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Von der Kunst, ohne EU in Europa zu leben

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Ein Abschied vom Recht auf Freizügigkeit? Die Community der Expatriates fürchtet, dass ihr Leben im Ausland bald komplizierter werden könnte.

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Ein Abschied vom Recht auf Freizügigkeit? Die Community der Expatriates fürchtet, dass ihr Leben im Ausland bald komplizierter werden könnte.

Langsam füllt sich das Pub. Im England-Shirt steht Besitzer Barry Stevens hinter der Bar und beeilt sich, ein Guinness nach dem nächsten auszuschenken, zwischendurch noch die Speckstreifen und Würste in der Pfanne zu wenden, während die Moderation aus dem EM-Studio über den großen Flatscreen hinter ihm flimmert. Neben der Fußball-EM ist der mögliche Brexit im Pub "The Tube Station" im dritten Wiener Bezirk derzeit das Thema Nummer eins.

Ein Herr im roten Poloshirt und mit Hornbrille scheint sich für die Brexit-Diskussion an der Bar mehr zu interessieren als für das eben angepfiffene Match. Duncan Hutchings lebt seit 30 Jahren in Österreich und engagiert sich im Expatriates-Verein "British Community Association of Vienna (BCA)."Im Falle eines Brexits wären wir den EU-Bürgern nicht mehr gleichgestellt", befürchtet der pensionierte IT-Fachmann. Er würde sich dann überlegen, die österreichische Staatsbürgerschaft zu beantragen, um keine Nachteile zu erleiden. "Ich bin auch sauer auf das Wahlrecht, dass ich am Referendum nicht teilnehmen darf." So will es das Gesetz, wenn jemand länger als 15 Jahre nicht mehr in England gelebt hat.

Unsicherheit über die Folgen

Die derzeitige Stimmung in der britischen Expat-Community in Wien beschreibt Hutchings als angespannt und nervös. Er selbst blickt dem Referendum zitternd entgegen: "Ich habe Angst vor einer allgemeinen Destabilisierung in Europa, vor den Nationalisten und Rechtspopulisten, vor einer kurz- oder mittelfristigen wirtschaftlichen Katastrophe für Großbritannien und Europa." Indessen zeichnen britische Boulevard-Medien wie die Sun mit ihren Brexit-Kampagnen das Bild vom Feind in Brüssel: "Brüssel würde über unser Schicksal bestimmen, was eine Fiktion ist, und stünde bloß für Fremdmacht und Bürokratie." Die Haltung vieler Landsleute betrachtet der Anglo-Österreicher kritisch: "Auf der Insel herrscht ein Gefühl der gloriosen Isolierung, da schwingt auch die Kolonialzeit des British Empire mit. Die leben in der Vergangenheit und Brüssel ist der herbeigezauberte Feind." Den meisten Briten in seinem Verein in Wien unterstellt er zwar ein gewisses Bewusstsein gegenüber Europa, er weiß aber auch von ein paar Brexit-Befürwortern in der Expat-Community.

Einer von ihnen ist Robert Haigh. Er hat bereits mittels Wahlkarte für den Brexit gestimmt. Und das, obwohl ein Austritt Großbritanniens aus der EU für ihn wohl noch schwerwiegendere Folgen hätte als für den Pensionisten Hutchings. Denn Haigh arbeitet hierzulande im Finanzsektor. Sollte sein Heimatland der EU den Rücken kehren, könnte seine Berufstätigkeit im Ausland ein Visum, eine Arbeitserlaubnis etc. erfordern. Auch die Reisefreiheit innerhalb der Schengen Zone wäre für Haigh als Nicht-EU-Bürger so nicht mehr gegeben. Tatsächlich weiß derzeit auch aus inneren politischen Kreisen niemand, welche konkreten Folgen ein Brexit für die Betroffenen hätte. "Über die eventuellen Übergangsregeln sind sich selbst Experten nicht im Klaren", sagt Thomas Schnöll, Sprecher im Außenministerium. Jedenfalls würden langwierige Verhandlungen zwischen der EU-Kommission und London im Raum stehen. Ein derartiges Exit-Szenario hat es schließlich noch nie gegeben. Insofern wäre Großbritanniens neue Situation auch nicht mit jener von Ländern wie der Schweiz, Norwegen oder Island vergleichbar, die nie Teil der EU waren.

Lieber Risiken statt Brüssel

All diese Unsicherheit und die möglichen Einschränkungen für Nicht-EU-Bürger würde Haigh in Kauf nehmen. Er sieht die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens vor allem durch die ökonomische Brille. "Wir bezahlen mehr in die EU ein, als wir herausbekommen", kritisiert Haigh. "Mit weiteren EU-Erweiterungen würde das noch ärger werden." Ob es nicht von Nachteil wäre, in der globalisierten Welt als 65-Millionen-Einwohner-Land mit wachsenden Wirtschaftsriesen wie China zu verhandeln, anstatt einem europäischen 500-Millionen-Binnenmarkt anzugehören? Eine europäische Handelsunion wünsche sich Haigh zwar schon, aber keine politische Union, damit nicht länger "ein Kartell, das ich nicht gewählt habe, Entscheidungen trifft, die mein Leben beeinflussen." Außerdem käme ja vom britischen Steuerzahler das Geld, nicht von der EU.

Mit ganz anderen Argumenten und Gefühlen blicken die Österreicherin Sophie Kleinberger und ihr englischer Lebensgefährte Edward Hill dem Referendum entgegen. Das Lehrer-Paar, das derzeit noch in Aylesbury Fremdsprachen unterrichtet, hat sich nach einem anstrengenden fünfjährigen Hin und Her zwischen England und Wien für einen gemeinsamen Neustart in Salzburg entschieden. Nachdem das Paar die meiste Zeit in England verbrachte, will Hill nun die österreichische Kultur näher kennenlernen und sein Deutsch perfektionieren. "Die Lebensqualität, das Bildungssystem, das Gesundheitssystem sind lauter Argumente für den Umzug nach Österreich", sagt der 39-Jährige.

Allerdings wird die Jobsuche der beiden - im Herbst wollen sie schon hier unterrichten - von den Fragezeichen eines drohenden Brexits überschattet. "Das Timing ist denkbar schlecht für uns. Sollte England jetzt die EU verlassen, wird es schwierig mit unserem Neustart in Österreich."- Dasselbe gilt dann allerdings auch für England: Sollten die zwei aus beruflichen Gründen zurück auf die Insel wollen, wäre es für Kleinberger nicht mehr so einfach wie jetzt, als Lehrerin einzusteigen. Bisher konnte die 33-Jährige dank des EU-geförderten Fremdsprachen-ProgrammsderUK-German Connection problemlos in England arbeiten. "Ich frage mich, wie solche Austausch-Programme weiterlaufen sollten. Das kann ja nur Einbußen erleben."

Auch in punkto Sozialversicherung würde es wohl komplizierter und teurer werden. Schon jetzt spüren die zwei finanzielle Auswirkungen: "Das britische Pfund ist um rund zehn Prozent gefallen, die Ersparnisse sind um einiges weniger geworden", ärgert sich Hill. Auch Flüge würden sich wohl verteuern. Auch abgesehen vom Finanziellen wollen die beiden nicht, dass "Großbritannien eine kleine, abgekapselte Insel" wird. "Das wäre eine Schande", sind sie sich einig.

Angst vor Jobverlust

Auch die britischen Beamten bei der EU-Kommission müssten um ihre Posten fürchten. Derzeit will man von Seiten der Kommission noch nicht den Eindruck erwecken, man arbeite bereits an einem Plan B. "In den EU-Institutionen dürfen ja nur Staatsbürger aus EU-Staaten arbeiten - da würde es neue Regelungen brauchen, man kann ja nicht alle auf einmal rausschmeißen", so Heinz-Rudolf Miko, Sprecher der EU-Kommissionsvertretung in Wien gegenüber der FURCHE.

Im Haus der Europäischen Union wird der 23. Juni wohl ein ebenso langer und emotionaler Abend werden wie in der "Tube Station" im dritten Bezirk. Die reguläre Sperrstunde wird Pub-Besitzer Stevens für diesen Abend aufheben. Ob Duncan Hutchings mit seinen Bekannten aus der Expat-Community auch dort ausharren wird, bis das Ergebnis fest steht, weiß er noch nicht. Er bezeichnet seine Erwartungshaltung als "vorsichtig zweckoptimistisch" und fügt hinzu: "Ich kann ja am Resultat eh nichts ändern." Das nennt man wohl britisches Understatement.

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