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Kriegsschatten-Boxen

1945 1960 1980 2000 2020

Eine Gruppe von Frauen zu schaffen, die Ängste überwindet, das ist das Ziel der 'Boxing Sisters'.

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Eine Gruppe von Frauen zu schaffen, die Ängste überwindet, das ist das Ziel der 'Boxing Sisters'.

Ein 45 Quadratmeter großer Containerraum genügt schon, um das Selbstvertrauen von zwölf jesidischen Frauen wiederherzustellen. Dabei macht es auch gar nichts aus, dass hier alle möglichen Gegenstände herumstehen, von Musikinstrumenten bis hin zu Kisten voller Akupunkturnadeln. Trotzdem verwandelt sich dieser Container für eine Stunde pro Tag in ein Fitnessstudio.

Die "Boxenden Schwestern", wie die zwölf Frauen genannt werden, lernen hier gemeinsam, wie sie sich mit bloßen Händen verteidigen können. "Lotus Flowers", eine Non-Profit-Organisation, hat dieses Projekt für von IS-Gräueltaten betroffene Frauen ins Leben gerufen. Ziel ist es, die körperliche und geistige Gesundheit der Teilnehmerinnen durch Boxen und Selbstverteidigung zu verbessern. Das Programm fiel bei den Bewohnern von Rwanga, einem Lager in der irakischen Region Kurdistans, das 15.000 Flüchtlinge beherbergt, auf fruchtbaren Boden. In diesem Lager wird jede einzelne Frau von traumatischen Erinnerungen an Vertreibung, Vergewaltigung und den Tod oder das Verschwinden von Angehörigen verfolgt; im Laufe der Zeit versuchen immer mehr von ihnen, ihre grausamen Albträume hinter sich zu lassen und andere Wege zu finden, um ihre Kraft und Handlungsfähigkeit zum Ausdruck zu bringen.

Opfer extremer Gewalt

Die 17-jährige Husna und ihre Freunde haben sich für das Boxen entschieden. Die Tatsache, dass der Sport nach Meinung vieler Boxerinnen immer noch von Männern dominiert wird, hindert sie nicht daran ihn zu erlernen, und was noch wichtiger ist, ein freundliches und sich gegenseitig unterstützendes Team zu bilden. Als jesidische Frauen und Mädchen, die dem Schrecken extremer sexueller Gewalt ausgesetzt waren, erkennen Husna und ihre Teamkollegen den entscheidenden Vorteil von Selbstverteidigungstechniken. Vian, die regionale Managerin der Lotus-Flowers-Zentren, weist darauf hin, dass das Versuchsprojekt weitere 35 bis 40 Frauen ermutigt hat, sich für die nächsten Kurse anzumelden.

Im Moment können sie nur mit einem männlichen Kickbox-Trainer trainieren, der aus Dohuk, der nächsten Stadt, kommt. Allerdings werden Rwangas "Boxende Schwestern" gelegentlich von den Weltmeisterinnen besucht. Letzten September gab Rosana Burgos, kanadische Boxtrainerin, einen zwei Tage dauernden Workshop im Camp. "Die Mädchen fühlten sich eng mit Rosana verbunden, als sie von ihrer eigene Erfahrung erzählte, von Männern missbraucht und gemobbt worden zu sein", erklärt Vian.

Die nächste Besucherin wird Cathy Brown sein, eine pensionierte, professionelle britische Boxerin und zertifizierte kognitive Verhaltenstherapeutin. Sie wird einige ausgewählte Mädchen ausbilden, die dann die Fähigkeiten an andere Frauen der Gemeinschaft weitergeben. Husnas Talent und ihr Engagement machten sie zur ersten Kandidatin: "Das ist eine großartige Gelegenheit, etwas zu tun, was mir Spaß macht, den anderen gleichzeitig zu helfen, sich etwas stärker zu fühlen und andere Mädchen dazu zu bringen, sich genauso zu fühlen."

Husna selbst musste den Umgang mit den Herausforderungen leidvoll erfahren: "Mein Vater war in der Marine. Er starb einige Monate vor meiner Geburt. Meine Mutter starb, bevor ich mich an etwas erinnere. Deshalb kann mich nichts entmutigen.''

Sie lebt in einer liebevollen Familie, die sie als "ihre größte Kraftquelle und einzige Schwachstelle" bezeichnet. Ihre Schwester, Großmutter, ein Onkel und ein paar andere Verwandte kamen im August 2014 zum Rwanga Camp, um Schutz zu suchen, nachdem sie alles zurückließen, um ihr Leben vor der Brutalität des IS zu retten. Das Leben fühlt sich seitdem an wie "ein unablässiges In-der-Luft-Hängen", wie Husnas Tante es ausdrückt. Obwohl ihr Land Sinjar bereits von den Terrorbanden des IS befreit wurde, haben sich nur wenige Familien entschieden zurückzukehren.

Unsicherheit regiert

Wie die meisten aktuellen Einwohner von Rwanga sind Husnas Angehörige bei der Entscheidung über ihre Zukunftspläne gespalten. Ihre Großmutter will nirgendwo anders leben als in ihrem Dorf, dem Zuhause ihrer Vorfahren; die jüngeren Mitglieder denken darüber ganz anders, wohl auch, weil sie wissen, was sie zu Hause erwartet: "Die Häuser sind vollkommen zerstört, die Farmen wurden niedergebrannt und unsere Herden und das Vieh wurden gestohlen", sagt Husnas 30-jähriger Onkel. "Außerdem fühlen wir uns nicht mehr sicher."

Während der Invasion von Sinjar verübten die IS-Schergen an der überwiegend jesidischen Bevölkerung furchtbare Verbrechen. Und solche Verbrechen geschahen nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt: An einer strategischen Kreuzung zwischen Syrien, der Türkei und dem Irak gelegen, haben verschiedene Armeen Sinjar überrannt. Ihr heterodoxer Glaube, der Elemente des semitischen Glaubenssystems mit Vorläufer-Religionen wie Zoroastrismus und Mithraismus vereint, wurde als Vorwand benutzt, um Jesiden zu dämonisieren und sie in Ziele gewalttätiger Übergriffe zu verwandeln.

Solche Erfahrungen ziehen sich in Husnas Familie quer durch alle drei noch lebenden Generationen. Und immer spielen dabei die Nachbarn eine düstere Rolle. So auch dieses Mal: "Einige unserer muslimischen Nachbarn schlossen sich dem IS an und verrieten uns an sie. Wenn sie uns nicht verraten hätten, wie hätte der IS uns identifizieren können?''

Das ist, was sich Husnas Familie und viele andere Jesiden fragen. Doch nicht nur Jesiden sind betroffen. Husna berichtet auch, dass viele muslimische Familien, die vor dem IS geflohen sind, nun ebenfalls Angst haben zurückzukehren. Sie fürchten die nun herrschenden feindseligen Gefühle gegenüber Muslimen. "Der Wiederaufbau der Straßen und Gebäude ist der einfachste Teil. Die eigentliche Herausforderung im Nachkriegs-Irak besteht darin, die zerbrochenen Bindungen zwischen den Gemeinschaften wiederherzustellen,'' so Vian.

Unabhängig leben als Traum

Husna scheint von diesen Debatten genug zu haben. Für sie liegen die Dinge einfacher: "Ich liebe das Leben und ich hasse niemanden. Ich kann vertrauen und bin mit allen befreundet, die den anderen helfen wollen, unabhängig von ihrem Glauben, ihrer Rasse oder ihrem Geschlecht.'' Für sie ist die Zukunft wichtiger als die Vergangenheit. "Ich möchte ausgehen, die Welt sehen und so viel wie möglich lernen. Dann werde ich wiederkommen, um meinen Angehörigen zu helfen.'' Das größte Problem des Lagers ist nach Ansicht von Husna die begrenzte Schulzeit. "Ich hatte früher gute Schulnoten und bin immer noch die Beste in unserem Mathematikunterricht, aber unsere Noten haben sich verschlechtert, weil wir keine richtige Ausbildung bekommen."

Husna ist nicht die einzige Frau, die sich für Bildung interessiert. Die Alphabetisierungsklasse von Lotus Flowers ist voll mit Frauen im mittleren Alter, die zuvor keine Gelegenheit hatten, zur Schule zu gehen. Darüber hinaus vermitteln Frauen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten untereinander. Eine ISIS-Überlebende betreut die Nähwerkstatt. Eine andere, die relativ lange Zeit gefangen gehalten wurde, plant die Eröffnung eines Cafés exklusiv für Frauen im Camp. Vian hat andere "herzerwärmende Entwicklungen" bemerkt. Zum Beispiel nimmt die "Meldung häuslicher Gewalt zu, während das früher ein großes Tabu war". Außerdem, "dank der positiven sozialen Normen im Lager und der ständigen Überwachung der Aktivisten können Familien, die ihren Kindern (vor allem Töchtern) die Schule verboten haben, dies jetzt nicht mehr tun".

Die Geschichten des Rwanga Camps verdecken nicht die belastende Realität, fünf Jahre in Folge in einem Lager verbracht zu haben, und auch nicht die Nachkriegsängste, die die Frauen der Jesiden stärker treffen als die anderen Überlebenden des Konflikts.

Die "Boxenden Schwestern" sind sich auch selbst sehr klar über die Unmöglichkeit, gegen bewaffnete Wilde mit bloßen Fäusten zu kämpfen. Aber darum geht es nicht. Es geht auch nicht darum, professionelle Boxerinnen zu werden. Vian drückt es so aus: "Eine Gruppe von Schwestern zu schaffen, die die Ängste überwältigt und sich gegenseitig dabei unterstützt, ist etwas, das selbst Weltklassesportlerinnen kaum schaffen können."

AUTONOME REGION KURDISTAN

"Sammelbecken" für Entwurzelte

Über zwei Millionen Flüchtlinge sind in der Region Kurdistan unterbracht -bei einer Gesamteinwohnerzahl von etwa 5,5 Millionen Menschen (2015), davon mehrheitlich Kurden. Kurdistan gilt als "Sammelbecken" für entwurzelte Menschen, Flüchtlinge oder Binnenvertriebene. Die Aufnahmegemeinschaften, die Behörden und die Infrastruktur wären an der Grenze ihrer Belastbarkeit angekommen, stellt die UNHCR fest. Aus vier irakischen Gouvernements setzt sich das offizielle Gebiet der Region Kurdistan zusammen: Wurde die rechtliche Teilautonomie der kurdischen Bevölkerung vom Irak bereits 1970 zugesichert, konnte sie sich in dem von ethisch-politischen Konflikten dominierten Konflikt aber zunächst nicht etablieren. Heute ist die "autonome Region Kurdistan" ein autonomes Gebiet des Irak, besitzt in der Hauptstadt Erbil ein eigenständiges Parlament und unterhält eigene Militäreinheiten. Erscheint die Sicherheitssituation in der autonomen Region Kurdistan auch vergleichsweise besser als in anderen Teilen des Irak, kommt es dennoch immer wieder zu militärischen Zusammenstößen mit irakischen Truppen, aber auch zu innerkurdischen Konflikten. (aa)

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