Außergewöhnlich sinnlich

"Synästhesie ist eine andere Art, die Welt zu erfahren -ein klares Beispiel für 'Neurodiversität', die wir respektieren und feiern sollten, wie der Psychologe Simon Baron-Cohen betont."

Nicht ganz bei Sinnen sein", ist eine wenig schmeichelhafte Zuschreibung: Denn wir brauchen die Sinne, um unseren Alltag zu bewältigen und ein adäquates Bild der Wirklichkeit zu gewinnen. Was aber, wenn wir zwar bei Sinnen sind, diese aber ungewöhnliche Erfahrungen vermitteln? Es gibt zumindest eine Berufsgruppe, wo dies kein Problem darstellt, ja sogar schon fast als Zusatzqualifikation gilt: die Künstler. Ihre ureigenste Tätigkeit liegt im Bereich der Ästhetik, wörtlich im weiten Feld der Sinneseindrücke (griechisch "aisthesis"). Und manche von ihnen bemühen sich darum, dass ihre ästhetischen Gebilde auch beim Publikum außergewöhnliche sinnliche Erfahrungen hervorrufen: Töne etwa sollen als glühende Farben erscheinen, Bilder einen betörenden Duft verströmen, Wörter einen köstlichen Geschmack hinterlassen.

Poetische Leuchtkraft

Wenn Sinneserfahrungen die Sinneskanäle kreuzen und ineinander fließen, spricht man von Synästhesie - eine Wahrnehmung, in der sich ein Miteinander sonst getrennter Empfindungen einstellt. "Golden wehn die Töne nieder / Stille, stille, lass uns lauschen ( ) / Durch die Nacht, die mich umfangen /blickt zu mir der Töne Licht", dichtete Clemens Brentano in seinem Singspiel "Die lustigen Musikanten"(1803). Für die Romantiker war die Synästhesie ein beliebtes Stilmittel, denn sie entsprach ihrem künstlerischen Programm. Die Bestimmung der romantischen Poesie sei, "das Leben und die Gesellschaft poetisch" zu machen, hatte ihr Vordenker Friedrich Schlegel verkündet, und die synästhetische Verschmelzung der Sinne erschien dafür als beste Voraussetzung. "Reine Musik", so Schlegel, "ist Eins mit der Offenbarung von Licht".

Was in der Romantik begann, wurde bald zu einem charakteristischen Merkmal moderner Kunst. Die große Ambition, Licht und Musik, Farbe und Ton, Poesie und Klang zusammenzubringen, prägte die Kunstgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Großen Einfluss entfaltete etwa Richard Wagner mit den Farb-Licht-Dramaturgien seiner Partituren. Durch ästhetische Grenzüberschreitungen sollte ein Gesamtkunstwerk entstehen. Die Faszination für Synästhesie war auch ein wichtiger Antrieb von Avantgarde-Bewegungen, die ihre Kunst durch die Kultivierung eines körperlichen Ausnahmezustands, durch "systematische Entregelung der Sinne"(Arthur Rimbaud) voranzutreiben versuchten. Auch der Wiener Aktionskünstler Hermann Nitsch sieht sich mit seinem "Orgien Mysterien Theater" in dieser Tradition: In seinen theoretischen Schriften schildert der Künstler, wie er u. a. bei der Lektüre eines Gedichts von Stéphane Mallarmé eine prägende synästhetische Erfahrung machte: "Plötzlich ging mir auf, dass durch dieses Werk etwas Großes geschah ( ). Die zwischen den Worten liegenden, sich vermischenden, vermählenden Assoziationsauren beginnen zu flimmern, zu leuchten, zu strahlen, bewirken eine bisher noch nie dagewesene poetische Farbigkeit und Leuchtkraft."

In der Pop-Kultur werden die sinnlichen Grenzüberschreitungen bis heute beschworen. Dass man diesen Erfahrungen durch Einnahme halluzinogener Drogen auf die Sprünge helfen kann, wussten die Hippies: Ihre psychedelischen Rockkonzerte wurden oft von kaleidoskopischen Farbspielen begleitet, um die Wahrnehmung multimedial zu stimulieren. Als poetisches Stilmittel und als Verschmelzung der Kunstformen hat es Synästhesie aber schon immer gegeben. Bereits die urzeitlichen Schamanen setzten als spirituelle Künstler auf die heilsamen Effekte eines Gesamtkunstwerks, in dem Musik, Dichtung und Performance ineinander fließen.

Wider die "Entzauberung der Welt"

Dass sensorische Querverbindungen in der Romantik eine ganz besondere Bedeutung erlangten, mag damit zusammenhängen, dass diese Erfahrung fortan der "Entzauberung der Welt" entgegengesetzt wurde: Mit dem Prozess der "Entzauberung" hatte der Soziologe Max Weber den zunehmenden Anspruch der Naturwissenschaften auf die Deutung unserer sinnlichen Erfahrungen gemeint. So blieb die Synästhesie für Dichter und Denker ein viel beschworenes Geheimnis, eine Quelle wunderbarer Verheißungen. Doch die Naturwissenschaften machten auch vor diesem rätselhaften Phänomen nicht halt - und lieferten in letzter Zeit Erklärungen für seine Entstehung im menschlichen Gehirn.

Dass Synästhesie in manchen Familien gehäuft auftritt, ist seit Langem bekannt. Dies deutet darauf hin, dass vererbte Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Laut aktuellen Schätzungen haben zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung synästhetische Erfahrungen. Ungewöhnliche Verschaltungen zwischen den Nervenzellen sind dafür verantwortlich; diese können sich bereits in der frühen Kindheit entwickeln. Prominente "Synästhetiker" finden sich zuhauf: Der Maler Vincent van Gogh, der Komponist Jean Sibelius oder die Schauspielerin Marilyn Monroe etwa sollen davon betroffen gewesen sein. Auch zeitgenössische Pop-Stars wie Billy Joel oder Mary J. Blige berichteten in Interviews freimütig über ihre außergewöhnlichen Wahrnehmungen.

Eine neue Studie des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik und der Universität Cambridge wirft nun neues Licht auf den biologischen Hintergrund der Synästhesie. Die Forscher untersuchten die DNA von drei Familien, in denen zahlreiche Personen über mehrere Generationen hinweg eine verblüffende Erfahrung machten: Sie konnten beim Musikhören Farben sehen. Mittels Erbgut-Sequenzierung wurden genetische Veränderungen identifiziert, die perfekt zur Geschichte dieser Vererbung passten. Diese DNA-Varianten waren in den drei Familien zwar unterschiedlich, doch es gab eine auffällige Gemeinsamkeit: eine Anreicherung jener Gene, die dafür sorgen, dass sich die Fortsätze von Nervenzellen (Axone) ausbilden. Das Wachstum dieser Nervenfortsätze ist ein Schlüsselprozess, der es den Gehirnzellen ermöglicht, sich richtig zu verschalten. Für die Neigung zur synästhetischen Wahrnehmung ist also nicht nur ein einzelnes Gen verantwortlich. "Selbst wenn in mehreren Familien dieselbe Form von Synästhesie auftritt, gibt es dafür wohl unterschiedliche genetische Erklärungen", so Simon Fisher, Direktor am Max-Planck- Institut und Leiter des Forschungsprojekts.

Veränderte Vernetzung im Gehirn

"Die Studie zeigt, wie genetische Variation unser sinnliches Erleben verändern kann", ergänzt Simon Baron-Cohen, Mitautor von der Universität Cambridge. Genetische Faktoren führen demnach zu einer veränderten Schaltung im Gehirn, wodurch Sinneseindrücke überlappen. Die Betroffenen werden dadurch meist nicht beeinträchtigt, obwohl es vorkommt, dass ursprünglich neutrale Sinneserfahrungen plötzlich einen negativen Beigeschmack bekommen: zum Beispiel Wörter, die auf einmal schlecht riechen oder schmecken. "Ich war eine Schülerin und unser Lehrer erzählte gerade über Griechenland", berichtet eine Betroffene. "Da verspürte ich eine negative Reaktion, als ich das Wort 'Parthenon' hörte, da es wie Durchfall roch." Solche abweichenden Erfahrungen können heute durch bildgebende Verfahren im Gehirn exakt nachgewiesen werden.

Viele Betroffene freilich empfinden die sensorischen "Übersprungeffekte" als Bereicherung. Diese gelten nicht als Erkrankung oder psychische Störung, sondern vielmehr als eine andere Art, die Welt zu erfahren, betont der Psychologe Simon Baron- Cohen: "Synästhesie ist ein klares Beispiel für 'Neurodiversität', die wir respektieren und feiern sollten."

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