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Die Zeit wegschreiben

Über den Einzug der Technik in die Literatur und in den Prozess des eigenen Schreibens. Ein Überzeugungsversuch von janko ferk.

Ich bin beim Schreiben auf Zeitlosigkeit aus.

Bei diesem programmatischen Gedanken verwundert mich immer nur die unwillkürliche Assoziation: Das in meinem Kopf sich wiederholende Bild einer schlichten und ästhetischen Armbanduhr. Natürlich fiele mir dazu insbesondere ein Markenname ein. Vielleicht sagt mir die eigene, innere Instanz, dass ein solcher gleichsam klassischer Zustand nicht möglich, weil undenkbar ist.

Zeitlosigkeit ist für mich jener Zustand, der ohne die Technik und deren Hilfsmittel auskommt. Konkret meine ich damit und zum Beispiel einen Roman, der ohne die Beschreibung und den Einsatz von Kraftfahrzeugen, Telefonen und selbstverständlich auch Uhren episch sein kann. Ich denke also an einen Roman, der vom Leben, von Ängsten, Gefühlen, Hoffnungen und vielleicht Enttäuschungen erzählt, der aber nie auf die so genannten modernen Errungenschaften angewiesen ist.

Franz Kafka ist dieser Vorstellung im "Schloß" ziemlich nahe gekommen, eigentlich "märchenhaft" nahe, wenn man an seinen "tiefen Schnee", "schwächsten Lichtschein" und den "Strohsack" denkt. Leider durchschneidet selbst Kafka diesen Raum scharf mit seiner Frage: "Wie, auch ein Telefon war in diesem Dorfwirtshaus?" Als ob er genau wüsste, welchen Umstand er der Literatur zufügt, fragt er doch nicht nur rhetorisch nach diesem eigentümlichen Gegenstand und gibt uns über das Gasthaus noch ironisch bekannt: "Man war vorzüglich eingerichtet." (Wer könnte im Angesicht dieses Einzugs der Technik in die Weltliteratur noch ernsthaft behaupten, Franz Kafka sei humorlos. Dieser Dichter hat auch an vielen anderen Stellen Technik in das Schrifttum eingebaut. Er hat ihr Platz eingeräumt. Wem fallen hier nicht die "Aeroplane in Brescia" ein und vor allem die grausame Technik aus der "Strafkolonie". Minutiös und visionär seziert ... Ja, visionär! Gesehen oder vielmehr befürchtet am Anfang des vorigen Jahrhunderts, ausgeführt zwanzig, dreißig Jahre später.)

Franz Kafka ist der erste entscheidende Schriftsteller, der der Technik Raum gegeben hat. Und wieder könnte man auf den Begriff kommen, der für das Zeitlose steht, die Klassik, zumal man die Technik noch genauer aufteilen könnte, in die klassische und moderne. Kafka hat - wohl bewusst - Zitate der modernen Technik eingesetzt. Die klassische Technik hat längst vor dem Meister aus Prag nach Platz gegriffen. Der erste, der über das Rad geschrieben hat, hat in die Literatur tatsächlich etwas Neues eingeführt.

Lange vor der Literatur war die Technik in der Welt. In der ursprünglichen Wortbedeutung macht sie jeden Anwender zum Künstler, zum Handwerkskünstler, der eine gewisse Summe von Regeln derart auf ein Ziel hinleitet, dass es einen Sinn ergibt und das Leben im landläufigen Sinn leichter macht.

Ein gewisses Verfahren oder eine Methode können eine Handhabung bewirken, die den Ausruf vom Wunder der Technik wie von selbst auslöst oder dessen Gegenteil, nämlich die Befürchtung der Gefahren. Um tendenziell in die positive Richtung zu gelangen, wird der absolute Einsatz der Kunstgriffe unabdingbar sein. Welche Parallele zum Schreiben, könnte man meinen. Die Erzielung spezieller Leistungen erfordert - da und dort! - die richtige Ausübung der Kunstfertigkeit.

Nun braucht Technik Raum, um existieren zu können. Er ist entweder vorhanden oder muss geschaffen werden. Es stellt sich also eine physische oder philosophische Frage, wobei mir die nachdenkende beziehungsweise die das Sein erörternde mehr entspricht.

Vor dem Raum und seiner Ursprünglichkeit kann - je nach Betrachtungsweise - Leere vorhanden sein, das Unausgefüllte an sich, wenn man die Philosophie bemüht. Und nach dem Entstehen etwas Ausgedehntes von bestimmter Begrenzung ohne Rücksicht darauf, ob es mit Inhalt ausgefüllt ist oder nicht.

Hier entstehen Gelegenheit und Möglichkeit, die Technik geradezu hineinzupflanzen. Wie von selbst fallen mir dazu ein paar Wörter ein: Nicht ohne Grund Spielraum. Auch ein Zwischenraum bleibt immer. (Unvorstellbar, die Welt ohne diese Räume!) Und mit einem Mal ist man mitten in der Raumforschung - im buchstäblichen, literarischen Sinn. Man schafft sich eine Räumlichkeit, die einem wohltut.

Denke ich nun zurück an die Zeitlosigkeit, muss ich feststellen, dass heute Raum ohne Zeit nicht mehr definiert werden kann. Eine Zeit ohne Raum hat längst mitsamt einer berühmten Formel (für immer?) im All eine Kurve gezogen, wobei mir die Form der Krümmung nicht geläufig ist. Zweifellos wäre es interessant zu wissen, wie sich die Zeit im Raum biegt. Außerdem ließe sich eine weitere Neugierde erschließen. Macht die Zeit ihre Kurve im Spiel- oder im Zwischenraum, wären Denk- und Fragemöglichkeiten. Viele Abschattungen dieser Optionen fielen mir im Augenblick ein. Es wäre eine Lust, über die Zeit im Raum nachzudenken. Und es wäre, redlich gesagt, ein gedankliches Gehen ohne Gewähr. Der Weg wäre möglich, nur das Ziel bliebe unbekannt oder überhaupt unerreichbar.

Hier fängt dann im besten Fall langsam die Literatur an. Auf solchen Wegen begibt man sich allmählich in die "Strafkolonie". Ich bin überzeugt, dass man dorthin keinesfalls mit einem Plan in der Hand gelangen kann. In diesem Raum gibt es keine Wegweiser mehr. Wer hätte sie je aufgestellt und wer wieder gefunden? Nur der Raumforscher, mit Bestimmtheit nicht Kafkas unerreichbarer und unnachahmlicher Landvermesser. Der Abstand zu diesem Wegweiser wäre um ein vielfaches Wegmaß weiter (nicht länger) als vom Gasthaus zum "Schloß". (Das "Schloß" ist auch gleichsam das Schlüsselwort an einer Gabelung, an der Sprache keine Rolle mehr spielt. Hier fliegen Gedanken so tief, dass sie keiner Artikulation bedürfen. Sie sind spürbar oder zumindest wie spürbar, vielleicht nur wohltuend.)

Doch ist dieser Zustand nicht erstrebenswert. Der Raum wäre so ausgefüllt, dass für Literatur kein Platz mehr bliebe. Nichts oder das Nichts. Die Literatur aber lebt von den Spiel- und Zwischenräumen. (In diesem Sinn war Franz Kafka einer der größten Zwischenraumforscher und dann oder daneben gibt es noch die Spielraumforscher; auch die Landvermesser und Fluchthelfer seien nicht ganz vergessen.)

Mit einer dieser Kategorien möchte ich mich verwandt wissen. Der Anspruch auf die höchste wäre eine Anmaßung, zur tiefsten (nicht untersten) fühle ich mich keinesfalls gehörig, weil dazu meine Auflagen etwas zu gering sind.

Mit Sicherheit bringt jedoch jede Klasse ihre eigene Redlichkeit bei der Gesamtheit ihrer jeweiligen schriftlichen Äußerungen auf, das heißt, dass der ganze Verstand aufgeboten wird. Im engeren Sinn geht es um den schönen Geist, wenn man es hilfsweise ein bisschen klassisch ausdrücken darf. Dazu wurde vor Zeiten ein alles sagendes Hauptwort gebildet, das - in meinen Ohren - noch heute nicht altväterisch klingt. (Ich kann es ebenso aussprechen wie ich es aufschreiben kann und stehe zu ihm. Nicht weniger stehe ich zu meinen Eigenschafts- und Zeitwörtern. Ich wüsste nicht einmal, welche mir lieber wären.)

Die ganze Liebe zu den Wörtern und Worten bleibt aber im Verborgenen, wenn einem - so oder so - die Technik fehlt. Über die Technik, die einen zum Künstler im heutigen Sinn macht, möchte ich hier kein Wort verlieren. Wohl aber über die Hilfsmittel, die notwendig sind.

Mein großer Literaturheiliger hat ein Quartheft nach dem anderen vollgeschrieben. Besonders viel an moderner Technik hat er für seine einflussreichen Schreibarbeiten nicht gebraucht. Sie hätte einen Menschen wie ihn wahrscheinlich abgelenkt. Unvorstellbar das klopfende Geräusch einer so genannten Schreibmaschine in seinen Nächten. Wie hätte da vom Abend zum Morgen ein "Urteil" entstehen können. Die Maschine hätte es vor dem Ende tausendmal geradezu zerschlagen.

Es gibt viele weitere Spielraumforscher, die ich mir nicht neben solchen Maschinen hockend vorstellen könnte. Dieser Gedanke wäre respektlos. (So wäre der empfindungslustige Urheber des Valentin Sorger für mich nie neben einer Maschine denkbar!) An den Schreibmaschinen sitzen eher die Fluchthelfer, die statt Landschaftsräumen harmonisierende Phantasiehöhlen schaffen.

Und ich selber? Am Ende meines Wegs darf Technik sein und warten. Dort brauche ich sie auch unabdingbar. Vorher wäre sie jedoch funktionslos oder einfach fehl am Platz.

Ich erinnere mich gerne, mit welcher Inbrunst ich vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren Kugelkopfschreibmaschinen bedient habe. Zum ersten Mal konnte man am Papier zeigen, wann man normal oder kursiv denkt. Anfangs hielt ich jeden entstehenden Text für fundamental, so jung war ich damals. Der eine Fortschritt der Technik hat den anderen bewirkt. Heute noch versetze ich Textteile gerne in einen kursiven Zustand. Diese Möglichkeit ist wie eine Erleichterung.

Meine nächste Revolution liegt noch nicht lange zurück. Jahre habe ich mich bewusst gegen den Einzug von elektronischen Textverarbeitungsmaschinen in meinen Raum gewehrt. Jetzt operiere ich jedoch, wenn ich mit einer Geschichte am Ende angelangt bin, mit Überzeugung am Laptop.

Ich schreibe - "wie schon immer" - zunächst schwarz- oder grün-weiß auf Papier, damit die Einfälle leichter durch die Tinte fließen und ein Geräusch nicht stört. Schließlich kommen mir die Optionen des Programms recht. Ich kann meine Geschichte buchstäblich verarbeiten, bearbeiten, in jeder Form ausdrucken, abspeichern, ich kann Teile löschen oder markieren, ich kann kursiv oder halbfett denken und freue mich über jede neu entdeckte Virtualität tatsächlich wie ein Kind. In diesem Sinn fällt mir auf die Technik nur eine Hymne ein.

Schwelge ich aufgrund der technischen Möglichkeiten dann in einer gewissen Zeitlosigkeit, kann nichts eindringlicher für Gegenwart sorgen als ein läutendes Telefon.

Der Autor lebt als Schriftsteller, Jurist und Lehrbeauftragter für Rechtsphilosophie in Klagenfurt.

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