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„­Wie funktioniert unsere Gesellschaft?“

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Ihr Blick gilt den Details und dem, was vielleicht oft gar nicht auffällt: Anna Weidenholzer im Gespräch über ihre Literatur und ihre Themen.

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Ihr Blick gilt den Details und dem, was vielleicht oft gar nicht auffällt: Anna Weidenholzer im Gespräch über ihre Literatur und ihre Themen.

Anna Weidenholzer, 1984 in Linz geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und arbeitete als Journalistin. 2010 erschien ihr Erzählband "Der Platz des Hundes“, 2012 der Roman "Der Winter tut den Fischen gut", 2016 der Roman "Weshalb die Herren Seesterne tragen". Im Rahmen der Reihe WERK.GÄNGE in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur sprach sie über ihre Texte und Themen. Die FURCHE bringt eine leicht redigierte und gekürzte Fassung des Gesprächs.

DIE FURCHE: Es wird oft hingewiesen auf Ihren unaufgeregten Stil und auf die unspektakulären Themen in Ihren Werken. Doch wenn man sich die Themen ansieht, zum Beispiel der Tod eines geliebten Menschen oder die Tatsache, dass man mit 47 Jahren am Arbeitsmarkt nicht mehr vermittelbar ist, dann sind sie doch durchaus spektakulär.
Anna Weidenholzer: Ich finde sie nicht unspektakulär. Aber es ist ein Setting, wo vielleicht auf den ersten Blick nicht viel passiert. Das ist allen Texten gemeinsam. Aber ich glaube, dass gerade in solchen Momenten, wo scheinbar nichts passiert, sehr viel passiert, sehr viel unter der Oberfläche. Das ist es, was mich beim Schreiben interessiert. Beobachten ist sehr wichtig für mich. Ich bleibe gerne sitzen und schaue, was passiert. Das kann auch etwas ganz Kleines sein. Plötzlich sieht man, wie die Taube neben einem die Augen schließt. Man kriegt so einen ganz eigenen Blick für Dinge, die man vorher vielleicht nicht bemerkt.

DIE FURCHE: Über Ihre Texte wird oft gesagt, sie würden sich wegbewegen vom Zentrum an die sogenannten "Ränder der Gesellschaft". So unschöne Begriffe wie "der kleine Mann von der Straße" sind unheimlich hierarchisch, verraten andererseits die Schwierigkeit, über andere zu schreiben. Wie geht das, über Menschen in ganz anderen Lebenssituationen zu schreiben, ohne hierarchischen, elitären Schriftstellerblick?
Weidenholzer: "Der Rand der Gesellschaft": das ist so ein Stempel, der aufgedruckt wird. Ich war sehr erstaunt über die Reaktionen auf "Der Platz des Hundes", dass die Menschen darin als Rand der Gesellschaft bezeichnet wurden. Sie sind ja eigentlich die Mitte der Gesellschaft. Ganz normale alltägliche Leben, die einem überall auf der Straße begegnen. Ja, wie schreibt man das? Ich glaube, dass Abstand wichtig ist. Für mich ist Schreiben, als ob man jemanden filme, als ob man jemanden ganz nahe heranzoome, aber gleichzeitig die Distanz zu der Person auch noch habe. Wenn man über jemand anderen schreibt mit anderem Alter, Geschlecht, einer anderen Lebensrealität, könnte es schnell anmaßend werden. Darum finde ich es wichtig, Abstand zu haben und diese Distanz beim Erzählen zu haben und aufzuzeigen.

DIE FURCHE: Die Erzählungen in "Der Platz des Hundes" sind miteinander verbunden durch die Figuren, die einmal da auftauchen, dann dort. Dieses formale Konstrukt führt mitten in eine Gesellschaft hinein.
Weidenholzer: Es ist ein Streifen von Leben, wenn man sich kurz wo begegnet, es gibt immer einen ganz kleinen Anknüpfungspunkt zwischen den Figuren. Sie sind alle miteinander ganz lose verbunden. Man könnte es sich wie ein Hochhaus vorstellen, wo gegenüber die Lichter angehen und man sieht die verschiedenen Etagen und wie Leben parallel zueinander verlaufen. Irgendwie sind sie zusammen, weil sie alle in diesem Haus sind, aber dann auch wieder nicht. In diesem Text sind sie in keinem Haus, aber in einer Kleinstadt, wo sie sich zufällig begegnen.

DIE FURCHE: Es gibt den Wunsch nach Kommunikation, er wird aber nicht erfüllt. Wie kam es zu diesem Debüt?
Weidenholzer: Ich habe immer geschrieben, wusste aber lange Zeit nicht, was mein Thema ist. Ich habe während und nach dem Studium als Journalistin gearbeitet, in der Chronikredaktion, und dort mein Thema gefunden. Der Alltag, die Begegnungen, die man hat. 2008/2009 habe ich die Leondinger Akademie für Literatur besucht und das Ausprobieren war für mich sehr gut: Was kann man erzählen, wie kann man erzählen? Im ersten Jahr ist dann die Erzählung "Der Platz des Hundes" entstanden. Ich wusste noch nicht, wie ich ein Buch schreiben soll. Dann kam diese Idee, Erzählungen zu verknüpfen, einerseits so etwas wie einen Miniminiroman zu haben, andererseits die Möglichkeit offen zu lassen, wie sehr man die Verknüpfung liest, ob man die Texte einzeln liest, ob man den ganzen Kreis liest und wie er sich schließt.

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