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Feuilleton

Verfall der Sprache?

1945 1960 1980 2000 2020

Anglizismen werden oft als sprachzersetzend betrachtet. Linguisten jedoch wissen: Um zu überleben, muß eine Sprache offen für Neuerungen sein.

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Anglizismen werden oft als sprachzersetzend betrachtet. Linguisten jedoch wissen: Um zu überleben, muß eine Sprache offen für Neuerungen sein.

Englisch, wohin man blickt: Kids zappen vom "Konfetti-Tivi" zu den neusten Charts in MTV. Internet-User chatten in der virtual reality. Und in Stellenanzeigen werden Account-Manager, Treasurer oder Junior Consultants gesucht. "Bitte, was ist das?" fragte Sylvia M. Patsch stellvertretend für viele in der Furche 43/89. Die ansteigende Flut von Anglizismen im Deutschen ruft Kritiker auf den Plan, die sich um den Fortbestand unserer Muttersprache sorgen und gegen die Verwendung von Wörtern englischer Herkunft wettern.

"Um sich aufzupudeln, verwendet man Elemente einer prestigereichen Fremdsprache. Viele Leute glauben, sich dadurch wichtiger zu machen", erklärt Wolfgang U. Dressler, Vorstand des Instituts für Sprachwissenschaft der Universität Wien. Und fügt hinzu: "Das hat es immer schon gegeben." Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein stand das Lateinische als Kirchensprache, vom 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts das Französische als Sprache der Diplomatie in höchstem Ansehen. Andere Sprachen, darunter auch die deutsche, übernahmen im Laufe ihrer Geschichte unzählige Ausdrücke dieser beiden (ehemaligen) Weltsprachen.

Im Fall von Keller (lateinisch: cellarium) oder Zwiebel (lateinisch: cepulla) etwa wurde zusammen mit dem Bezeichneten auch das Bezeichnende ins Althochdeutsche übernommen: Selbst deutsche Wörter aus dem alltäglichsten Bereich wurden bisweilen durch fremde ersetzt: Oheim und Muhme wichen den französischen Begriffen Onkel und Tante, der Vetter und die Base dem Cousin und der Kusine. So vertraut uns diese Wörter heute auch scheinen, einst waren sie nichts anderes als Latinizismen und Französizismen, gegen die manche Zeitgenossen Sturm liefen. Nicht anders ist es mit der österreichischen Variante des Deutschen: Vermeintlich urwiener Ausdrücke wie Fiaker oder Pompfüneberer (Leichenbestatter) kommen aus dem Französischen.

Begonnen haben alle diese Wörter als Gastwörter: Ausdrücke, die überhaupt nicht in die eigene Sprache integriert sind und zum Teil noch so ausgesprochen werden, wie in ihrer Herkunftssprache. Das ist der Status, den die meisten Anglizismen heutzutage innehaben. Viele der modischen Gastwörter verschwinden wieder, doch einige werden nach einer bestimmten Zeit in Aussprache, Deklination oder Flexion dem Deutschen angepaßt und damit zu Fremdwörtern; diese sind noch immer leicht als fremden Ursprungs erkennbar: zum Beispiel Niveau, Affäre oder die meisten Verben, die auf -ieren enden. Lehenwörter schließlich wurden vor so langer Zeit entlehnt, daß ihre Herkunft nur noch für Sprachwissenschaftler erkennbar ist. Welcher Laie würde schon den vermeintlich urdeutschen Begriff Pfalz als Lehenwort identifizieren? Und doch leitet es sich - ebenso wie Palais und Palast - aus dem lateinischen palatium her.

Unter massiver Anwendung von Fremd- und Lehenwörtern ("unreflektiert", "peinlich") fordern viele: Weg mit dem englischen Unrat aus dem deutschen Sprachgut! Es sind vor allem einzelne Wörter, worüber sich Sprachtraditionalisten empören. Weniger Offensichtliches wie Lehen-übersetzungen (Wolkenkratzer von skyscraper) oder Wendungen, die einem englischen Vorbild nachgeahmt sind (jemanden schneiden) sind weit weniger anstößig.

"Die Sprachpuristen bewegen sich auf einem fachlich niedrigen Niveau", formuliert Sprachwissenschaftler Dressler höflich. Auf der Universität jedenfalls sei der Typus des Sprachbewahrers ("Leute, die in irgendeiner Form von der Zeit des Nationalsozialismus geprägt sind") ausgestorben: "Heute will niemand mehr Don Quixote spielen". Als nüchterner Wissenschaftler, der beobachtet und erklärt, weiß Dressler: "Eine Sprache, die überleben will, muß in allen Lebenssituationen funktionstüchtig sein. Für Innovationen, welche die Gesellschaft hervorbringt, müssen sprachliche Äquivalente geschaffen werden." Eine Sprache gerät also nicht dadurch in Gefahr, daß sie Anleihen bei anderen Sprachen nimmt, sondern daß sich in ihr vieles nicht mehr ausdrücken läßt. "Nur wenn sich eine Sprache weiterentwickelt, bleibt sie erhalten", bringt der Frankfurter Anglist Klaus Reichert dieses Faktum auf den Punkt.

Was einst Latein und Französisch waren, ist heutzutage Englisch. Englisch ist die Sprache des technischen Fortschritts und die Sprache der Jugendkultur. Wer als Internet-Benutzer nicht Englisch versteht, für den ist das globale Dorf ein spanisches. All das macht Englisch zu jener Sprache, aus der heute mit Abstand am meisten Wörter in andere Sprachen übernommen werden. Dressler verleugnet nicht die "explodierende Zahl" an englischen Kontakteinflüssen und er gibt auch zu bedenken, daß wegen der enormen Schnelligkeit, mit der immer mehr neue Gastwörter ins Deutsche einfließen, vor allem ältere Menschen überfordert sind. Doch an einer Veränderung kommt die Sprache nicht vorbei.

Dresslers Wunschvorstellung ist es, daß die ungeliebten Gastwörter möglichst schnell in Form von Fremdwörtern ins Deutsche integriert werden, sich Übersetzungen einbürgern oder gar eigene Terme erfunden werden. Von sprachpolizeilichen Maßnahmen hingegen hält er wenig. Zwar heißt es in Frankreich - wo die Herren der Academie Francaise mit Strenge über die Staatssprache wachen - ordinateur, nicht computer, und logiciel, nicht software; doch das Beharren der letzten konservativen Regierung, alle fremden Spracheinflüsse aus der Sprache Voltaires und Flauberts zu bannen, hinterließ sogar bei vielen Franzosen den Eindruck von Chauvinismus und Kleinkariertheit.

Bei sprachpolizeilichen Maßnahmen werde oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, meint Dressler. In Kroatien werde derzeit das Kroatische aus politischen Gründen entserbisiert. Der linguistischen Säuberung fallen jedoch auch seit langem eingebürgerte Lehenwörter zum Opfer, etwa krumpur (Kartoffel), das sich von dem in der Steiermark verwendeten Dialektausdruck Grundbirne herleitet.

Auch um die Durchführbarkeit ist es nicht gut bestellt: Im deutschen Sprachraum würden sich etwaige gesetzliche Maßnahmen gegen Anglizismen besonders schwierig gestalten, denn Deutsch ist Nationalsprache dreier Staaten. Nicht einmal in Deutschland gebe es ein sprachbestimmendes Zentrum, betont Dressler: "Schon bei der Rechtschreibreform hat man sehr lange gebraucht, um sehr wenig durchzusetzen."

Auch in der Vergangenheit haben Versuche, fremde Einflüsse vom Deutschen fernzuhalten, nicht gefruchtet. Gesichtserker, Meuchelpuffer und Dachschnauber kamen nicht gegen die von manchen bekämpften Wörter Nase, Pistole und Kamin an. Letztere kamen tatsächlich aus dem Französischen, doch in bezug auf Nase hatten die Beckmesser des 18. Jahrhunderts nicht den richtigen Riecher: Der Ausdruck leitet sich nämlich nicht - wie behauptet wurde - vom Lateinischen nasa ab, sondern geht direkt auf das Indogermanische, die Mutter fast aller europäischen Sprachen, zurück.