Johnson - © Foto: picturedesk.com  / POOL / REUTERS
International

Versprechen für Wütende

1945 1960 1980 2000 2020

Warum britische Arbeiter Boris Johnson wählten: Die Wahl in Großbritannien bot ernüchternde Einblicke in ein tief gespaltenes Land – und dieser Bruch ist mit der Entscheidung für Johnson nicht geheilt.

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Warum britische Arbeiter Boris Johnson wählten: Die Wahl in Großbritannien bot ernüchternde Einblicke in ein tief gespaltenes Land – und dieser Bruch ist mit der Entscheidung für Johnson nicht geheilt.

Brexit? Eigentlich haben die Bewohner von Stalybridge ganz andere Sorgen, und die kamen an diesem Abend im Klubhaus des örtlichen Cricket-Vereins auch zur Sprache. Da mussten sich die örtlichen Vertreter aller Parlamentsparteien wieder einmal die längst bekannten Klagen anhören: von der Umfahrungsstraße, die noch immer nicht einmal ordentlich ge­plant ist, vom Zug, der in eine Richtung noch immer mit Diesel und in die andere Richtung gar nicht mehr fährt, von der endlosen Warterei beim Arzt und der nicht vorhandenen Aussicht auf eine Pflegekraft für die ältere Verwandtschaft.

Klagen, wie ich sie auch als Reporter ständig zu hören bekam, in den Tagen vor den Parlamentswahlen vom vergangenen Donnerstag. Ich bin wieder einmal durch Englands Norden gereist: jene Region, die nun diese Wahl entschieden hat, die den Konservativen Boris Johnson wieder zum Premierminister machte – mit den Stimmen von Arbeitern und jenen, die die Aussicht auf einen guten Job längst aufgegeben haben.

Mit all diesen Problemen hat man in Stalybridge, einem Vorort von Manchester, ohnehin längst leben gelernt, so wie überall in den heruntergewirtschafteten Industrierevieren im Norden Englands. Dass diese Probleme von der Politik auch auf lange Sicht nicht gelöst wurden, das ist die traurige Lehre, die viele hier aus den vergangenen 40 Jahren gezogen haben, in denen die Zukunft auf sich warten ließ.

40 Jahre ist es her, seit die Greißler-Tochter Margaret Thatcher beschloss, aus Großbritannien eine Nation der Händler und Dienstleister zu machen. Sie wrackte eine bis dahin übermächtige, aber hoffnungslos veraltete Industrie mit einer Konsequenz ab, die ganze Landstriche veröden ließ. Die Wunden, die dieser politische Gewaltakt schlug, sind bis heute nur oberflächlich vernarbt. Heute noch stehen die Fabriksruinen zwischen Leeds und Liverpool. In den Innenstädten sollten ein paar Jahre später Einkaufszentren und moderne oft überdimensionierte öffentliche Gebäude die Szenerie bestimmen.

Die Labour-Regierung, die unter Tony Blair die politische Wende in Großbritannien schaffte, wollte Thatchers Wende sozial verträglich machen. Sie versuchte, die Industrieregionen neu zu beleben, ihnen eine neue Identität zu geben, als Zentren für Fortschritt, Technologie, moderne Verwaltung und natürlich für das ganz große Einkaufserlebnis. Auch dieser Umbruch blieb auf halbem Weg stecken, hinterließ vielerorts wieder nur Ruinen. In den eleganten Shopping-Tempeln blieben bald die Kunden aus. In die Geschäfte zogen bald Billigläden und kurz darauf die Pfandleiher ein. Schließlich kamen die Immobilienhändler. Ihre Schilder, „Geschäftslokal zu vergeben“, hängen bis heute.