Franz Kafka Der Prozess - © Foto: picturedesk.com / ÖNB-Bildarchiv / Yoichi R. Okamoto

Kafka und die Musik: „Von Stunde zu Stunde die Stöcke höher“

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Kein Literat des 20. Jahrhunderts hat durch sein Werk so viele Komponisten beeinflusst wie Franz Kafka. Eine Spurensuche.

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Kein Literat des 20. Jahrhunderts hat durch sein Werk so viele Komponisten beeinflusst wie Franz Kafka. Eine Spurensuche.

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Seine „Unmusikalität“ (sic!) sei genetisch bedingt, „ein Erbstück meiner Vorfahren“, schrieb Kafka seiner Milena. Der Vater ließ ihn zwar Violine lernen, der gewünschte Erfolg stellt sich aber nicht ein. Vielmehr trieb Kafka seinen Lehrer offensichtlich zur Weißglut. Anstelle ihm etwas beizubringen, habe er ihn „in der Musikstunde lieber über Stöcke springen lassen, die er selbst gehalten hat, und die musikalischen Fortschritte bestanden darin, daß er von Stunde zu Stunde die Stöcke höher hielt“, wird sich der Dichter später erinnern.

In seinen Tagebüchern notierte er nach einem Konzert mit Werken von Brahms, dass es ihm an der nötigen Konzentration mangle, um Musik „zusammenhängend genießen“ zu können. „Nur hier und da entsteht eine Wirkung in mir und wie selten ist das eine musikalische.“ Musik, so seine Überzeugung, nehme ihm alle Freiheit, sperre ihn ein, störe ihn in seiner „Koncentration auf das Schreiben hin“. Denn dieses erfordere absolute Stille.

Ein weites Feld

Kafka und die Musik: Ein Widerspruch? Keineswegs. Kafkas Prosa zeichnet sich durch eine charakteristische Melodik und Rhythmik aus, aus der man sehr wohl auf innerliche Musikalität schließen darf. Schon das zeigt, wie vorsichtig man Kafkas wohl von einiger Selbstironie begleiteten Selbsteinschätzung begegnen sollte. Tatsächlich sind Kafka und die Musik ein weites Feld, in dem man sich auf unterschiedliche Art auf Spurensuche begeben kann.

So liest man in seinem Roman „Der Verschollene“ von einem Klavierspieler, der sich viel davon erhoffte. In „Die Verwandlung“ lässt Kafka Grete ein paar Violinstücke vortragen und Gregor fragen, ob er ein Tier sei, „da ihn die Musik so ergriff“. Es ist wohl auch alles andere als Zufall, dass sich Kafka für den Titel seiner Erzählung „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“ offensichtlich eine Anleihe bei Kleists Novelle „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“ nahm. Folgt man seinem Freund und späteren Herausgeber seiner Werke, Max Brod, so hat sich Kafka „um Kennenlernen neuer Musik“ nie bemüht. Brod ersuchte Kafka, seine deutsche Übertragung des „Jenůfa“-Librettos durchzusehen, um ihn so auf Janáček und dessen Musik explizit hinzuweisen. Kafka reagierte lakonisch: „,Jenufa‘ habe ich bekommen. Das Lesen ist Musik. Der Text und die Musik habe ja das wesentliche beigebracht.“

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