Krieg in Gaza: Wer den Frieden verhindert

1945 1960 1980 2000 2020

Der Konflikt zwischen Israel und Palästina wird weiter gehen, weil zu viele der Involvierten Vorteile daraus ziehen und das Leben der Zivilisten den Kämpfern, aber auch den politischen Führern zum vernachlässigbaren Wert wird. Eine Analyse.

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Der Konflikt zwischen Israel und Palästina wird weiter gehen, weil zu viele der Involvierten Vorteile daraus ziehen und das Leben der Zivilisten den Kämpfern, aber auch den politischen Führern zum vernachlässigbaren Wert wird. Eine Analyse.

Ein Land, darin Milch und Honig fließen: Moses hatte dieses Land Kanaan nicht schlecht gewählt als Ziel des Exodus. Und es hat nichts von seinen Qualitäten über die Jahrtausende verloren. Es ist reich an fruchtbarem Boden und historischen Schätzen auf engstem Raum, am Schnittpunkt von Kulturen und Handelswegen, ein perfekter Platz für Tourismus, Handel und Forschung. Fehlt nur der Frieden.

Um das Jahr 2000 herum war die EU noch ein Vorbild für eine Konfliktlösung im Nahen Osten gewesen. Tatsächlich ist dieses Modell das einzig mögliche, immer noch: Die Vereinigung zweier souveräner Völker und Territorien in einem Wirtschaftsraum, der Prosperität für alle Bewohner bringen kann und bringen würde. Das alles auf Basis nationaler Politiken, die sich mittels einer unabhängigen Kommission in einem gemeinsamen übergeordneten Rahmen bewegen. Das klang und klingt immer noch gut. Aber von heute aus betrachtet und angesichts der Gewalt ist es auch gnadenlos naiv.

Das Bild dieses aktuellen Krieges und seiner Vorläufer 1999, 2009, 2012, 2014 ist immer das gleiche: Es starben damals wie heute unverhältnismäßig viele Zivilisten, vor allem Frauen und Kinder. Es sterben unverhältnismäßig viele Palästinenser, es gibt unverhältnismäßig viele Zerstörungen in Palästinensergebieten. Und damit ist nicht gesagt, dass Israel an allem Schuld wäre.

Am Ende solcher Konflikte gibt es einen Waffenstillstand, der nicht dazu dient, eine Aussicht auf dauerhafte Besserung zu schaffen, sondern der eher genutzt wird um eine neue Generation in den Konflikt einzuschulen. Eine Generation, welche dann gehorsam weitermacht, wo ihre Großväter, Väter und Onkel begonnen haben. So machen es Hamas und islamischer Dschihad und Israel befeuert den Zulauf dieser radikalen Gruppen durch „Demonstrationen der Stärke“ - nicht erst durch Bombardements während der Kriege, sondern durch alltägliche Entwürdigung palästinensischer Rechte an Straßensperren, bei Gerichtsverfahren und Eigentumsschädigungen.

Fahnen auf Halbmast

Das ist so real wie entmutigend. Muss man deshalb als neutraler Staat die Fahne einer Konfliktpartei hissen, wie die Bundesregierung das getan hat? Wohl kaum. Wenn schon Symbolpolitik, dann wäre es eigentlich angebracht, die beiden Völker setzten ihre Flaggen auf Halbmast zum Zeichen der Trauer um die Opfer und ihre eigene Unfähigkeit, das Blutvergießen zu verhindern.

Heute ist ein Friede in der Region weiter entfernt denn je. Auf beiden Seiten. Jede Partei, die in Israel die Aussöhnung und den Dialog mit den Palästinensern verspricht, wird verlacht. Und sie wird zurecht verlacht angesichts des Treibens der Hamas in Gaza. Der Konflikt mit Israel ist die Existenzgrundlage dieser Organisation, der Hass gegen Israel der Persilschein, die eigene Bevölkerung zu terrorisieren und einmal ausgemachte „Verräter“ hinzurichten. Da werden Schulen als Waffenlager benutzt, unschuldige Menschen als Schutzschilde für „Bürogebäude“ eingesetzt und jedes daraus entstehende Opfer wird zu einem Instrument der Hassvertiefung benutzt.
Israels Armee wiederum besorgt der Hamas das Geschäft, wenn sie Tausende Unschuldige opfert im Bemühen, ihr strategisches Ziel – den Schutz vor Angriffen - zu erlangen. Die Kinder, die aus den Trümmern der bombardierten Häuser gezogen werden, die Schreie der Verwundeten und Trauernden in Gaza. All das lässt die politischen Erwägungen zu einer gerechtfertigten Verteidigung letztlich in einem Sumpf der Schuld versinken, aus dem der nächste Krieg und die nächste Schuld wachsen. Die radikalen Kräfte hüben und drüben werden auch diesmal gewinnen.

In Israel wird der Likud mit noch schärferen Sicherheitskonzepten reüssieren, in Gaza können Hamas und Islamischer Djihad mit ihren Millionenspenden vom Emir von Katar (der 2022 mit einer Fußball-WM geehrt wird) und von Europa ihr Arsenal weiter ausbauen. Ein Frieden würde alle diese eingeübten Szenarien und ihre altgedienten Mächtigen vor eine vollkommen neue, unlösbare Problemlage stellen: Sie müssten konstruktiv arbeiten. Und deshalb ist Frieden für jene, die das Sagen haben, riskanter als jeder Konflikt. Das ist die eigentliche Schande des Nahen Ostens und sein Fluch.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "Alle Farben des Krieges" in Ausgabe 20/2021

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