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"Serendipity", Pasteur, Kairos

Dass vieles ganz anders kommt als geplant, zeigt sich immer wieder in den verschiedensten Bereichen des Lebens. Gerade in der wissenschaftlichen Forschung muss man jedoch Pläne entwickeln, die auf den bisherigen Leistungen aufbauen, um der Arbeit eine zeitliche Struktur zu geben. Im angelsächsischen Sprachraum werden diese grundlegenden, bis zu einem gewissen Grad planbaren Faktoren erfolgreicher Arbeit kurz mit den "fünf C's" beschrieben: Curiosity (Neugier); Courage (Mut, Wagnis für Neues); Challenge (Herausforderungen); Concentration (Konzentration, Fokussierung) und Continuation (Beharrlichkeit und Fleiß).

Das Aufregendste, Spannendste und Stimulierendste an der Wissenschaft ist aber immer das Erlebnis des Unerwarteten, des nicht Planbaren. Dieser "Überraschungsfaktor" ist sowohl für Künstler als auch für Wissenschaftler ungemein beglückend. Eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere kann nämlich nur bis zu einem bestimmten Grad geplant werden. Planbar sind etwa die Wahl des eigenen Forschungsgebiets oder, noch wichtiger, einer fachlichen Nische innerhalb einer Disziplin sowie die Wahl einer exzellenten Arbeitsgruppe oder Institution, die von einem guten Mentor bzw. einer Mentorin geleitet wird. Solche wissenschaftlichen Mentoren begleiten die Forscher kompetent und kritisch durch den Dschungel der Studienzeit und auch noch während ihres weiteren beruflichen Lebens. Schließlich kann auch pure Notwendigkeit während eines Forschungsprojekts zu wissenschaftlichen Höhenflügen führen -etwa die Entwicklung einer innovativen Methode zur Bewältigung unerwarteter technischer Hürden.

Beeindruckende Zufallsfunde

Zusätzlich zu diesen offensichtlichen Ingredienzien erfolgreicher Forschung gibt es aber noch andere, ephemere Umstände, die die Wissenschaft noch intensiver beeinflussen als jede Planung. Manche dieser Faktoren sind eng mit früheren beruflichen Tätigkeiten assoziiert und begünstigen daher oft ältere, erfahrenere Wissenschaftler. Andere wiederum manifestieren sich eher in den jungen, kreativen Köpfen. Aus meiner Sicht sind die drei wichtigsten Faktoren die "Serendipity", das Pasteur'sche Axiom und der günstige Augenblick (Kairos).

Der englische Ausdruck "Serendipity" bezeichnet einen Zufallsfund: Eine Person findet etwas, nach dem sie gar nicht gesucht hat. Dieser Begriff wurde erstmals von Horace Walpole, dem vierten "Earl of Oxford" (1717-1997), geprägt, der damit auf ein altes persisches Märchen anspielte. Darin geht es um die Abenteuer der drei Prinzen des Königreichs Serendip, dem heutigen Sri Lanka. Diese Prinzen schwärmten verkleidet in ihr Königreich aus, um sich ein Bild von den typischen Eigenschaften, Wünschen und Leistungen ihres Volkes zu machen. Dabei wurden sie immer mit ganz anderen Beobachtungen konfrontiert, als sie ursprünglich erwartet hatten.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für einen solchen Zufallsfund ist die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, der ja nach etwas ganz anderem, nämlich dem Seeweg nach Indien, gesucht hatte. Ein prosaischeres Beispiel ist die medizinische Entdeckung der Wirkungen von Viagra: Völlig unerwartet fanden Forscher heraus, dass dieses Medikament bei Impotenz hilfreich ist, während man doch eigentlich nach einem neuen blutdrucksenkenden Mittel gesucht hatte. Jeder Leser und jede Leserin wird wohl auch viele Beispiele für solche glücklichen Zufälle im eigenen Leben finden und sich an die Überraschung und Befriedigung erinnern, die diese Entdeckungen stets mit sich gebracht haben.

Genauso wichtig wie die auf "Serendipity" beruhenden wissenschaftlichen Erkenntnisse sind jene, die auf dem Axiom des berühmten französischen Mikrobiologen Louis Pasteur fußen. Dieses besagt nämlich: "Der Zufall begünstigt nur den vorbereiteten Geist"(frz.: Le Hasard ne favorise que les ésprits préparés). In der wissenschaftlichen Arbeit wurde ich oft mit unerwarteten Resultaten konfrontiert, die ich aufgrund langjähriger theoretischer und praktischer Erfahrung anders interpretieren konnte als jüngere Kollegen.

So ist meine Forschungsgruppe auf der Suche nach der möglichen Rolle immunologischer Prozesse bei der Entstehung der Atherosklerose völlig unerwartet auf ein Molekül gestoßen, das von anderen Forschern bereits als Auslöser der rheumatoiden Arthritis identifiziert worden war. Wenn ich mich nicht selbst 20 Jahre vorher mit diesem Aspekt der Rheuma-Forschung beschäftigt hätte, wäre uns dieser Zusammenhang gar nicht aufgefallen. Dann hätten wir nicht beweisen können, dass die Ursache der Atherosklerose -ähnlich wie bei der rheumatoiden Arthritis -eine Autoimmunreaktion ist, also eine überschießende Reaktion des Immunsystems gegen dieses körpereigene Molekül. Dabei handelt es sich um ein Stressprotein, weil es von Zellen als Abwehrstoff gegen verschiedenste Arten von Stress produziert wird.

Wir konnten schließlich zeigen, dass klassische Atherosklerose-Risikofaktoren wie hoher Blutdruck, hoher Cholesterinspiegel im Blut, Rauchen, Infektionen, Diabetes etc. Stress auf die Endothelzellen ausüben. Dadurch werden diese Zellen, die unsere Arterien tapetenartig auskleiden, zur Produktion des erwähnten Stressproteins angeregt. Das Protein wird vom Immunsystem als fremd und potentiell gefährlich erkannt, wodurch eine Autoimmunreaktion in Gang gesetzt wird.

Die Atherosklerose ist am Beginn ihrer Entstehung also eine Autoimmunerkrankung. Dieser früheste autoimmune Entzündungsprozess ist noch reversibel, etwa wenn ein Patient mit dem Rauchen aufhört. Wenn die auslösenden Stressfaktoren aber weiter wirksam sind, kommt es zur Entwicklung der unumkehrbaren Form der Erkrankung mit den bekannt gravierenden Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Diese Entdeckung verdankten wir also dem Pasteur'schen Axiom.

Herausragende Momente

Welche Bewandtnis aber hat es nun mit dem Kairos? Der Begriff hat zwei Bedeutungen: In der griechischen Mythologie ist Kairos der Gott des richtigen Augenblicks, andererseits wird Kairos auch als Synonym für den richtigen Moment selbst verwendet: Ihn sollte man nicht versäumen, da er nie mehr wiederkommt. Kairos hat vorne einen Haarschopf und am Hinterkopf eine Glatze (siehe Bild). Im Nachhinein bekommt man ihn nicht mehr zu fassen, daher der deutsche Ausdruck: "eine Gelegenheit beim Schopf packen".

In meiner wissenschaftlichen Laufbahn bedeutete Kairos das oft zufällige, gleichzeitige Zusammentreffen vieler kluger, innovativer und fleißiger Köpfe in einer optimalen Mischung von außerordentlich begabten jungen und älteren Wissenschaftlern. Das führte zur Entstehung einer einmaligen kollegialen und intellektuellen Atmosphäre mit herausragenden wissenschaftlichen Momenten. Schließlich ist das der Nährboden, von dem erfolgreiche Karrieren auf höchstem internationalen Niveau ihren Ausgang nehmen können. Alle diese Überlegungen über den Zufallsfund, das Pasteur'sche Axiom und den günstigen Augenblick betreffen natürlich nicht nur die Wissenschaft, sondern gelten für alle Aspekte des menschlichen Lebens. Das gilt auch für den am wenigsten planbaren, aber wichtigsten Erfolgsfaktor - pures Glück.

Der Autor ist em. o. Prof. an der Univ. Innsbruck und war Gründungsdirektor des ÖAW-Instituts für Biomedizinische Alternsforschung sowie ehem. Präsident des FWF

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