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Feuilleton

Ein Leben im Widerstand

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"Handle stets so, als ob die freie und vollständige Entwicklung eines Menschen von deiner Handlung abhinge!“ Diese Maxime charakterisiert das Denken und Handeln der ungarischen Philosophin Ágnes Heller. Sie bemüht sich um eine praktische Philosophie, die Verantwortung für die Mitmenschen entfaltet und speziell das Leiden von Menschen thematisiert, die von Kriegen oder Diktaturen ausgelöst werden. Als Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus weiß die Philosophin genau, worüber sie in ihren philosophischen Werken schreibt. Sie litt unter den unterschiedlichen Repressionen totalitärer Regime - unter Denunziationen, Beschimpfungen, Berufsverboten und Polizeiverhören bis zur Drohung der physischen Vernichtung.

Geboren wurde Ágnes Heller am 12. Mai 1929 als einziges Kind einer jüdischen Familie, die großen Wert auf eine humanistische Bildung legte. Heller verbrachte nach eigener Aussage eine glückliche Kindheit, die jäh durch die politischen Ereignisse zerstört wurde. Die Nationalsozialisten deportierten ihren Vater nach Auschwitz, wo er 1945 verstarb. Heller und ihre Mutter wurden ebenfalls verhaftet und standen kurz vor der Deportation in ein Konzentrationslager.

Faszination des Marxismus

Nach diesen traumatischen Erlebnissen fiel es Heller schwer, Zugang zum Alltagsleben zu finden. 1947 absolvierte sie erfolgreich die Matura und war unschlüssig, welchen Beruf sie ergreifen sollte. Eine Vorlesung des ungarischen Philosophen Georg Lukács, der damals zu den wichtigsten europäischen Repräsentanten eines undogmatischen Marxismus zählte, war für ihr weiteres Leben von entscheidender Bedeutung. Er wurde zu Hellers Mentor und lebenslangem Gesprächspartner, dem sie die Treue hielt, auch wenn ihre philosophischen Überlegungen weit auseinander gingen. In der Folge begeisterte sich Heller für den Marxismus und trat 1947 in die Kommunistische Partei ein. Am Marxismus faszinierte sie - ähnlich wie Walter Benjamin und Jacques Derrida - speziell das Element des "Messianischen“, die Hoffnung, dass durch den Marxismus eine neue Lebensqualität entstehen würde. Die Realität sah jedoch anders aus: Der von Moskaus Gnaden eingesetzte Parteiführer Mátyás Rákosi verfolgte einen stalinistischen Kurs, der mit verstärkten Repressionen verbunden war, die Heller existenziell betrafen. Ihr wurde mangelnde Linientreue vorgeworfen, was zur Folge hatte, dass sie aus der Partei ausgeschlossen wurde und ein Publikationsverbot erhielt.

Der ungarische Volksaufstand gegen die kommunistische Herrschaft im Jahr 1956 weckte bei Heller große Hoffnungen. Sie empfand die wenige Wochen andauernde Befreiung als ein neues, vielversprechendes Zeitalter, in dem sich ein alternatives Lebensgefühl artikulierte; nämlich selbst bestimmt über seine Lebensführung entscheiden zu können. Die Niederschlagung des Volksaufstands durch sowjetische Truppen, die zahlreiche Opfer forderte, verhalf erneut einem repressiven Regime unter der Führung von János Kádár an die Macht. Die vorübergehende Liberalisierung wurde aufgehoben; an der Tagesordnung standen wieder Bespitzelung, Denunziation und Berufsverbote. Heller wurde von der Universität ausgeschlossen, nachdem sie ihre beste Freundin wegen konterrevolutionärer Tätigkeit bei den führenden Funktionären der Kommunistischen Partei denunziert hatte. "Das Schicksal hatte mich in die Grube geworfen“, schrieb sie in ihrer Autobiografie "Der Affe auf dem Fahrrad“, "das ganze Land schien in der Dunkelheit eines endlosen Tunnels begraben zu sein. Einmal würde der Tunnel ein Ende haben, Und es dauerte tatsächlich sehr lange, bis ich es 1989 erlebte“.

Abwendung vom Marxismus

Den Zusammenbruch des Kommunismus diagnostizierte Ágnes Heller schon lange vor der realpolitischen Bankrotterklärung des totalitären "Realen Sozialismus“ im Jahr 1989. Die Niederschlagung des "Prager Frühlings“ durch sowjetische Truppen im Jahr 1968 raubten ihr die letzten Illusionen über eine Möglichkeit, den Kommunismus zu reformieren. Der Verlust des Glaubens an die "große Erzählung“ des Marxismus löste eine existenzielle Krise aus, wie Heller in ihrer Autobiografie berichtet. "Mit dem Verlust des Marxismus habe ich auch das Verständnis der Welt verloren“, notierte sie. Schließlich gelang es Heller und ihrem Ehemann Ferenc Fehér, 1978 nach Australien zu emigrieren, wo sie eine Professur an der La Trobe University in Melbourne erhielt. Sie genoss ihre neu gewonnene Freiheit, nahm an zahlreichen internationalen Philosophiekongressen teil und wurde mit renommierten Preisen wie dem Lessing-Preis der Stadt Hamburg und dem Hannah-Arendt-Preis der Stadt Bremen ausgezeichnet. 1984 erhielt sie die Hannah-Arendt-Professur an der New Yorker New School for Social Research.

In den letzten Jahren entfaltete Heller eine rege Vortragstätigkeit in verschiedenen europäischen Städten, wo sie auf ein begeistertes Publikum stieß. Gleichzeitig kritisierte sie das Regime des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der einen autoritär agierenden Machtapparat installierte, der rigoros gegen unliebsame Kritiker vorging und vorgeht. Trotz der repressiven Haltung der ungarischen Politik bleibt Heller ihrem Heimatland Ungarn, dem sie sich sehr verbunden fühlt, treu. Sie folgt weiter ihrem Grundsatz, Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch und Korruption öffentlich anzuprangern. Nach der grundlegenden Abwendung vom Marxismus verabscheut sie mittlerweile jeden Absolutheitsanspruch fordernden Dogmatismus und entwickelt ein Denken, das sie als "persönliche Philosophie“ bezeichnet. Es ist dies ein Philosophieren, das sie poetisch als "eine Rückkehr in ihre Kindheit, zur Ästhetik, zu den Geheimnissen des Sternenhimmels und zu den Gefühlen“ bezeichnet.

Nachdenken über die Religion

Eine wichtige Facette von Hellers "persönlicher Philosophie“ stellen ihre Reflexionen über die Religion dar. Im Unterschied zu ihrer Ablehnung der Religion in der marxistischen Phase, in der sie postulierte, "dass wir in der Philosophie nicht über das, was uns taumeln macht, sprechen sollten“, ist sie nach ihrer radikalen Wende bereit, über die Religion nachzudenken, "weil in der heutigen postmetaphysischen Philosophie alles zum Gegenstand der Reflexion gemacht werden könne“.

Ein Produkt dieser Überlegungen ist das Buch "Die Auferstehung des jüdischen Jesus“, in dem die Agnostikerin die Forderung erhebt, Jesus nicht als Messias im christlichen Sinne zu interpretieren, sondern vielmehr als jüdischen Propheten. Heller geht davon aus, dass Jesus erst a posteriori speziell vom Apostel Paulus und den übrigen Evangelisten zum Begründer des Christentums stilisiert wurde. Das offizielle Christentum nützte dann diese Stilisierung, um den Alleinvertretungsanspruch für sich zu reklamieren, der im missionarischen Eifer - verbunden mit Dogmatismus und Inquisition - in Europa und anderen Kontinenten verbreitet wurde.

Die Wiederentdeckung des jüdischen Jesus, die sie den Forschungen von jüdischen und christlichen Gelehrten verdankt, eröffnet laut Heller die Chance einer neuen Ökumene, in der eine "Relativierung der religiösen Wahrheitsansprüche“ erfolgt. In Anlehnung an den französischen Philosophen Paul Ricœur spricht Heller von einer "Hermeneutik der Anerkennung“, die darin besteht, fundamentalistische und intolerante Glaubensgewissheiten zu kritisieren und sie durch einen interreligiösen Dialog zu ersetzen. Dieser Dialog sollte sich durch "eine aktive Toleranz“ auszeichnen, betont Heller, "er duldet die andere Religion nicht nur, sondern sucht nach dem, was die eine Religion mit der anderen verbindet“.