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Daumen drücken für Barack Obama

Die Väter der US-Verfassung hatten sich die Präsidentenwahl eigentlich so gedacht: Das Volk kürt im November seine "Wahlmänner“. Die geben im Dezember ihre versiegelten Stimmen ab. Im Jänner wird ausgezählt - dann erst steht der künftige Präsident fest und wird angelobt. Das komplizierte Prozedere entsprang der Angst vor zu viel Basisdemokratie.

Inzwischen haben derlei Ritualien nur noch symbolische Bedeutung: Schon vor Schließung der letzten Wahllokale stand auch diesmal fest, wer die Weltmacht Amerika künftig anführen wird. Jetzt, eine Woche später, liegt bereits Patina auf Barack Obamas Wiederwahl.

Die Weißen in der Defensive

In den Nachdenkstuben der US-Politik aber herrscht Hochbetrieb. Da werden jetzt Stimmen durchleuchtet, Trends analysiert, Partei- und Regierungskonzepte neu formuliert. Was für uns Europäer nur die erwartete Fortsetzung von Bekanntem ist, hat jenseits des Atlantiks brisante Fragen aufgeworfen. Erste Antworten deuten auf eine bleibende politisch-soziale Wende: Obama gewann dank einer verfestigten Allianz von Frauen, Jungwählern, Afro-Amerikanern, Latinos und Asiaten. Die Mehrheit der Weißen wählte Romney - aber Amerikas Zukunft gehört nicht mehr ihr.

Aus dieser Konstellation wächst auch ein Wertewandel: Aus dem migrantischen Biotop die Hoffnung auf mehr soziale Gerechtigkeit. Aus dem Weltbild der Jungen mehr Verständnis für neue private Lebensformen. Aus dem Votum der Frauen mehr Interesse am Mittelstand als am "Big Business“. Und gemeinsam träumen alle von einer Weltmacht USA, die mehr auf "Soft Power“ (Kooperation und Diplomatie) setzt als auf militärische Stärke und Alleingänge.

Ist das zu viel an Interpretation? Offenbar nicht. Die Kurse aller US-Rüstungskonzerne sind nach der Wahl eingebrochen. Boeing hat spontan ein Drittel der Managerposten in seiner Militärsparte gestrichen.

Wie so oft hat die Außenpolitik bei dieser Wahl kaum eine Rolle gespielt. Obama hat sich auf diesem Feld auch als kaum angreifbar erwiesen. Aber er weiß: Genau hier entscheidet sich sein Vermächtnis und Amerikas Schicksal. Und: Die globale Machtkonstellation wird sich unvermeidbar zulasten der USA verändern: Durch neue Mitbewerber (China, Indien, Brasilien …). Durch das schrumpfende Ansehen der USA als größter Schuldenstaat. Durch wachsendes Desinteresse der US-Bürger am Lauf der Welt - als Folge opferreicher Kriege (Irak, Afghanistan).

Verantwortung für das Ganze

Obamas Herausforderungen aber werden nicht kleiner: Iran, Syrien, Israel/Palästina … Dem Präsidenten bleiben dafür nur zwei Jahre, ehe ihn die politische Realität jeder Durchschlagskraft beraubt. Die Sanduhr läuft.

Wir Europäer haben uns über Jahrzehnte hinweg ein Stück Distanz zu Amerika zugelegt. Auch die Sympathie für Obama ändert daran wenig. Aber: Wo es um die Stabilität unserer Weltordnung geht, müssen wir dem alten, neuen Chef im Weißen Haus die Daumen drücken. Denn noch immer ist Amerika die einzige Macht, die sich auf diesem Globus für das Ganze verantwortlich fühlt.

" Wie so oft hat die Außenpolitik bei dieser Wahl kaum eine Rolle gespielt. Aber genau hier entscheidet sich Obamas Vermächtnis. “

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