Blätter - © Foto: Pixabay

Wir Übersetzer

1945 1960 1980 2000 2020

Weit davon entfernt, Nachbildner zu sein, schaffen Übersetzer eigene Originale.

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Weit davon entfernt, Nachbildner zu sein, schaffen Übersetzer eigene Originale.

Der Mensch ist ein Wesen, das auf das Übersetzen angewiesen ist wie auf die Luft. Alles Reden sei Übersetzung, schrieb Johann Georg Hamann. Man kann das ergänzen: alles Wahrnehmen und Empfinden ist es auch. Mit dem Übersetzen beginnt die Welt: ob für den Neuankömmling, der sich zwei fleischige Wülste in Objekte des Begehrens übersetzt, die Mutterbrust, ob für den Erfinder der Religion, der sich den Donner in die Stimme einer übernatürlichen Instanz übersetzt, die er glaubt fürchten zu müssen und daher vorsichtshalber anbetet.

Früh auch tauchen die Missverständnisse auf, die Fragen, ob etwas so oder so zu übersetzen sei, und sie sind oft unlösbar. Ist das "Klartext", was die Mutter meint, wenn sie es sagt, oder ist es eher das, was sie in ihrer Mimik und Gestik zum Ausdruck bringt, also das Gegenteil? Wie immer die Antwort ausfällt, ist sie falsch. Das kann in Extremfällen zu dem führen, was man "double bind" genannt und für die Entstehung von Schizophrenie verantwortlich gemacht hat. Im Sonderfall des Übersetzens literarischer Texte kann ein "double bind" es nötig werden lassen, beide Schichten übersetzen zu müssen, die wortwörtliche und die möglicherweise gegenläufige darunter. Aber wie?

Jede Kommunikation ist ein Übersetzungsvorgang, der auf mehreren Ebenen gleichzeitig abläuft. "Du hast das-und-das gesagt." "Ja, aber ich habe es anders gemeint." "Nein, ich seh's dir doch an, dass du genau das gemeint hast, was du gesagt hast." So lässt sich nur argumentieren, weil Wörter einen Spielraum haben, eine Unschärfe, an deren probierender Fixierung mindestens zwei beteiligt sind - der, der spricht, und der, der hört -, die keinesfalls den gleichen Konvergenzpunkt im Auge haben müssen. (Die Verständigung über den Wortgebrauch in der Alltagssprache ist ein Kompromiss und schließt das Missverständnis immer ein.) Die Diskrepanz zwischen Sagen und Meinen ist kaum zu vermeiden und macht (ohne dass wir das immer merken) mehrere Übersetzungsschritte nötig, um beide notdürftig zur Deckung zu bringen.

Paradoxerweise ist die Diskrepanz in der Literatur zunächst weniger offensichtlich, weil hier Bedeutung in einem komplexen Lenkungsvorgang jeweils hergestellt wird. Die Diskrepanz zeigt sich hier erst in großer Schärfe, wenn von einer Sprache in eine andere übersetzt wird. Übersetzer sagen gern, sie wollten übersetzen, was (oder wie es) der Autor gemeint hat. Aber wie wollen sie das wissen, selbst bei einem zeitgenössischen Autor, den man befragen kann, angesichts der Wahlmöglichkeiten schon des schlichtesten Wortes, die sich eröffnen? Und wie erst bei Texten, von denen uns Jahrhunderte oder Jahrtausende trennen?

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