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Andreas und der Maurer-Ziegel

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Die „Rapid-Viertelstunde“ im niederösterreichischen Landtagswahlkampf wurde eingeleitet — wie denn auch anders — von der favorisierten ÖVP. Landeshauptmann Maurer und der „Generalstabschef“ der Wahlkampfstrategie, Landesparteisekretär Dr. Bernau, erklärten in einem abschließenden Pressegespräch, daß die „Könner“ — so ein Wahlkampfplakat über die fünf Spitzenkandidaten der Volkspartei — rund eine Viertelmillion Niederösterreicher im Wahlfeldzug angesprochen hätten.

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Die „Rapid-Viertelstunde“ im niederösterreichischen Landtagswahlkampf wurde eingeleitet — wie denn auch anders — von der favorisierten ÖVP. Landeshauptmann Maurer und der „Generalstabschef“ der Wahlkampfstrategie, Landesparteisekretär Dr. Bernau, erklärten in einem abschließenden Pressegespräch, daß die „Könner“ — so ein Wahlkampfplakat über die fünf Spitzenkandidaten der Volkspartei — rund eine Viertelmillion Niederösterreicher im Wahlfeldzug angesprochen hätten.

Die Meinungsforscher rechnen nach wie vor mit dem sicheren Gewinn eines Landtagssitzes durch die ÖVP. Es stünde dann 31 ÖVP-Man-date zu 25 SPÖ-Mandaten. Der Gewinn eines 32. Landtagssitzes wäre eine viel kleinere Sensation als ein Mandatsgewinn der Sozialisten oder der Einzug der Freiheitlichen ins Regionalparlament. Die SPÖ, deren bisheriges Wahlziel Landeshauptmannstellvertreter Czettel mit einem bescheidenen „Durchkommen“ umschrieben hatte, gibt sich in den letzten Wahltagen allerdings etwas optimistischer.

Es klingt paradox: aber würde in Niederösterreich nun das Mandatsverhältnis gleich bleiben, so wäre das — nach dem Vorverlegen der Wahl durch die Volkspartei, nach den Siegen in Oberösterreich und Salzburg — eine Niederlage für Maurer und seine Mannen, ein bedeutender Erfolg für die Sozialisten. Czettel hätte den Bundestrend gestoppt.

Die ÖVP/NÖ warnte zwar immer wieder vor der Euphorie — „es ist noch keine gmahte Wiesn“ —, aber sie tat daneben alles, um die ihr von den Meinungsforschern errechnete Favoritenrolle auszubauen. Die Wahlwerbung strahlt das Selbstbewußtsein eines Cassius Clay aus. Die Sozialisten kämpften dagegen in der

Defensive. Während die anderen angreifen, halten sie den Ball in der eigenen Hälfte, verteidigen die Bundespolitik, ihre Landhauspolitik, „mauern“ ein bißchen. Wie man halt agiert, wenn man froh ist, das Torverhältnis zu halten, die letzten Minuten durchzustehen. Einzelne Vorstöße galten der „Agrarkamaril-la“, den 150 Hofräten im Landesdienst, von denen halt nur drei der SPÖ angehören. Und zum Schluß wird auch der Müllner-Skandal nochmals aufgewärmt.

In den letzten Tagen haben die Sozialisten einen Konnex zwischen den fast vor einem Jahrzehnt verschwundenen 80 Müllner-Millionen und den Wahlkampfkosten der ÖVP hergestellt. „Vielleicht hat die ÖVP das Geld gefunden“, meinte der SPÖ-Spitzenkandidat, nachdem er öffentlich die Behauptung seiner Partei wiederholt hatte, daß die Volkspartei bereits 30 Millionen Schilling für den Wahlkampf in Niederösterreich ausgegeben habe.

Daß die ÖVP sauer reagierte, ist begreiflich. Landeshauptmann Maurer hat bekanntlich Czettel während der TV-Konfrontation angeboten, die Wahlkampfkosten der ÖVP notariell überprüfen zu lassen. Aber die SPÖ müsse dann „jede Million unter 30“ dem Roten Kreuz überweisen.

Warum die SPÖ nun die Wahlkampfkosten hochspielen will? Natürlich deshalb, weil die ÖVP die Landtagswahien nicht zuletzt mit dem Argument vorverlegte, eine verkürzte und billigere Wahlwerbung führen zu wollen. Jetzt sieht die SPÖ, daß sie förmlich überrollt wurde. Die Wahlwerbung der ÖVP unterscheidet sieh von jener der SPÖ wie der Mercedes vom Volkswagen. Die Volkspartei fährt seit Wochen mit einer ganzen Armada durchs Land, die-Dichte ihrer Veranstaltungen Ist nicht mehr zu überbieten, Monstershows mit Wahlhelfer Peter Rapp bringen tausende junge Menschen auf die Beine. Die VP hat mehr Plakate, technisch viel besser ausgestattete Werbeschriften. Das „Leitbild 80“ der Volkspartei macht den Eindruck eines reich bebilderten, graphisch aufgelockerten Kunstführers, der „neue Nö.-Plan“ der SPÖ den eines schlichten billigen Sachbuches.

Der Volkspartei wird der Wahl-kampf außerdem dadurch erleichtert, daß ihr die niederösterreichische „Heimatwerbung“ zur Verfügung steht. Übrigens, eine der wenigen Unternehmungen, die der ÖVP Gewinn einbringen. Daß der Wahlkampf der ÖVP nicht in Sparta konzipiert wurde, merkt heute jeder Niederös'terreicher. Sie hüllte sich auch bisher über die Kosten in Schweigen.

Die SPÖ beziffert ihre Wahlkampfkosten mit rund 12 Millionen Schilling, rechnet aber jene Postwurfsendungen offenbar nicht dazu, die bereits im Herbst in alle Haushalte flatterten. Es nimmt auch niemanden Wunder, daß die SPÖ über den intensiven und sicher auch auf-

wendigen Wahlkampf der ÖVP ergrimmt ist — aber das berechtigt sie noch lange nicht, nun einen Zusammenhang mit einem längst abgeschlossenen strafrechtlichen Tatbestand herzustellen. Das „Foul“ ist auf die Nervosität zurückzuführen. Wir befinden uns eben in der „Ra-pid“-Viertelstunde, und Hans Czettel versucht Andreas Maurer in den Strafraum zu legen.

Der Wahlkampf in Niederösterreich wurde auf die Spitzenkandidaten — hier Maurer, dort Czettel — abgestimmt. Im Kleinformat versuchte auch die FPÖ diesen Wahl-kampfstil zu kopieren, indem sie kleine Tafeln mit Portraits ihrer Spitzenkandidaten Hintermayr und Doktor Rotter aufstellte. Nur die Plakate der Kommunisten ziehen in eine ganz andere Richtung, ihr Wahlkampfschlager sind die Gehälter der Landesregierungsmitglieder und der Landtagsabgeordneten. Sie werben mit dem Neidkomplex und hoffen, daß die Verärgerung am 9. Juni zu Buch schlägt. Mit einem Grundmandat können sie freilich noch viel weniger rechnen als die Freiheitlichen. Eine Groteske im Landtagswahlkampf: Die Kommunisten konnten Wurfsendungen ihrer Wochenzeitungen dadurch finanzieren, daß darinnen zahlreiche gutbürgerliche Firmen inserierten. In einer Reihe von Fällen stehen an der Spitze solcher Firmen sogar Funktionäre des Wirtschaftsbundes und des Bauernbundes.

Nochmals zurück zum Wahlkampfstil der beiden großen Parteien, die wahrscheinlich auch im eben erst renovierten Landtagssitzungssaal die Sitze wieder unter sich aufteilen werden. Andreas und der von ihm hochgehobene Maurer-Ziegel dominieren zwar die Plakatwerbung der Volkspartei, aber im Wahleinsatz sind die „Könner“ Ludwig, Bernau, Bierbaum und Schneider ebenso viel engagiert. Ja, auch Schleinzer, Kohl-maier, Minkowitsch und Prader sind „viel auf der Achse“.

Bei den Sozialisten hat man dagegen das Gefühl, daß Czettel nicht nur auf den Plakatwänden allein durchs Land schreitet. Von den rund 1000 SPÖ-Veranstaltungen hat er — laut Parteisekretär Schramek — in etwa 350 mitgewirkt. Sicher standen und stehen auch die Landesräte Grünzweig und Anna Körner, Präsident Binder, die Minister Rösch, Androsch, Lanc und Moser, Bürgermeister Gratz und ÖBG-Präsident Benya im Wahleinsatz. Die Liste der Prominenz ist in beiden Lagern nicht vollständig. Resümiert man, so hat es für den Beobachter den Anschein, daß Czettel eine viel größere Last im Wahlkampfeinsatz tragen mußte als auf der anderen Seite Maurer.

Ein besonderes Kapitel stellt hier der Bundeskanzler dar. Vor Beginn des Wahlkampfes hatte Dr. Kreisky in einer Veranstaltung in Traisen erklärt, er werde mit Landeshauptmann Maurer öffentlich diskutieren, wenn dieser die Zusammenhänge zwischen Bundespolitik und Landes-poli'tik weiterhin so negativ darstellen wolle. Bekanntlich betont die SPÖ, daß noch keine Bundesregierung für Niederösterreich so viel getan habe als die sozialistische — hier wird vor allem auf das kürzlich abgeschlossene Grenzlandabkommen verwiesen.

Zur öffentlichen Diskussion kam es nicht. Denn als sich die Nö.-N ACHRICHTEN bemühten, eine solche Konfrontation herbeizuführen — Maurer wäre zu einem Streitgespräch auf der Schallaburg bereit gewesen —, da winkte Dr. Kreisky

ab. „Ich bin inzwischen draufgekom-men, daß der Maurer den Czettel nur ausspielen will. Den Gefallen tue ich ihm nicht.“

Nun, der Bundeskanzler, immerhin niederösterreichischer Mandatar, tat auch seinem Freund und Obmannstellvertreter Czettel nicht den Gefallen, sich im Wahlkampf allzu viel zu engagieren. Beim großen Heimattag der Sozialisten in Tulln (25.000 Teilnehmer) sprach er fast nur von den Präsidentenwahlen, sagte, er wolle es sich mit den Landeshauptleuten „nicht anlegen“. Man hatte das Gefühl, Kreisky fahre doch lieber in die Sowjetunion als ins Wald viertel Erst im Finish ist er — nach längerer Pause — wieder im Einsatz.

Wenn man die Stimmung am Vorabend der Landtagswahlen in Niederösterreich umschreiben will, so könnte man dies in folgender Weise tun: Zuversicht bei der Volkspartei, eher gemischte Gefühle bei der SPÖ, banges Hoffen im Funktionärskader der FPÖ. Mehrere Unbekannte werden das Wahlresultat ohne Zweifel beeinflussen:

• Die Wahlbeteiligung. Niederösterreich hat bisher zu den Bundesländern mit der höchsten Wahlbeteiligung gehört. Sie lag bei Nationalratswahlen seit 1945 immer zwischen

95 und 97 Prozent. Bei Landtagswahien zeigte die Statistik zwischen

96 Prozent im Jahr 1945 und 92 Prozent im Wahljahr 1969 eine leicht sinkende Tendenz. Eine niedrigere Wahlbeteiligung kann sich auf die Wählarithme'tik — damit auch auf das Ergebnis — entscheidend auswirken. Juni-Wahlen sind In Niederösterreich ein Novum. Wie viele werden bereits einen Urlaub im Ausland absolvieren? Ein schönes „Kaiserwetter“ könnte manche zu einem ganztägigen Ausflug animieren, ohne daß sie vorher zur Urne gegangen wären.

• Die Wählerstruktur. Von den rund 960.000 Niederösterreichern, die am kommenden Sonntag wahlberechtigt sind, werden mehr als 80.000 erstmals zur Wahl gehen. Die große Zahl der Jungwähler ist darauf zurückzuführen, daß das Wahlalter für die Landtagswahlen von 21 auf 19 Jahre herabgesetzt wurde. Besonders groß ist am 9. Juni der „weibliche Überhang“. Es sind um 100.000 mehr Frauen als Männer wahlberechtigt.

• Der Präsidentenwahlkampf. In der Wahlwerbung hat er den Urnengang in Niederösterreich wiederholt aus den großen Massenmedien verdrängt. Die SPÖ hat die Wahlkämpfe bewußt gekoppelt, die ÖVP wird die Lugger^Plakate erst nächste Woche aufhängen lassen. Wirken sich die „Enthüllungen“ über die Präsidentschaftskandidaten auch auf die Stimmung der Land'tagswähler aus? Vor allem die kurze ÖVP-Zuge-hörigkeit des ehemaligen Bezirksrichters von Langenlois, Dr. Rudolf Kirchschläger.

Eine besondere Wechselwirkung ist aber am kommenden Sonntag auf jeden Fall gegeben. Setzt die ÖVP ihre große Siegesserie fort, büßen Kreisky und sein Team weiter an Prestige ein, so stärkt das nicht nur die „Maurer-Partie“ in Niederösterreich, Schleinzer und Kohlmaier können dann auch eher mit einem Erfolg bei den Bundespräsidentenwahlen rechnen, als wenn im Lande unter der Enns der Bundestrend zum Stillstand käme. Niederösterreich entscheidet am Sonntag auch für Österreich.

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