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Optimist Kronberger in Straßburg

dieFurche: Sie sind Abgeordneter in Straßburg, im Parlament einer Staatengemeinschaft, der kaum jemand zutraut, daß sie beim Übergang zu sanfteren Energien etwas weiterbringt. Sehe ich das zu schwarz?

Hans Kronberger: Das ist sicher zu schwarz gesehen. Als EU-kritischer Mensch muß ich sagen, daß das ökologische Bewußtsein im EU-Parlament wesentlich höher ist als in den meisten einzelnen Mitgliedsstaaten. Das ist eine interessante Erfahrung. Es gibt auch in allen Gruppierungen exzellente Fachleute auf diesem Gebiet, den Umweltausschuß eingeschlossen, in dem auch ich sitze. Dort ist hohes fachliches Wissen vorhanden. Ich bin ja sozusagen als Experte hingeschickt worden. Das entscheidende Dokument ist das Weißbuch für erneuerbare Energieträger. Es könnte von einem von uns sein.

dieFurche: Wer ist "uns"?

Kronberger: Gruppen wie Eurosolar in Deutschland mit dem Sozialdemokraten Hermann Scheer. Ich nehme für mich in Anspruch, dies in Österreich zu vertreten, es gibt in Holland, Dänemark und so weiter exzellente Solarfachleute, die meinen, wir müßten unseren gesamten Energiekonsum auf erneuerbare Energieträger umrüsten. Technisch, mengenmäßig ist das möglich, es fehlt nur an den politischen Rahmenbedingungen.

dieFurche: Wenn man sich die EU-Strukturen von außen anschaut und nicht nach Straßburg, sondern nach Brüssel blickt, hat man eher den Eindruck, daß da gar nichts weitergeht und in die falsche Richtung gesteuert wird. Im Verkehr ebenso wie in der Energiepolitik. Keine Bevorzugung der Solarenergie seitens der EU, nirgends eine Belastung der fossilen Energie.

Kronberger: Es gibt bei der Belastung der fossilen Energie noch keine Einigkeit, das ist absolut richtig. Aber in der Binnenmarktrichtlinie für die Elektrizitätswirtschaft steht eindeutig drinnen, daß die Nationalstaaten - die Richtlinie hat Gesetzescharakter - erneuerbare Energieträger bevorzugen können. Natürlich gibt es keinen revolutionären Prozeß, wo sich von heute auf morgen eine Dynamik entwickelt. Das wär' das Wunder. Politik ist halt der Bereich des Möglichen. Der Zwetschkenkern, den man in die Erde stecken muß, möglichst viele, dann muß man Bäumchen pflanzen, wenn man Glück hat, sind irgendwann Zwetschken drauf. Wir stehen am Anfang. Aber wir haben nicht ausschließlich Gegenwind.

dieFurche: Wie könnte ein realistischer Zeitablauf aussehen?

Kronberger: Im Weißbuch steht, daß wir den Anteil erneuerbarer Energieträger bis zum Jahr 2010 EU-weit verdoppeln wollen.

dieFurche: Ist nicht zweimal fast nichts wieder fast nichts?

Kronberger: Nein, er ist durchschnittlich EU-weit bei sechs Prozent. Das wären dann zwölf Prozent, das ist schon eine Richtungsweisung.

dieFurche: Was ist da alles drin?

Kronberger: Wind, Wasserkraft, Biomasse, Biogas, Solarnutzung, Fotovoltaik, Warmwasseraufbereitung ... Wenn man das in zehn Jahren verdoppelt ... Wobei es mir nicht so um die Zahl geht, es geht um eine Richtungsweisung.

dieFurche: Und sie erwarten, daß das gelingt?

Kronberger: Wir kämpfen dafür mit all unserer Kraft. Das Parlament hat das anerkannt, auch die Kommission. Der Rat, der dann die Endentscheidung trifft, ist ein bißchen rückschrittlicher, aber er hat es auch nicht grundsätzlich abgelehnt. Dieser Weg wird funktionieren, wenn die Menschen es verstehen. Wir haben einen einzigen Gegner, die Unwissenheit über die phantastischen Möglichkeiten der erneuerbaren Energie.

dieFurche: Welchen Stellenwert hat dabei Österreich im EU-Parlament?

Kronberger: Die drei neuen Mitglieder Österreich, Schweden und Finnland haben mit Abstand den höchsten Anteil an erneuerbaren Energieträgern. Österreich hat eine phantastische Chance durch sein Know-how.

dieFurche: Das klingt alles wunderbar, aber selbst die Wasserkraft kann sich gegen das Verbrennen fossiler Brennstoffe nicht mehr durchsetzen. Läuft nicht so der große Prozeß?

Kronberger: Man muß einmal die Grundsatzüberlegung anstellen, daß der Mensch in seine Arterhaltung auch etwas investieren muß. In der Politik kann man nicht in Momentaufnahmen denken. Wir müssen langzeitstrategisch denken. Das Kraftwerk Freudenau wird 60 oder 100 Jahre laufen, dann wird man die tatsächliche Wertschöpfung erkennen können. Wir investieren in alles mögliche, Kernfusion, Zukunftstechnologien, Forschungen, bei denen wir nie nach den Kosten fragen. Da spielt Geld keine Rolle. 240 Millionen Ecu werden in die Kernfusion investiert.

dieFurche: In letzter Zeit wird die Windenergie in Österreich wieder weniger gefördert.

Kronberger: Das ist Schwachsinn, ein massiver Rückschritt. Aber auf Dauer wird das nicht gehen. Investitionen in Windenergie werden von Österreich abgezogen und gehen nach Deutschland.

dieFurche: Sehen Sie sich selbst als einen Realisten oder Optimisten?

Kronberger: Ich bin ein optimistischer Realist.

Das Gespräch führte Hellmut Butterweck.

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