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Die Dialekte werden nicht aussterben

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In Österreich gibt es unzählige Mundarten. Sprachwissenschaftler arbeiten an einem umfassenden Lexikon.

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In Österreich gibt es unzählige Mundarten. Sprachwissenschaftler arbeiten an einem umfassenden Lexikon.

Die Stimme aus dem Lautsprecher klingt, als käme sie aus dem tiefsten Ötztal: Fahknfinf Minuten ftr Sechse. Doch keinem Tiroler würde es einfallen, eine Auskunft über die Uhrzeit (Fünf vor sechs) derart merkwürdig auszudrücken. So spricht man nicht im Heiligen Land - sehr wohl aber im brasilianischen Urwald, in der im vorigen Jahrhundert von Tiroler Auswanderern gegründeten Siedlung Colonia Tirol. Der Satzbau von Fahlen finf Minuten fir Sechse entspricht genau dem Aufbau des entsprechenden Satzes im Portugiesischen; die Bewohner von Colonia Tirol haben ihn einfach aus dieser Sprache übernommen.

Das exotische Beispiel für eine österreichische Mundart findet sich auf einer vom Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika herausgegebenen CD-Bom, die einen Überblick über Dialekte in Österreich und in einigen österreichischen Sprachinseln gibt. Neben Colonia 1 irol gibt es am amerikanischen Kontinent noch zwei weitere Enklaven, in denen österreichisch - interessanterweise ebenfalls tirolerisch - gesprochen wird: Das 1859 gegründete Po-zuzo im peruanischen Begenwald und die Höfe der Hutterer, einer Sekte, die ihre Weltanschauung und ihre Sprache seit Jahrhunderten konserviert hat. Ihr Gründer Jakob Hutterer wurde 1536 in Innsbruck als Ketzer verbrannt, seine Anhänger mußten daraufhin Tirol verlassen und haben eine wahre Odyssee hinter sich: Über Südmähren, Siebenbürgen, das südliche Bußland gelangten sie schließlich 1871 in die USA.

Die CD-Rom bietet einen Einblick in das ehrgeizige Vorhaben des Instituts für Österreichische Dialekt- und Namenlexika: die Erstellung eines

„Wörterbuchs der Bairischen Mundarten in Österreich”, bestehend aus 12 bis 15 Bänden. In den sechziger Jahren wurde mit dem Mammut-Projekt begonnen. „Etwa im Jahr 2040 wird es fertig sein”, gibt sich Werner Bauer, Leiter des Instituts, optimistisch. Neben den Sprachinseln in Amerika und Europa (unter anderem: Budweis in Tschechien, Gottschee in Slowenien, und Sieben Gemeinden im Tren-tino) geht es um die verschiedenen Formen des Bairischen (mit i), zu dem der größte Teil der in Österreich gesprochenen Dialekte gehört. Nur in Vorarlberg wird alemannisch gesprochen, eine grundsätzlich andere Variante der deutschen Sprache.

Für dieses Forschungsprojekt werden in möglichst vielen Gemeinden -für die Sprachwissenschaft ist das Dorf die kleinste Einheit - Sprachproben gesammelt. Die Versuchskaninchen müssen in dem Ort aufgewachsen, (persönlich und damit sprachlich) gesetzt und gesund sein (Bauer: „Mit einen Zahnlosen können wir nichts anfangen”). Als Befrager werden vor allem Lehrer und Pfarrer eingesetzt, zu denen die Befragten ein gewisses Vertrauensverhältnis haben. Denn beim Kontakt mit offiziellen Stellen oder G'studier -ten aus der Stadt tendieren Mundartsprecher dazu, sich der Hochsprache zu bedienen. Doch sobald es um den ureigentlichen Lebensbereich geht, landen sie sehr schnell bei ihrem Dialekt.

Welche Worte sind in Gebrauch? Wie werden sie ausgesprochen? Wie werden Wörter dekliniert und konjugiert? Wie werden Sätze gebaut? Nach diesen Kriterien untersuchen und vergleichen die Sprachwissenschaftler die gesammelten Sprachproben. So' kann von jedem Wort die regionale Aussprache eruiert werden. Rot heißt demnach in Kärnten roat, im Mühlviertel mit, im Waldviertel rout und in Niederösterreich nahe Wien rot. Das gilt für jedes o dieser Art, wie etwa in Tod. Bei Brot allerdings ist diese Gesetzmäßigkeit gebrochen. Da Brot auch im Zusammenhang mit kirchlichen Riten eine Rolle spielt, wird auch das Wort zumeist in der Hochsprache verwendet - Brot eben.

Dschüsli statt Tschüß

Daß die österreichischen Mundarten vom Untergang bedroht wären, hält Werner Rauer für Unfug: „Es ist unvorstellbar, daß man in 100 Jahren einen Wiener nicht mehr von einem Tiroler unterscheiden kann.” Freilich verschwinden bestimmte Wörter -einfach aus dem Grund, weil die dazugehörigen Dinge verschwinden. In einer Zeit, wo moderne landwirtschaftliche Maschinen die traditionellen bäuerlichen Arbeitsmittel abgelöst haben, besteht keine Notwendigkeit mehr, die einzelnen Teile eines Heuwagens zu benennen. Auch verändern sich Dialekte im Iauf der Zeit. Sie übernehmen Elemente aus anderen Sprachen: der Hochsprache, aber auch aus Fremdsprachen, wie etwa im Fall der Sprachinseln.

Sogar in traditionellen Dialekten haben sich Lehenwörter etabliert: Potschamber (Nachttopf) oder Pompfiineberer (Leichenbestatter), zwei urwiener Ausdrücke, kommen aus dem Französischen: pot de cham-bre und pompes funebres. Solchen Entlehnungen sind keine Grenzen gesetzt: Wie viele andere ältere Österreicher auch, hatte Rauer lange Zeit eine Abneigung gegen den aus Deutschland importierten Abschiedsgruß Tschüß. Doch das hat sich geändert: „ Tschüß ist mittlerweile in die Mundart eingegangen, sogar mit entsprechenden Anpassungen. In Kärnten habe ich schon jemanden Dschüsli sagen hören ...” % die CD-Rom kann im „Zentrum der Begegnung” der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wollzeile 27a, 1010 Wien, Einsicht genommen werden.

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