Buenvivir - © Illustration: iStock/Annandistock (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)

Buen Vivir: Vom guten Leben der Anden lernen

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Alles ist von allem abhängig und wirkt aufeinander ein. Das ist das Verständnis des andinen Weltbildes des „Buen Vivir“, des guten Lebens. Ein Gespräch mit dem Anden-Experten, Theologen und Philosophen Josef Estermann darüber, was sich der Westen davon für ein „gutes Leben“ abschauen kann.

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Alles ist von allem abhängig und wirkt aufeinander ein. Das ist das Verständnis des andinen Weltbildes des „Buen Vivir“, des guten Lebens. Ein Gespräch mit dem Anden-Experten, Theologen und Philosophen Josef Estermann darüber, was sich der Westen davon für ein „gutes Leben“ abschauen kann.

Das Jahr 2023 ist noch jung, aber viele punktuelle Neujahrsvorsätze sind bereits wieder verworfen. Ein dauerhaftes Streben nach gutem Leben bietet das in den Anden verbreitete Konzept des Buen vivir. Der Missionswissenschafter Josef Esterman hat 17 Jahre lang in den Anden gelebt und an Universitäten in Bolivien unter anderen Religionswissenschaften und Philosophie gelehrt. Als Experte für den lateinamerikanisch-europäischen Dialog im Kontext von Kultur und Religion spricht er im FURCHE-Interview über den gemeinsamen Nenner bei der Suche nach den Ursachen aktueller Krisen und darüber, dass es mehr als Schwarz und Weiß gibt.

DIE FURCHE: Wir leben in einer Zeit multipler Krisen. Plakativ gefragt: Was stimmt denn mit dieser Welt nicht?
Josef Estermann: Ich glaube, man muss unterscheiden zwischen der einen und der anderen Welt. Der Globale Norden hat sich in den letzten 50 Jahren immer mehr Ressourcen gesichert und diese selbst auch für sich selbst aufgewendet, während der Globale Süden zu kämpfen hat mit etwas, das man „Rohstoff-Fluch“ nennt: Er hat Rohstoffe, aber kann sie nicht selbst verarbeiten. Er ist darauf angewiesen, diese zu exportieren – in den Globalen Norden. Dann kommt die Klimakatastrophe dazu, die auch wieder alle ungleich trifft. Es gibt viele Phänomene, Symptome von Krisen verschiedenster Art; aber es gibt, und das ist meine These, einen gemeinsamen Nenner, wenn es darum geht, nach den Ursachen zu suchen. Es findet seit der Industrialisierung eine einseitige Entwicklung statt: Die Frankfurter Schule hat das den „eindimensionalen Menschen“ genannt. Der Mensch ist immer mehr darauf aus, seinen Reichtum zu vermehren, seinen Wohlstand zu vergrößern, sei es auf Kosten anderer, im Globalen Süden – sei es auf Kosten dessen, was wir Natur nennen.

DIE FURCHE: Das klingt so, als hätten wir den Kolonialismus immer noch nicht beendet?
Estermann:
Es ist genau das. Der Kolonialismus heute hat einfach andere Namen und andere Gesichter, aber eigentlich geht es nach wie vor um eine Ausbeutung des globalen Südens durch den globalen Norden. Zufälligerweise, oder eben nicht zufälligerweise, sind die Länder des globalen Südens eben jene, die früher auch kolonialisiert worden sind. Sie sind darauf angewiesen, dass Handelsverträge abgeschlossen werden, meistens zu ihren Ungunsten, damit sie an dieser sogenannten Globalisierung partizipieren können.

DIE FURCHE: Man hat den Eindruck, es geht auf dieser Welt nur noch um Kategorisierungen, etwa auch beim Kampf "Westen gegen Osten".
Estermann:
Ich bin vorsichtig mit den Begriffen „Westen und Osten“. Das sind Begriffe, die man genau betrachten muss. Auch der Begriff „Abendland“, ist einer, der schnell in die falschen Hände geraten oder falsch interpretiert werden kann. Es stimmt schon: Es gibt in der europäischen Neuzeit die Tendenz, dass abendländische Kulturen und Mächte auch militärisch und ökonomisch die Vorherrschaft bekommen. Das war nicht immer so, denken wir etwa an das mongolische oder chinesische Reich. Aber seit der Industrialisierung im 18. Jahrhundert hat sich eine Bewegung hin zur klaren Vorherrschaft abendländischen Denkens, abendländischer Ideen, Wissenschaft, Technologie ergeben, wodurch der sogenannte Westen – dazu muss man auch die von den USA und Europa abhängigen Kreise wie etwa Australien oder Neuseeland zählen –die Deutungshoheit über das hat, wohin die Menschheit gehen soll.

Dagegen gibt es tatsächlich Widerstände. Russland, zum Beispiel, ist eines dieser Symptome von Widerständen. Auch China, wobei hier eine Dialektik vorliegt. China hat sich stark interessiert für westliche Ideen. Es gibt dort ein Kulturchristentum, das westliche Theologie und Philosophie studiert hat, um zu sehen, was das Geheimnis dieses Erfolgs ist. Neben diesen „östlichen“ Playern muss man auch die Länder des Globalen Südens sehen, die seit ein paar Jahrzehnten vermehrt mit einer Kritik an der Vorherrschaft abendländischen Denkens hervortreten. Das ist nicht unbedingt die politische oder wirtschaftliche Elite. Das sind vorwiegend die Intellektuellen und die indigene Bevölkerung.

DIE FURCHE: Als Reaktion auf diese extremen Entwicklungen bilden sich zum Teil radikalisierende Bewegungen heraus. Wie soll man damit umgehen?
Estermann: Man muss verschiedene Ebenen unterscheiden, auf denen man reagieren oder agieren kann. Es gibt die politische Ebene, die große Weltbühne, auf der versucht wird, den Machtpoker auszuspielen. Es gibt die Mesoebene, die mittlere Ebene der zivilgesellschaftlichen Kräfte, wo auch einiges an Bewusstseinsveränderung vorhanden ist und sich allmählich durchsetzt. Zum Beispiel im globalen Norden die Erkenntnis: Wir sollten unseren Lebensstil doch ändern. So wird Statistiken zu Folge bereits weniger Fleisch gegessen und man schreitet in Fragen der Elektromobilität und erneuerbarer Energien voran. Die dritte und unsichtbare Ebene ist die Frage der Mentalitäten. Was passiert mit unserem Bewusstsein weltweit? Da gibt es viele Ansätze, die versuchen, an ihren Orten und in ihren Kontexten etwas zu bewegen.

Manchmal machen wir es uns etwas zu leicht. Es drängt alles und dann ist man sehr schnell beim Aktivismus. Gleichzeitig sollte man sich bewusst sein, woher das Ganze kommt. Stimmt vielleicht etwas nicht mit unserer Philosophie, die das Ganze antreibt? Für mich ist es erstaunlich zu sehen, dass die Errungenschaften der Aufklärung und der Französischen Revolution zu den Menschenrechten und einer liberalen Demokratie geführt haben, aber zeitgleich Kolonialismus, Imperialismus und Sklaverei hervorgebracht haben. An diesem Widerspruch oder einer halbieren Aufklärung kranken wir noch immer.

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