#Erinnern

Von Spuren getragen

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Toni Morrison - © Angela Raulescu
Feuilleton

Wieder-Erinnern

1945 1960 1980 2000 2020

Die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison wird 75. Eine Würdigung von Brigitte Schwens-Harrant.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison wird 75. Eine Würdigung von Brigitte Schwens-Harrant.

Sie wollte ein bestimmtes Buch lesen, und dieses Buch gab es nicht. Also schrieb sie es. So lautet der von ihr selbst überlieferte Mythos, wie Toni Morrison zu schreiben begann. Ihr erster Roman "Sehr blaue Augen" erschien 1970. Es gab nur ein Thema, über das sie schreiben wollte: über die Verwüstung, die der Rassismus beim verletzlichsten, hilflosesten Glied der Gesellschaft - einem schwarzen weiblichen Kind - anrichtet.

Am 18. Februar 1931 wurde die Afroamerikanerin Toni Morrison in Ohio geboren. Mutter und Großmutter erzählten Geistergeschichten, Zaubermärchen, Mythen und Legenden, die die Autorin später in ihre Texte webte. Den Schwarzen, diesen amerikanischen Bürgern zweiter Klasse, die eigene Stimme verleihen und vor allem Identität zuschreiben, das ist eines der unverkennbaren und verstörenden Hauptanliegen der Nobelpreisträgerin. Unverkennbar aufgrund der dafür gewählten einzigartigen, von afroamerikanischen Einflüssen geprägten Erzählweise, verstörend, weil in vielen Romanen die weiße Perspektive nur durch den Leser vorkommt - wenn er oder sie denn ein weißer Leser oder eine weiße Leserin ist.

Keine Erklärungen

Es geht Toni Morrison - im Unterschied zu Schriftstellerkollegen wie Richard Wright oder Ralph Ellison - gerade nicht darum, die schwarze Welt den Weißen zu erklären oder gar zu rechtfertigen. Und schon gar nicht darum, die Schwarzen zu jenen "afrikanistischen" Konstrukten, diesem künstlichen "Gemisch aus Dunkelheit, Anderssein, Beunruhigung und Begehren" zu verformen, die die weiße amerikanische Literatur erfunden hat und die dann die weiße amerikanische Kultur prägten - und ihr Identität gaben. So dass sich das amerikanische Ich, wie Toni Morrison in ihren Essays "Im Dunkeln spielen" beschrieb, "als nicht versklavt, sondern frei erfährt, als nicht abstoßend, sondern begehrenswert, nicht hilflos, sondern privilegiert und mächtig, nicht geschichtslos, sondern geschichtlich, nicht verdammt, sondern unschuldig, nicht ein blinder Zufall der Evolution, sondern fortschrittliche Erfüllung eines Schicksals". Kurz: als das Gegenteil des Schwarzen.

Schwarz-Weiß-Malerei, bloß unter umgekehrten Vorzeichen - das allerdings betreibt Morrison nicht. Überhaupt bietet die Autorin vieles, bloß keine Vereinfachung, weder in der Erzähltechnik, noch in der Thematik. Die Autorin schenkt ihren Lesern nichts. Und damit sehr viel.

"Beloved" (deutsch "Menschenkind"), der erste Roman ihrer großartigen Romantrilogie (mit "Jazz" und "Paradies"), für den sie 1988 den Pulitzerpreis erhielt, trägt die einfache Widmung: "Sechzig Millionen und mehr". Für diese schreibt Morrison. Schwarze Opfer: Namenlos. Zahllos. Stimmlos.

Sklavin Sethe ist 1855 als junge Mutter mit ihren drei Kindern geflohen und hat unterwegs ihr viertes Kind zur Welt gebracht. Nach einigen Wochen in Freiheit holen sie die Verfolger ein. Sethe will ihre Kinder nicht der Sklaverei aussetzen, dem Entmenschtwerden, und bringt ein Kind um. Die Handlung des Romans spielt 18 Jahre später, 1873, zur Zeit der Reconstruction, also nach dem Ende des Bürgerkriegs und der Abschaffung der Sklaverei. "Für Sethe bestand die Zukunft darin, die Vergangenheit fernzuhalten." Doch dann taucht ein mysteriöses Mädchen auf, das an die Tochter erinnert, seine Anwesenheit saugt ihr das Leben aus, lässt sie fast zugrunde gehen. "Es war, als wolle Sethe im Grunde gar keine Vergebung; sie wollte sie verweigert haben. Und Menschenkind stand zu Diensten."

Schmerzhaft, notwendig

Freiheit: Wie erlangen sie Menschen, die bisher ausschließlich von Weißen definiert wurden, gezählt und gemessen, vergewaltigt und gedemütigt? Definitionen stehen denen zu, "die definierten, nicht denen, die definiert werden." Die Fremddefinition, die Unterdrückung hat sich im Inneren der Menschen niedergelassen und frisst sich dort auf Kosten der Persönlichkeit fett. "Je mächtiger Menschenkind wurde, desto kleiner wurde Sethe ...". Der Roman kreist um die Frage, wie eine derart qualvolle, den Menschen erniedrigende Vergangenheit überhaupt zu erinnern sei - Wieder-Erinnerung, "rememory", so schmerzhaft, aber so notwendig, um überhaupt Zukunft haben zu können. Auch dieser Weg von der Sklaverei in die Freiheit ist lang und beschwerlich. "Sich zu befreien war eine Sache; von diesem befreiten Selbst Besitz zu ergreifen eine andere." Es dauert, bis Sethe die Worte hören kann: "Du bist das Beste, was Du hast, Sethe. Du selbst bist es."

Morrisons Romane erzählen die verschwiegene Geschichte der Schwarzen in den USA und geben individuellen Schicksalen Namen. Oft lässt die Situation der Unterdrückten nichts anderes zu als die Gewalt gegen sich selbst oder das eigene Kind. Manchmal, so heißt es zu Beginn in Morrisons jüngstem Roman "Liebe", "hilft nur ein Übel, das von außen kommt". Derartige Übel kommen etwa in Form mysteriöser Gestalten - und die Wunden brechen auf, schmerzhafte Erinnerungsarbeit setzt ein. Komplexe Prozesse werden ausgelöst, auch für den Leser.

"Das nennt man Lesen"

Denn Morrisons Romane kann man unmöglich verschlingen. Sie verwirren. Einst von Amerikas Talk-Show-Lady Oprah Winfrey gefragt, ob man nicht manche ihrer Sätze zweimal lesen müsse, antwortete Toni Morrison: "Das, meine Liebe, nennt man lesen." Einzelteile eines verwirrenden Puzzles müssen aufgelesen werden: Andeutungen, Verweise, Personen, Stimmen, viele Stimmen. Nach Rückblenden, weiteren Splittern und vielen Perspektiven beginnt sich eine Story herauszuschälen, die History.

Es geht um das sehr schmerzhafte Wieder-Erinnern. Um Rassismus und Ausgrenzung, auch unter den Schwarzen, etwa im Roman "Paradies". Um nichts Geringeres als Liebe - und Hass. Der Schwarzen auf noch Schwärzere, der Kinder auf ihre Eltern, des Mannes auf seine Frau, der Hass einer Frau auf sich selbst. Und immer wieder um Schuld und den Umgang mit ihr. "Ein ganzer Berg Schuld wartet darauf, verteilt zu werden." In ihrem letzten Roman gräbt Toni Morrison tief in ein furchtbares Frauenbeziehungsnetz, in Schach gehalten durch einen längst abwesenden Mann. Fremddefinition auch hier, sogar durch einen Toten.

Bedingungen des Erzählens

Wenn Schwarze immer von Weißen definiert wurden, muss das Erzählen vom Leben der Schwarzen auch die Bedingungen des Erzählens mitreflektieren, muss sich die Autorin damit auseinandersetzen, wie sie von Sklaverei und Fremdbestimmung erzählen kann. Toni Morrison weiß um die Unmöglichkeit, Grauen wie Sklaverei oder Krieg in Sprache festzuhalten. "Ihre Stärke, ihr Glück liegt in ihrem Streben hin zum Unsagbaren", so die Zumutung der Autorin an Sprache in ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1993, in der sie auch auf den Turmbau zu Babel zu sprechen kam: "Vielleicht war die Verwirklichung des Paradieses verfrüht, etwas überhastet, wenn niemand sich die Zeit nehmen konnte, andere Sprachen, andere Ansichten, andere Erzählungen zu verstehen. Hätten sie sich die Zeit genommen, so wäre der Himmel, den sie sich vorstellten, womöglich zu ihren Füßen zu finden gewesen. Zwar kompliziert und anspruchsvoll, aber eine Ansicht des Himmels als Leben: nicht des Himmels als Nachleben."

Andere Sprachen, andere Ansichten, andere Erzählungen: Morrisons Erzählweise versucht ihnen Platz zu geben. Ihr unverwechselbarer Erzählstil erinnert an Trauerarbeit: bruchstückhaft blitzen Erinnerungen auf, verschwinden wieder, kommen wieder hoch. Glaubt der Leser sich einer Lösung zu nähern, wird sie ihm geheimnisvoll entzogen. Toni Morrison beherrscht dabei die Techniken, die seit der Moderne die westliche Literatur prägen, ebenso wie die Poesie der Musik, etwa des Jazz, der Musik der Schwarzen.

Offene Tür

Toni Morrisons Texte brennen. Sie hinterlassen Brandmale. Traurig seien ihre Romane, meinen manche Leser, die Autorin hingegen: Erkenntnisgewinn sei auch eine Form von Happy End.

"Ob nun durch eine Tür, die geöffnet werden mußte, oder durch ein Fenster, das schon einladend offen stand - was würde geschehen, wenn sie eintraten? Was würden sie auf der anderen Seite vorfinden? Was um alles in der Welt würde das sein? Was in der Welt?" Toni Morrison, die seit Jahren an der Elite-Universität Princeton unterrichtet, schreibt nicht etwa, weil sie die Antworten weiß. Denn: "Die einzige Antwort, die man wirklich hat, ist das vollbrachte Werk."

Toni Morrisons Romane erscheinen in deutscher Übersetzung bei Rowohlt.

Sie wollte ein bestimmtes Buch lesen, und dieses Buch gab es nicht. Also schrieb sie es. So lautet der von ihr selbst überlieferte Mythos, wie Toni Morrison zu schreiben begann. Ihr erster Roman "Sehr blaue Augen" erschien 1970. Es gab nur ein Thema, über das sie schreiben wollte: über die Verwüstung, die der Rassismus beim verletzlichsten, hilflosesten Glied der Gesellschaft - einem schwarzen weiblichen Kind - anrichtet.

Am 18. Februar 1931 wurde die Afroamerikanerin Toni Morrison in Ohio geboren. Mutter und Großmutter erzählten Geistergeschichten, Zaubermärchen, Mythen und Legenden, die die Autorin später in ihre Texte webte. Den Schwarzen, diesen amerikanischen Bürgern zweiter Klasse, die eigene Stimme verleihen und vor allem Identität zuschreiben, das ist eines der unverkennbaren und verstörenden Hauptanliegen der Nobelpreisträgerin. Unverkennbar aufgrund der dafür gewählten einzigartigen, von afroamerikanischen Einflüssen geprägten Erzählweise, verstörend, weil in vielen Romanen die weiße Perspektive nur durch den Leser vorkommt - wenn er oder sie denn ein weißer Leser oder eine weiße Leserin ist.

Keine Erklärungen

Es geht Toni Morrison - im Unterschied zu Schriftstellerkollegen wie Richard Wright oder Ralph Ellison - gerade nicht darum, die schwarze Welt den Weißen zu erklären oder gar zu rechtfertigen. Und schon gar nicht darum, die Schwarzen zu jenen "afrikanistischen" Konstrukten, diesem künstlichen "Gemisch aus Dunkelheit, Anderssein, Beunruhigung und Begehren" zu verformen, die die weiße amerikanische Literatur erfunden hat und die dann die weiße amerikanische Kultur prägten - und ihr Identität gaben. So dass sich das amerikanische Ich, wie Toni Morrison in ihren Essays "Im Dunkeln spielen" beschrieb, "als nicht versklavt, sondern frei erfährt, als nicht abstoßend, sondern begehrenswert, nicht hilflos, sondern privilegiert und mächtig, nicht geschichtslos, sondern geschichtlich, nicht verdammt, sondern unschuldig, nicht ein blinder Zufall der Evolution, sondern fortschrittliche Erfüllung eines Schicksals". Kurz: als das Gegenteil des Schwarzen.

Schwarz-Weiß-Malerei, bloß unter umgekehrten Vorzeichen - das allerdings betreibt Morrison nicht. Überhaupt bietet die Autorin vieles, bloß keine Vereinfachung, weder in der Erzähltechnik, noch in der Thematik. Die Autorin schenkt ihren Lesern nichts. Und damit sehr viel.

"Beloved" (deutsch "Menschenkind"), der erste Roman ihrer großartigen Romantrilogie (mit "Jazz" und "Paradies"), für den sie 1988 den Pulitzerpreis erhielt, trägt die einfache Widmung: "Sechzig Millionen und mehr". Für diese schreibt Morrison. Schwarze Opfer: Namenlos. Zahllos. Stimmlos.

Sklavin Sethe ist 1855 als junge Mutter mit ihren drei Kindern geflohen und hat unterwegs ihr viertes Kind zur Welt gebracht. Nach einigen Wochen in Freiheit holen sie die Verfolger ein. Sethe will ihre Kinder nicht der Sklaverei aussetzen, dem Entmenschtwerden, und bringt ein Kind um. Die Handlung des Romans spielt 18 Jahre später, 1873, zur Zeit der Reconstruction, also nach dem Ende des Bürgerkriegs und der Abschaffung der Sklaverei. "Für Sethe bestand die Zukunft darin, die Vergangenheit fernzuhalten." Doch dann taucht ein mysteriöses Mädchen auf, das an die Tochter erinnert, seine Anwesenheit saugt ihr das Leben aus, lässt sie fast zugrunde gehen. "Es war, als wolle Sethe im Grunde gar keine Vergebung; sie wollte sie verweigert haben. Und Menschenkind stand zu Diensten."

Schmerzhaft, notwendig

Freiheit: Wie erlangen sie Menschen, die bisher ausschließlich von Weißen definiert wurden, gezählt und gemessen, vergewaltigt und gedemütigt? Definitionen stehen denen zu, "die definierten, nicht denen, die definiert werden." Die Fremddefinition, die Unterdrückung hat sich im Inneren der Menschen niedergelassen und frisst sich dort auf Kosten der Persönlichkeit fett. "Je mächtiger Menschenkind wurde, desto kleiner wurde Sethe ...". Der Roman kreist um die Frage, wie eine derart qualvolle, den Menschen erniedrigende Vergangenheit überhaupt zu erinnern sei - Wieder-Erinnerung, "rememory", so schmerzhaft, aber so notwendig, um überhaupt Zukunft haben zu können. Auch dieser Weg von der Sklaverei in die Freiheit ist lang und beschwerlich. "Sich zu befreien war eine Sache; von diesem befreiten Selbst Besitz zu ergreifen eine andere." Es dauert, bis Sethe die Worte hören kann: "Du bist das Beste, was Du hast, Sethe. Du selbst bist es."

Morrisons Romane erzählen die verschwiegene Geschichte der Schwarzen in den USA und geben individuellen Schicksalen Namen. Oft lässt die Situation der Unterdrückten nichts anderes zu als die Gewalt gegen sich selbst oder das eigene Kind. Manchmal, so heißt es zu Beginn in Morrisons jüngstem Roman "Liebe", "hilft nur ein Übel, das von außen kommt". Derartige Übel kommen etwa in Form mysteriöser Gestalten - und die Wunden brechen auf, schmerzhafte Erinnerungsarbeit setzt ein. Komplexe Prozesse werden ausgelöst, auch für den Leser.

"Das nennt man Lesen"

Denn Morrisons Romane kann man unmöglich verschlingen. Sie verwirren. Einst von Amerikas Talk-Show-Lady Oprah Winfrey gefragt, ob man nicht manche ihrer Sätze zweimal lesen müsse, antwortete Toni Morrison: "Das, meine Liebe, nennt man lesen." Einzelteile eines verwirrenden Puzzles müssen aufgelesen werden: Andeutungen, Verweise, Personen, Stimmen, viele Stimmen. Nach Rückblenden, weiteren Splittern und vielen Perspektiven beginnt sich eine Story herauszuschälen, die History.

Es geht um das sehr schmerzhafte Wieder-Erinnern. Um Rassismus und Ausgrenzung, auch unter den Schwarzen, etwa im Roman "Paradies". Um nichts Geringeres als Liebe - und Hass. Der Schwarzen auf noch Schwärzere, der Kinder auf ihre Eltern, des Mannes auf seine Frau, der Hass einer Frau auf sich selbst. Und immer wieder um Schuld und den Umgang mit ihr. "Ein ganzer Berg Schuld wartet darauf, verteilt zu werden." In ihrem letzten Roman gräbt Toni Morrison tief in ein furchtbares Frauenbeziehungsnetz, in Schach gehalten durch einen längst abwesenden Mann. Fremddefinition auch hier, sogar durch einen Toten.

Bedingungen des Erzählens

Wenn Schwarze immer von Weißen definiert wurden, muss das Erzählen vom Leben der Schwarzen auch die Bedingungen des Erzählens mitreflektieren, muss sich die Autorin damit auseinandersetzen, wie sie von Sklaverei und Fremdbestimmung erzählen kann. Toni Morrison weiß um die Unmöglichkeit, Grauen wie Sklaverei oder Krieg in Sprache festzuhalten. "Ihre Stärke, ihr Glück liegt in ihrem Streben hin zum Unsagbaren", so die Zumutung der Autorin an Sprache in ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1993, in der sie auch auf den Turmbau zu Babel zu sprechen kam: "Vielleicht war die Verwirklichung des Paradieses verfrüht, etwas überhastet, wenn niemand sich die Zeit nehmen konnte, andere Sprachen, andere Ansichten, andere Erzählungen zu verstehen. Hätten sie sich die Zeit genommen, so wäre der Himmel, den sie sich vorstellten, womöglich zu ihren Füßen zu finden gewesen. Zwar kompliziert und anspruchsvoll, aber eine Ansicht des Himmels als Leben: nicht des Himmels als Nachleben."

Andere Sprachen, andere Ansichten, andere Erzählungen: Morrisons Erzählweise versucht ihnen Platz zu geben. Ihr unverwechselbarer Erzählstil erinnert an Trauerarbeit: bruchstückhaft blitzen Erinnerungen auf, verschwinden wieder, kommen wieder hoch. Glaubt der Leser sich einer Lösung zu nähern, wird sie ihm geheimnisvoll entzogen. Toni Morrison beherrscht dabei die Techniken, die seit der Moderne die westliche Literatur prägen, ebenso wie die Poesie der Musik, etwa des Jazz, der Musik der Schwarzen.

Offene Tür

Toni Morrisons Texte brennen. Sie hinterlassen Brandmale. Traurig seien ihre Romane, meinen manche Leser, die Autorin hingegen: Erkenntnisgewinn sei auch eine Form von Happy End.

"Ob nun durch eine Tür, die geöffnet werden mußte, oder durch ein Fenster, das schon einladend offen stand - was würde geschehen, wenn sie eintraten? Was würden sie auf der anderen Seite vorfinden? Was um alles in der Welt würde das sein? Was in der Welt?" Toni Morrison, die seit Jahren an der Elite-Universität Princeton unterrichtet, schreibt nicht etwa, weil sie die Antworten weiß. Denn: "Die einzige Antwort, die man wirklich hat, ist das vollbrachte Werk."

Toni Morrisons Romane erscheinen in deutscher Übersetzung bei Rowohlt.

Toni Morrison_cover_Rowohlt - © Rowohlt
© Rowohlt
Buch

Toni Morrison

Von Heidi Thomann Tewarson

Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2005.

155 Seiten, kart., e 8,80