Nußbaumers Welt

Der Freund als Feind

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020
Als Gymnasiasten waren wir einmal in einen ausgetrockneten Abwasserkanal eingestiegen – in der Hoffnung, in den Keller unserer Schule vordringen zu können. Vergeblich, das Ende war versperrt, sechs Buben steckten in der Röhre – und für ein Umdrehen war der Kanal zu eng. Die Panik jenes Rückzugs macht mich noch heute unfähig, aus medizinischen Gründen in Kernspin-Röhren zu steigen.
Das erleichtert mir aber, die Gefühle der Menschen im Westjordanland und Gazastreifen zu erahnen – eingeschlossen von Mauern, Zäunen und gesperrten Küsten. Und gezwungen, um jedes Stück Freiheit und Außenkontakt betteln zu müssen. Die Folgen: Verzweiflung und/oder Aggression – seit Jahrzehnten. Die Punze „Radikalität“ ist da schnell zur Stelle.
Für die Israelis, die eben ihren Unabhängigkeitstag und den „Eurovision Song Contest“ feiern, sind Erfahrungen einer entmenschlichten Zusammenschließung – und noch weit Schlimmeres – in das Drama ihrer nationalen Erinnerung eingeschrieben. Dennoch meinen sie, ihren Nachbarn in Palästina die Hoffnungslosigkeit nicht ersparen zu können.
Das hat – trotz aller Überlegenheit – mit Israels Ratlosigkeit über die eigene Zukunft zu tun. Denn: Was will dieses Land bleiben: Jüdisch? Demokratisch? Beides?
Ein bleibend jüdischer Staat – da wäre kein Platz für die Palästinenser. Sie müssten dauerhaft auf schmalem Raum eingesperrt bleiben. Ein bleibend demokratischer Staat? Dann müssten nicht nur die 1,3 Millionen israelischen Araber, sondern auch die 2,5 Millionen Araber im besetzten Westjordanland und die circa zwei Millionen im Gazastreifen gleiche Bürgerrechte erhalten. Die Folge: In einem „Groß-Israel“ würden neben circa sieben Millionen Juden rund sechs Millionen Araber leben – und aus wäre es mit der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk.

Israels Politik des Beutemachens

Die Doppelmühle: Für eine gemeinsame Zukunft ist in Jahrzehnten zu viel Blut geflossen. Für eine Zwei-Staaten-Lösung aber ist den Palästinensern längst zu viel Boden abgezwungen worden.
Zu all den Unwägbarkeiten der Situation hat Israel nun auch noch einen falschen Freund bekommen. Er heißt Donald Trump – und ermutigt Netanyahu mit seinen unbedachten Liebesgesten zu einer Politik des Beutemachens, die Amerika bisher stets gebremst hat. Schon gilt ihm ja ganz Jerusalem als Israels Hauptstadt. Auch die Golanhöhen wurden zugeschlagen. Und prompt flirtet Israels Premier jetzt mit der Dauer-Okkupation des Westjordanlandes – und die USA schweigen.
Kommt es so, dann zerbricht der palästinensische Traum endgültig – und Israel stünde vor höllischen Entscheidungen: Ende des „jüdischen“ Staates? Mehr Land für weniger Demokratie – und Dauer-Unterdrückung arabischer Enklaven? Gar Abtransport Hunderttausender Palästinenser in fremde „Reservate“?
Kein anderer Konflikt quält mich seit Jahrzehnten so sehr wie dieser. Und der Horizont bleibt ganz dunkel.
Als Gymnasiasten waren wir einmal in einen ausgetrockneten Abwasserkanal eingestiegen – in der Hoffnung, in den Keller unserer Schule vordringen zu können. Vergeblich, das Ende war versperrt, sechs Buben steckten in der Röhre – und für ein Umdrehen war der Kanal zu eng. Die Panik jenes Rückzugs macht mich noch heute unfähig, aus medizinischen Gründen in Kernspin-Röhren zu steigen.
Das erleichtert mir aber, die Gefühle der Menschen im Westjordanland und Gazastreifen zu erahnen – eingeschlossen von Mauern, Zäunen und gesperrten Küsten. Und gezwungen, um jedes Stück Freiheit und Außenkontakt betteln zu müssen. Die Folgen: Verzweiflung und/oder Aggression – seit Jahrzehnten. Die Punze „Radikalität“ ist da schnell zur Stelle.
Für die Israelis, die eben ihren Unabhängigkeitstag und den „Eurovision Song Contest“ feiern, sind Erfahrungen einer entmenschlichten Zusammenschließung – und noch weit Schlimmeres – in das Drama ihrer nationalen Erinnerung eingeschrieben. Dennoch meinen sie, ihren Nachbarn in Palästina die Hoffnungslosigkeit nicht ersparen zu können.
Das hat – trotz aller Überlegenheit – mit Israels Ratlosigkeit über die eigene Zukunft zu tun. Denn: Was will dieses Land bleiben: Jüdisch? Demokratisch? Beides?
Ein bleibend jüdischer Staat – da wäre kein Platz für die Palästinenser. Sie müssten dauerhaft auf schmalem Raum eingesperrt bleiben. Ein bleibend demokratischer Staat? Dann müssten nicht nur die 1,3 Millionen israelischen Araber, sondern auch die 2,5 Millionen Araber im besetzten Westjordanland und die circa zwei Millionen im Gazastreifen gleiche Bürgerrechte erhalten. Die Folge: In einem „Groß-Israel“ würden neben circa sieben Millionen Juden rund sechs Millionen Araber leben – und aus wäre es mit der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk.

Israels Politik des Beutemachens

Die Doppelmühle: Für eine gemeinsame Zukunft ist in Jahrzehnten zu viel Blut geflossen. Für eine Zwei-Staaten-Lösung aber ist den Palästinensern längst zu viel Boden abgezwungen worden.
Zu all den Unwägbarkeiten der Situation hat Israel nun auch noch einen falschen Freund bekommen. Er heißt Donald Trump – und ermutigt Netanyahu mit seinen unbedachten Liebesgesten zu einer Politik des Beutemachens, die Amerika bisher stets gebremst hat. Schon gilt ihm ja ganz Jerusalem als Israels Hauptstadt. Auch die Golanhöhen wurden zugeschlagen. Und prompt flirtet Israels Premier jetzt mit der Dauer-Okkupation des Westjordanlandes – und die USA schweigen.
Kommt es so, dann zerbricht der palästinensische Traum endgültig – und Israel stünde vor höllischen Entscheidungen: Ende des „jüdischen“ Staates? Mehr Land für weniger Demokratie – und Dauer-Unterdrückung arabischer Enklaven? Gar Abtransport Hunderttausender Palästinenser in fremde „Reservate“?
Kein anderer Konflikt quält mich seit Jahrzehnten so sehr wie dieser. Und der Horizont bleibt ganz dunkel.

Für eine gemeinsame Zukunft ist in Jahrzehnten zu viel Blut geflossen. Für eine Zwei-Staaten-Lösung aber ist den Palästinensern längst zu viel Boden abgezwungen worden.