreibreform bringt die wichtigsten Erleichterungen ja für Neulerner, also für die Kinder, die jetzt in der Schule sind. Und hier hat sie sich im Großen und Ganzen bewährt.

Die Furche: Sind Sie also als Mitglied der Rechtschreibkommission mit der Reform zufrieden?

Schrodt: Ja. Man kann objektiv sagen, dass sie einige Erleichterungen gebracht hat - wenn auch viel weniger, als wir ursprünglich geplant hatten. Die gemäßigte Kleinschreibung ist etwa aus politischen Gründen nicht durchgesetzt worden. Das erstaunlichste Phänomen bei der Rechtschreibreform ist sicher, dass es Gruppen gibt, die sich mit einem geradezu politischen Enthusiasmus gegen dieses Reförmchen gewehrt haben.

Die Furche: Liegt nicht in der Tatsache, dass es nur ein Reförmchen geworden ist, das eigentliche Problem?

Schrodt: Mag sein, aber es sind hier Dinge passiert, die ich absolut nicht nachvollziehen kann. Man hat gefürchtet, dass sich verschiedene Schreibweisen nebeneinander etablieren würden. Doch das ist völlig falsch. Man hat sich auch über unsere synchronischen Etymologien aufgeregt: Darüber, dass man nun statt "Tolpatsch" "Tollpatsch" schreibt oder statt "numerieren" "nummerieren". Leute, denen das Lateinische lieb und wert ist, werden sicher beim Wort "nummerieren" nicht gern ein doppeltes "m" schreiben. Normalerweise denkt man aber bei diesem Wort an "Nummer" - und beim "Tollpatsch" an "toll".

Die Furche: Bei Wörtern wie "Freilassungserklärung" denken viele an gar nichts. Deshalb hat man sich im Rahmen des Projekts "Wien spricht anders" vorgenommen, unverständliches Amtsdeutsch aus Bescheiden und Formularen zu beseitigen. Glauben Sie an den Erfolg dieser Aktion?

Schrodt: Es hat schon viele derartige Versuche gegeben, und alle sind gescheitert: Diese Fachsprache ist derart standardisiert, dass jede kleinste Änderung ziemlich große Folgen hat. Außerdem ist sie für diejenigen, die sie benützen, identitätsstiftend. Ich wünsche dem Projekt viel Glück, aber ich glaube nicht, dass es erfolgreich sein wird.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.