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Am Weihnachtsabend ist Premiere

Die Ungarn im Burgenland sind die Nachfahren der ehemaligen ungarischen Grenzwächter, die seit tausend Jahren hier ansässig sind. Da sie schon in der Zeit, als dieses Gebiet noch zu Ungarn gehörte - bis 1921 -, in Sprachinseln lebten, da in den umliegenden Dörfern deutsch und kroatisch gesprochen wurde, läßt sich erklären, daß viele alte Traditionen bis in unsere Zeit bewahrt wurden.

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die Laienspiele der Kinder und Erwachsenen unmittelbar um Weihnachten. Schon monatelang vorher bereiten sich alle darauf vor. Im Verkündigungsbuch der Pfarre Unterwart findet sich— noch aus der ungarischen Zeit — die Mahnung des Pfarrers: „In den Weihnachtstagen soll dann niemand von den Weihnachtsspielen, die im Gemeinde-Gasthof vorgeführt werden, fehlen!“ Der in den siebziger Jahren verstorbene Weihbischof von Steinamanger, Josef Winkler, erzählte aus seiner Kindheit — in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts —,daß auch aus deutschsprachigen Orten wie Großpetersdorf Besucher nach Unterwart gekommen seien, um bei den Weihnachtsspielen dabeizusein.

Bis heute gibt es diese Weihnachtsspiele, und sie haben eine ganz besondere Bedeutung für die kleine ungarische Volksgruppe. Sie fördern den Gebrauch der ungarischen Sprache und stärken das Kultur- und Gemeinschaftsbewußtsein. Die Kinder, aber auch die Erwachsenen bereichern ihren Wortschatz und lernen viele für sie neue Wörter und Begriffe, indem sie die Texte erlernen. Re Weihnachtsspiele sind ein Ereignis und ein Fest für die ungarische Gemeinde.

In den letzten Jahrzehnten fanden nicht nur diese Weihnachtsspiele statt, sondern es entstand auch ein buntes Programm mit Weihnachtsliedern, -gedichten, mit Hirten- und Krippenspielen einzelner Gruppen. Bei den Kleinsten sind diese Weihnachtsauftritte oft „Premieren“: sie stehen zum ersten Mal auf der Bühne, und manchmal sind es auch ihre ersten Äußerungen in ungarischer Sprache — besonders dann, wenn die Mutter diese Sprache nicht beherrscht. Meist sind es dann die Großeltern, die mit den Kleinen die Texte einüben.

Die meisten Kinder erlernen die manchmal beachtlich langen Rollen leicht, und ihre Aussprache ist richtig. Auch wenn sie bisher ungarisch nicht gesprochen haben, hören sie j a oft diese Sprache, und so fällt sie ihnen gar nicht schwer. Selbstverständlich bleiben einige Lieder und Spiele jedes Jahr gleich, und die Jüngeren können dann von den Älteren lernen.

Aber jedes Jahr kommen zum „alten Schatz“ auch neue Spiele hinzu. Manchmal kommt es vor, daß Kinder dieselben Rollen spielen wie vor Jahrzehnten ihre Eltern; auch manche Großeltern können sich noch ganz genau an ihre eigenen Weihnachtsspiele erinnern.

Zwischen den beiden Weltkriegen und in den ersten Nachkriegsjahren waren es kleinere Gruppen von Zigeunern, die am Weihnachtsabend und am Morgen des Christtages mit einem Weihnachtslied von Haus zu Haus zogen, wofür sie einige Schillinge erhielten. Jetzt spielen auch Zigeunerkinder gemeinsam mit den anderen Kindern in den Hirten-und Krippenspielen.

Auch die übrigen Festtage ha-, ben bei den Ungarn ihre Bräuche. Am Stefanitag fand einst die Salzweihe statt, das Salz wurde dann an das Vieh verteilt. Am Tag des heiligen Evangelisten Johannes wird auch heute noch in der Kirche der Meßwein gesegnet, von dem, nach der Messe, alle Teilnehmer eine kleine Kostprobe bekommen. Am Tage der Unschuldigen Kinder ist in Siget noch das „Gesundschlagen“ mit einer geflochtenen Weidenrute üblich. Zu diesen Bräuchen gehören selbstverständlich entsprechende Sprüchlein.

In den letzten Jahrzehnten — im Gefolge der Dreikönigsaktion der Katholischen Jugend — besuchen schön gekleidete Könige, vom Pfarrer begleitet, fast eine Woche lang jedes Haus. Nach den Liedern und Versen — in Unterwart wird zum Beispiel das berühmte Gedicht von Attila Jözsef „Bet-lehemer Könige“ rezitiert - spendet der Priester den Haussegen.

Die Weihnachtsspiele und Weihnachtslieder werden seit einigen Jahren mit den wiederentdeckten, bodenständigen Instrumenten, den sogenannten „Schlagzithern“, begleitet. Einige ganz alte Leute können noch auf diesen Zithern spielen, die Jugendlichen bringen diese Instrumente mit großer Begeisterung zu einer neuen Blüte.

In den letzten Jahren wurden diese Bräuche auch über die noch heute bestehenden ungarischen Gemeinden in Oberpullendorf, Oberwart, Siget in der Wart und Unterwart durch Rundfunk- und Fernsehsendungen bekannt, auch die Ungarn in Wien zeigen Interesse.

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