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Warschau, Zagreb und zurück

Herausragende Persönlichkeiten aus Polen, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Österreich skizzieren ihre Vision vom geeinten Europa.

Von Wien nach Warschau ist es weit. Wenn sich die Straße Stunden lang durch Kleinstädte und Dörfer schlängelt, kann das letzte Stück Autobahn auch nichts mehr retten. Hat man dazu teures Fernseh-Equipment im Wagen, so heißt es: Geduld haben und sich trösten mit einem Blick auf die endlose Schlange der Fernlastzüge. Freie Fahrt an den Grenzen: das ist eine der besten Errungenschaften (Schengen-) Europas. Wie groß die Häuser sind, wie gut die Straßen, wie neu die Autos: Das ist Gesprächsstoff im Auto, aber daraus entsteht kein Bild, auf das Verlass wäre.

Es ist eine eilige Reise durch Mitteleuropa, zu der wir aufgebrochen sind. In den Ländern, die am Mitteleuropäischen Katholikentag teilnehmen werden, sollen herausragende Persönlichkeiten befragt werden: über Chancen und Gefahren des sich vereinigenden Europa. Warschau, Toploc am Balaton, Ljubljana, Bratislava, Budapest und Graz. Wir besuchen Gottesdienste, nehmen Stimmungen wahr: Momentaufnahmen ohne Allgemeingültigkeit, aber nicht ohne Bedeutung.

Die Ex-Schauspielerin und letzte tschechoslowakische Botschafterin in Wien, Magda Vasaryova, empfängt uns an ihrem Arbeitsplatz, der slowakischen Botschaft in Warschau. 40 Jahre habe sie wie hinter Gittern verbracht, sagt sie. Aber die Slowakei habe kulturell immer zu Westeuropa gehört. Der Beitritt ihres Landes zur Europäischen Union sei daher eine Rückkehr zur Normalität. Vasaryova warnt vor Tendenzen einer "Renationalisierung". Um die Demokratie müsse man täglich ringen.

Den bosnischen Dichter Dzevad Karahasan, derzeit Stadtschreiber von Graz, treffen wir auf dem Grazer Schlossberg. Er empfiehlt, vom Drama zu lernen. Denn nicht der Konflikt treibe das Drama voran, sondern die Spannung, in der jede Gemeinsamkeit Unterschiede hervorbringe und Unterschiede das Gemeinsame zur Geltung bringen. Die Balance zwischen Gemeinsamem und Unterscheidendem ermögliche es, "feindlos, aber gespannt" zu leben. Karahasans Darstellung lässt sich am Beispiel seiner Heimatstadt Sarajevo nachvollziehen. Dort haben blutige Konflikte das Drama beendet und lebendige Spannung zerstört.

In seinem Haus in Hegymagas am Balaton empfängt uns der ungarische Schriftsteller György Konrad. In Haus und Garten spürbar: die Stille der Erinnerung, die Konzentration des Schreibers, aber auch - Spielzeug und Kinderzeichnungen verweisen darauf - die Milde des Großvaters. "Der Sinn der Union ist, dass wir einander nicht töten", sagt Konrad. Darum sei alles, was gegen die Vereinigung Europas arbeite, vorübergehender Natur. Konrad hat den Nazi-Terror als eines von ganz wenigen Kindern seiner Heimatstadt überlebt. Von "zweitrangigen Journalismen", sagt er, seien die größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts ausgegangen, und alles habe mit "Wörtern" begonnen. Heute empfiehlt Konrad den Europäern Misstrauen gegenüber Tendenzen, die sie gegeneinander stellen.

Tendenzen der Abgrenzung bedauert auch der Wiener Europa-Experte Erhard Busek. Kurz vor Antritt einer Dienstreise ist er auf einen Sprung ins Hotel Imperial gekommen. Die Dramatik der Veränderung habe Ängste hervorgebracht. Man müsse mit Aufklärung und Bildungsarbeit gegensteuern. Denn: "Wer den Anderen kennt, kann sich selbst entdecken." Der polnische Filmregisseur Krzysztof Zanussi ist auf Durchreise in Wien. Ein Schneidetisch in einer Wiener Filmfirma dient als Kulisse für das Interview, in dem er auf sehr vornehme Weise heftige Kritik anbringt. Polen habe immer zum lateinischen, also westlichen Teil Europas gehört. Aber dieses Westeuropa, so Zanussi, "brenne nicht", auch die Religiosität sei nicht heiß. An der EU kritisiert er "eine schreckliche Bürokratie", ein Festival des Egoismus und eine kurzsichtige Vision der Welt." Für das "Jahrhundertprojekt Europa" hätten die Polen einiges einzubringen: vor allem Enthusiasmus und Vitalität. Und genau das sei es, was in Westeuropa derzeit fehle.

Das Haus des Philosophen Slavoj Zizek in Ljubljana wird von Baulärm erschüttert. Zum Glück findet sich in seiner früheren Wohnung ein großer Spiegel, vor dem der sprühende Denker adäquat ins Bild kommt. Zuletzt in der Debatte um den Irak-Krieg habe sich gezeigt, so Zizek, dass Europa für Widerstand stehe. In einer Welt, die ansonsten nur die Alternative zwischen den USA und China hätte, müsste Europa einen neuen Weg finden. Nein zu sagen, so Zizek, eröffne einen Raum. Diesen durch Verneinung geschaffenen Freiraum mit Ideen zu füllen, das sei die Aufgabe Europas.

Zu allen Überlegungen kommt eine kräftige Mahnung aus Zagreb: Im Interview weist Caritas-Präsidentin Jelena Brajsa darauf hin, dass die Größe eines Landes an den kleinsten Menschen zu messen sei. Ein Land hingegen, in dem die Mächtigen die Armen nicht sehen, habe keine Zukunft.

Debatten, Diskussionen, Denkansätze. Und die Weinkost mit György Konrad und dem Bürgermeister in der Abendsonne des Balaton. Die franziskanische Kinderpredigt in Bratislava, das Donauschiff in Budapest, die mühsamen Grenzkontrollen und der lange Weg nach Warschau: Bilder, die keine Gesamtheit ergeben und doch ein Gefühl: Wie gut ist es, dass zusammenwachsen kann, was zusammen gehört.

Freiheitsoase im Osten

Sie ist das radikale Gegenteil des Totalitarismus: die Freiheit. Totalitäre Systeme wollen den Menschen total in den Griff bekommen. Sie schalten die unterworfenen Menschen gleich: dem Staat, der Partei. Die Religion wird so zum geborenen Feind totalitärer Systeme. Indem sie den Menschen auf Gott bezieht, entzieht sie ihn dem Zugriff des Menschen auf den Menschen. Diese religiöse Wahrheit macht den Menschen frei.

Kirchen wurden im Kommunismus für viele zu Freiheitsoasen. Auf ihrem Boden sammelten sich die Dissidenten. Kirchen spielten in der Freiheitsrevolution von 1989 eine wichtige Rolle. Der Papst war, als Symbol des christlichen Widerstandes gegen den Totalitarismus, für viele zum Symbol der Freiheit geworden. Dies ist eine der wichtigsten Lektionen, welche die katholische Kirche im Kommunismus gelernt hat: Sie ist im Namen Gottes für die Menschen eine unbeugsame Anwältin der Freiheit.

Anders als in Amerika entstand das freiheitliche Europa im kämpferischen Gegensatz zur Kirche. "Nie und nimmer werde sich der Römische Pontifex anfreunden - mit Demokratie, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit", so der Papst 1864. Anders 1965 auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Dekret über die Religionsfreiheit: Der Glaube kann nur freier Liebe entspringen. Die höchste Kunst inmitten gesellschaftlicher Freiheit ist es, die unumstößliche Wahrheit des Evangeliums unter Respekt vor der Freiheit des Menschen zu verkündigen. Pastoral unter den Bedingungen gesellschaftlicher Freiheit hat keine Erfolgsgarantie. Wer den Glauben wählen kann, kann ihn auch abwählen. Pastoral heißt, die Freiheit zu glauben zu fördern.

Für die Kirche in Ost(Mittel)Europa war der Kommunismus als einigender Außenfeind sehr nützlich. Wird sie der Versuchung widerstehen, nunmehr den "Liberalismus" als neuen Außenfeind zu verwenden? Wenn aber die Kirchen in den jungen Reformdemokratien Europa wirklich wollen, dann müssen sie lernen, Menschen unter den Bedingungen dieser modernen Freiheit für das Evangelium zu gewinnen.

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