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Magische Momente

Forschung im Bann des Schönen: Der Begriff der Präsenz hat an den Schnittstellen von Kunst, Therapie und Kulturwissenschaft zunehmende Bedeutung erlangt.

Dass die Begegnung mit Kunstwerken uns zutiefst zu berühren vermag, hat Rainer Maria Rilke im Gedicht "Archaischer Torso Apollos“ in zeitlose Verse gegossen. Bei einem Besuch im Louvre fühlt sich der Dichter vom kopflosen Bruchstück einer antiken Statue "angeschaut“. Das Subjekt ist hier so ergriffen, dass es aus dem Stein eine Stimme vernimmt, die von der Verwandlung durch ästhetische Erfahrung kündet: "Du musst dein Leben ändern.“

Im Jahr 2010, gut 100 Jahre später, scheint es im New Yorker "Museum of Modern Art“ so zu sein, als ob dieser "Befehl aus dem Stein“ (P. Sloterdijk) tatsächlich lebendig geworden ist: Für das Projekt "The artist is present“ sitzt die serbische Performance-Künstlerin Marina Abramovic´ monatelang täglich sieben Stunden schweigend auf einem Sessel im Atrium des Museums. Jeder Besucher ist eingeladen, gegenüber der Künstlerin Platz zu nehmen. Nach eher flauem Beginn entwickelte diese Performance ein beeindruckendes Eigenleben. "Solche Langzeitprojekte sind transformativ, aber sie brauchen Zeit“, berichtete die Künstlerin rückblickend. "Ich habe Schmerzen gelitten, aber am Ende waren sie vergessen. Ich stand vom Sessel als eine andere Person auf.“ Ein Prozess, der auch zahlreiche Museumsgäste in seinen Bann zog: In den letzten Wochen der Performance stellten sich die Besucher tage- und nächtelang an, nur um für eine Weile mit der Künstlerin zu sitzen. Viele wurden binnen kurzer Zeit zu Tränen gerührt, und einige schilderten fast mystische Erlebnisse von Nähe und Verschmelzung.

Heftige Affektwirkung

Noch im Dokumentarfilm zur Performance ist die emotional aufgeladene Atmosphäre des Kunstprojekts zu spüren. Zeitungen berichteten, dass auch viele Kinobesucher geweint hätten. Und das, obwohl es keine Worte, keine Handlungen, keine "Botschaft“ und keine gestische Interaktion zwischen Abramovic´ und den Gegenübersitzenden gegeben hatte. Was war geschehen? Wie ist diese Rührung, diese heftige Affektwirkung zu erklären? Diese Frage wurde kürzlich vom Psychoanalytiker Rainer Gross im Rahmen des "Philosophischen Salons“, einer Veranstaltungsreihe des Wiener Anton Proksch Instituts, erörtert - und ganz ohne hintergründige Interpretation beantwortet: "Wenn wir die Vorstellung der ‚charismatischen Persönlichkeit‘ einmal beiseite lassen, wurde der Effekt schlicht durch die intensive und durch die Inszenierung weiter aufgeladene Präsenz der Künstlerin hervorgerufen“, so Gross.

Diese Performance wird heute als Lehrstück über Präsenz herangezogen, das an Kunstuniversitäten ebenso wie in Meditationskursen oder in der Fortbildung für Psychotherapeuten vorgeführt wird. Sie ist aber auch ein schönes Beispiel für die Thesen des Literaturwissenschafters Hans-Ulrich Gumbrecht, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass der Begriff der Präsenz in den Geistes- und Kulturwissenschaften zuletzt zunehmende Bedeutung erlangt hat.

Der traditionellen Herstellung von Sinn und Bedeutung wird die "Diesseitigkeit“ sinnlichen Erlebens gegenübergestellt, wobei Gumbrecht zwischen Repräsentations- und Präsenzkulturen unterschied: Während erstere den "eigentlichen Sinn“ hinter den oberflächlichen Phänomenen der Welt zu enträtseln suchen, vermitteln sich Präsenzkulturen als sinnliches Erlebnis, als "Offenbarung“, durch Verkörperung.

Sehnsucht nach Körperlichkeit

Dieses Konzept passt gut zu modernen Kunstformen wie dem Tanztheater oder der Aktionskunst, die körperliche Präsenz radikal einfordern. Wie Gross bemerkte, wird es auch im Hinblick auf die postmoderne Sehnsucht nach intensiven, körperlich spürbaren Erlebnissen aktuell: "Mit diesem Konzept könnte man überlegen, warum es heute in Beziehungen, aber auch ästhetisch und intellektuell so etwas wie einen ‚Erfahrungshunger‘ gibt, warum am besten alles ein Erlebnis sein sollte, während die Gewinnung von noch ein bisschen mehr Bedeutung immer weniger attraktiv erscheint“, so der Psychoanalytiker.

Ob durch Naturereignisse wie ein aufleuchtender Blitz oder ein verglühender Sonnenuntergang, ob bei der Betrachtung eines Gemäldes oder beim Musikhören - eindringliche Präsenz kann ganz plötzlich als Augenblick außergewöhnlicher Wahrnehmung entstehen: eine Erlebnisweise, die quer zur Alltagsrealität steht. "Diese Erfahrungen wirken deshalb so intensiv, weil ein Subjekt hier zugleich ganz bei sich und mit dem Objekt verschmolzen sein kann - weil für einen glücklichen Moment die Balance zwischen Selbst- und Objektbezogenheit aufgehoben ist“, erläuterte Gross. Wiewohl Präsenzerfahrungen nicht willentlich herbeiführbar sind, kann man günstige Bedingungen schaffen, etwa den nötigen Abstand zwischen Alltagswelt und ästhetischer Erfahrung. Denn Ergriffenheit durch Kunst entsteht leichter im feierlichen Rahmen des Konzertsaals oder der dunklen Höhle des Kinos als zuhause vor der Stereoanlage oder dem Fernsehgerät.

Präsenz und Psychotherapie

Zudem ist der Begriff der Präsenz für eine beziehungsorientierte Psychotherapie des "Hier und Jetzt“ zentral geworden - immer mehr auch für die Psychoanalyse, die traditionell darauf ausgerichtet ist, im Unbewussten des Klienten verborgene lebensgeschichtliche Bedeutungen zu erhellen. Aus psychoanalytischer Sicht sind die ganz frühen Erfahrungen des Menschen nicht über Worte und Erzählungen zugänglich, sondern nur über Präsenz.

Dass bereits Säuglinge lange vor dem Spracherwerb aus gefühlten Signalen Bedeutungen erschaffen, ist eine der viel diskutierten Thesen der "Boston Process of Change“-Forschungsgruppe, die in den letzten Jahren die Wichtigkeit der nonverbalen Kommunikation in der Therapie betont hat. Demnach bleibt dieses implizite Beziehungswissen lebenslang erhalten, und entwickelt sich in Wechselwirkung mit Sprache und Symbolisierung weiter. Für die Therapie sind daher beide Erfahrungsweisen relevant: die Welt der Symbole ebenso wie die nonverbalen Anteile, die "Gegenwartsmomente“, das "nie Gedachte, aber immer Gewusste“.

Präsenz ist eine universelle Qualität, die nicht an ideologische oder kulturelle Identitäten gebunden ist. Und sie kann in allen Lebensbereichen aufscheinen: zum Beispiel im Zusammensein mit einem geliebten Menschen, in der Problemlösung mit dem Therapeuten oder in der Erfahrung angesichts großer Kunstwerke. Vielleicht, so Gross, ist es die zutiefst menschliche Sehnsucht nach Verwandlung, die das Konzept und die Erfahrung von Präsenz mit Bedeutung füllt, denn: "In seltenen, magisch anmutenden Momenten kann sich ein Subjekt tatsächlich ‚transformiert‘ fühlen in ästhetischem oder spirituellem Erleben, einer ‚guten‘ Therapiestunde oder einer intensiven zwischenmenschlichen Begegnung.“

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