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Volksbischöfe unter Druck

Vergangenen Samstag feierte das Kirchenvolk der Diözese Graz seinen Bischof Johann Weber: mit Tränen der Freude in den Augen und Herzen voll Dankbarkeit dafür, daß er seit 30 Jahren ihr Bischof ist - und hoffentlich noch einige Jahre lang bleiben wird. Als so etwas wie fleischgewordenen Dialog feierte ihn der Innsbrucker Bischof Alois Kothgasser unter dem zustimmenden Jubel der Menge.

Aber im Volk verwurzelte Bischöfe der katholischen Kirche haben es derzeit nicht leicht. Die deutsche Bischofskonferenz wird vom Papst massiv unter Druck gesetzt, praktisch aus der Schwangerenberatung auszusteigen. Grund: Ein die Beratung bestätigendes Dokument ist gemäß deutschem Gesetz die Voraussetzung für straffreie Abtreibung. So können auch kirchliche Beratungsbestätigungen ungewollt zur "Tötungslizenz" werden.

Der Papst verlangt nun eine Formulierung, die diese Bestätigung wertlos macht. Die Folge wird sein, daß kein Mensch mehr eine kirchliche Beratungsstelle aufsuchen wird. Davor haben die Bischöfe Deutschlands mit Nachdruck gewarnt und sich vor vier Monaten mit 80prozentiger Mehrheit für einen Verbleib in der Konfliktberatung ausgesprochen.

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, fuhr mehrmals nach Rom, um mit dem Papst zu sprechen, aber der hat für Dialog keine Zeit und keine Kraft mehr, für Kraftakte aber schon. Der Widerstand in Deutschland wird trotz Einlenkens der zum Gehorsam gezwungenen Bischöfe stark sein. Er könnte sich zu einem Grundsatzkonflikt mit unabsehbaren Konsequenzen ausweiten.

Die Grundsatzfrage lautet: Ist der Papst kraft seines Amtes besser als die Bischöfe eines Landes dazu befähigt, eine Entscheidung darüber zu treffen, was für die Seelsorge richtig und gut ist? Es könnte sein, daß der kirchenpolitisch zielstrebige Papst in der Schlußphase seines in vielem bemerkenswerten Pontifikats den Bogen noch einmal überspannt.

Den immer lauter werdenden Ruf nach Dezentralisierung kirchlicher Machtbefugnisse verstärkt die jüngste Entwicklung auf jeden Fall. Er ist längst aus allen Ecken und Enden der Weltkirche zu hören.

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