SPÖ und ÖVP werden laut letzten Umfragen Stimmen verlieren, doch wer von ihnen geht wenigstens als erster durchs Ziel? Das Finale wird spannend. Die Ausgangslage skizziert Regine Bogensberger. Das war der Wahlkampf 2008 - fast. Nach einem eher öden Sommer im Zeichen der Wahl, verspricht das Finale der Verlierer doch noch spannend zu werden. Wie also ist die Ausgangslage wenige Tage vor der Wahl? (S. 21) Drei prominente Politik-Beobachter lassen den Wahlkampf Revue passieren (S. 22-23). Auf einen Beitrag über vernachlässigte Themen wurde auch nicht vergessen (S. 24). Redaktion: Regine Bogensberger

Spät aber doch haben SPÖ und ÖVP erkannt, dass die Mehrzahl der Wahlberechtigten weiblich ist. Es dürfen am 28. September um 269.917 mehr Frauen ihren Stimmzettel abgeben als Männer.

Am Montag vor der Wahl freute sich ÖVP-Spitzenkandidat Wilhelm Molterer über das Schulterklopfen der deutschen Familienministerin und CDU-Politikerin Ursula von der Leyen, die nach Wien angereist war. Und die SPÖ holte die österreichische Pionierin in Sachen Frauenpolitik und ehemalige Frauenministerin Johanna Dohnal vor den Vorhang, um Wählerinnen zu mobilisieren. Was sogenannte "Frauenthemen" anbelangt, dominierten aber den ganzen Wahlkampf über die Stehsätze. Auch angesichts der internationalen Finanzkrise kamen von Seiten SPÖ und ÖVP noch schnell Signale der Aktivität: Man kündigte Konjunkturpakete an.

Im Endspurt werden eben noch einmal alle Register gezogen, überhaupt, wenn es so knapp zu werden droht. Die große Frage: Wer von den einstigen Großparteien wird weniger verlieren? Dass beide mehr oder weniger deutlich Stimmen einbüßen werden, ist sehr wahrscheinlich, sofern man sich auf die jüngsten Umfragen verlassen kann. Mitentscheidend dürfte auch das TV-Duell im ORF zwischen Wilhelm Molterer und Werner Faymann gewesen sein, das am Dienstag Abend auf dem Programm aller Politik-Interessierten stand.

Bis zuletzt wurde im Nationalrat um einen Erfolg bei den zahlreichen eingebrachten Gesetzesanträgen gerungen, über die am Mittwoch in einer Sondersitzung abgestimmt wird, sofern alles nach Plan läuft. Unter den Anträgen: Faymanns Fünf-Punkte-Programm samt Halbierung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel. Es war bis zuletzt offen, ob der Antrag die nötige Mehrheit erreichen wird. Auch von dieser Sondersitzung erwarten sich die Parteien noch einen Schub fürs Finale. Denn noch sind viele Wahlberechtigte unentschlossen.

Aktuellen Umfragen zufolge liegen weiterhin die Sozialdemokraten mit einem bis drei Prozentpunkten vor der ÖVP, mit Ausnahme der "Kurier"/Integral-Umfrage: Dieses Meinungsforschungsinstitut erhebt einen Gleichstand der beiden ehemaligen Koalitionspartner. Beide würden demnach 28 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinen, für beide ein hoher Verlust. Die ÖVP würde 6, die SPÖ 7 Prozent einbüßen. Bei den anderen Umfragen erhielt die SPÖ zwischen 27 und 29 Prozent, ihr großer Kontrahent liegt zwischen 26 und 28 Prozent.

Der Platz Drei scheint für Meinungsforscher mit noch größerer Wahrscheinlichkeit festzustehen: Die FPÖ liegt in allen Umfragen voran, bei 17 bis 20 Prozent (2006: 11 Prozent), die Grünen kommen nicht so recht vom Fleck und bleiben bei ihren 11/12 Prozent (2006: 11 Prozent). Das BZÖ dürfte seine 4,1 Prozent der Stimmen von 2006 verdoppeln und kommt je nach Institut auf 6 bis 8 Prozent. Das Liberale Forum dürfte knapp an der 4 Prozent Marke kratzen. Die Chancen für die Liberalen dürften aber nun sinken: Wenige Tage vor der Wahl trat Lif-Chef Alexander Zach zurück. Zach musste einräumen, indirekt für den Eurofighter Konzern gearbeitet zu haben, und zog die Konsequenzen. Fritz Dinkhausers Bürgerforum kann ähnlich wie die anderen Kleinstparteien nur hoffen, dass sich die Meinungsforscher geirrt haben. Dinkhauser dürfte den Einzug klar verpassen.

Wurde der Wahlkampf von der Bevölkerung eher launig aufgenommen und als fad beurteilt, wird die letzten Tage vor der Wahl aber auf Hochspannung eingestimmt, wissend, dass am Abend des 28. September höchstwahrscheinlich die Ratlosigkeit regieren wird. Denn aller Voraussicht nach wird die Koalitionsbildung mehr als kompliziert, da sich nur sehr wenige und unbeliebte Farbenkombinationen ausgehen dürften.

In einer Imas-Umfrage von Ende August/Anfang September sprachen sich 55 Prozent für eine neue Koalitionsvariante aus, 15 Prozent waren dafür, dem altbekannten Modell noch eine Chance zu geben, 30 Prozent hatten dazu offenbar keine Meinung. Auffallend: Wenige Wochen davor waren es noch 75 Prozent, die eine andere Koalitionsvariante bevorzugten und 13 Prozent waren Fans einer rot-schwarzen Regierung.

Die düsteren Prognosen für die Tage danach werden noch durch weitere Umfragen und Stimmungsbilder verstärkt. Obwohl die Parteien sich in den letzten Wochen an Vorschlägen zu überbieten schienen und am Mittwoch eine lange Liste von Gesetzesanträgen durch das Parlament zu bringen versuchen, glaubt die Bevölkerung nicht an eine Lösungskompetenz der Parteien.

Fragt man einige der Österreicher und Österreicherinnen, welcher Partei sie am ehesten zutrauen, die Probleme, die für sie wichtig sind, zu lösen, dann zeichnet sich laut Imas-Umfrage von September ein ernüchterndes Bild: Während SPÖ, ÖVP und die Grünen deutlich an Vertrauen verloren, nahm das Vertrauen ins BZÖ leicht und in die FPÖ etwas deutlicher zu (beide aber auf sehr niedrigem Niveau). Insgesamt meinten 41 Prozent, keine Partei könne die Probleme lösen.

Zu allem Überdruss für die zumindest verbal schon reuevollen Politiker wurde in den letzten Tagen noch eine Umfrage veröffentlicht, in welche Berufe die Europäer hohes und geringes Vertrauen haben. Wenig überraschend schneiden bei den Österreichern Feuerwehrmänner und Piloten sehr gut ab, im Mittelfeld liegen Meteorologen und Lehrer, an letzter Stelle: Politiker, dicht gefolgt von Fußballspielern.

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