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Arbeiten mit dem Material Sprache

1945 1960 1980 2000 2020

Die "Tage der deutschsprachigen Literatur" werden der Prosa wieder Öffentlichkeit verleihen. Doch wie steht's um die Lyrik? Und was passiert in einem Institut für Sprachkunst? Kann man lehren, Literatur zu schreiben? Ein Gespräch mit dem Dichter Ferdinand Schmatz.

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Die "Tage der deutschsprachigen Literatur" werden der Prosa wieder Öffentlichkeit verleihen. Doch wie steht's um die Lyrik? Und was passiert in einem Institut für Sprachkunst? Kann man lehren, Literatur zu schreiben? Ein Gespräch mit dem Dichter Ferdinand Schmatz.

Der Schriftsteller Ferdinand Schmatz leitet seit 2012 das Institut für Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien. In der Österreichischen Gesellschaft für Literatur sprach er über Lyrik, die Möglichkeit, Schreiben zu lehren und zu lernen, und über das eigene Schaffen. Im folgenden ein Auszug aus dem Gespräch.

DIE FURCHE: In anderen Kulturen, etwa im arabischen Raum, kann man mit Lyrik Säle füllen. Gibt es Momente, in denen Sie als Dichter bedauern, nicht in so einem Kulturkreis zu leben und zu arbeiten und Tausende Zuhörerinnen und Zuhörer zu haben?

Ferdinand Schmatz: Wenn man die heutigen politischen Verhältnisse in dem Raum, den Sie angesprochen haben, anschaut, dann bin ich froh, nicht dort zu leben. Obwohl natürlich das, was Sie meinen, schon eine Art Utopie der Wirkung eines Gedichts sein könnte und ist. In Südamerika etwa kann es vorkommen, dass vor 40.000 oder 50.000 Menschen Lyrik gelesen wird. Das ist hier einfach nicht möglich.

DIE FURCHE: Lebt eine Gesellschaft auch ganz gut ohne Lyrik oder ist Kulturpessimismus angesagt?

Schmatz: Das ist eine prinzipielle Frage, welche Auswirkung Kunst und im engeren Sinn Dichtung hat. Die Geschichte zeigt, dass sie sehr selten pragmatische Auswirkungen hat. Es gibt einzelne Momente in gewissen Schreibphasen, wo man einen poetisch-politischen Ausdruck kurz erreicht, der aber kaum zu Veränderungen führt in dieser Maschine des Hierarchischen. Die Lyrik ist natürlich so ein Instrumentarium oder ein Mittel, diese Hierarchien zu brechen und umzuordnen. Ich glaube, dass es nicht angebracht wäre, einem Kulturpessimismus das Wort zu reden, eher mit einer konstruktiven Kraft das Ganze weiterzutreiben und zu hoffen, dass da immer wieder etwas nachkommt und gleichzeitig auch das aufgreift, was an Traditionen vorliegt. Innerhalb der Literatur ist es speziell die Lyrik, die komischerweise eine Randstellung einnimmt, aber mit der lebe ich, seit ich schreibe, aber ich lasse mir mein Wie dabei nicht nehmen, aber das ist ja doch eine Verstärkung des Ganzen. Das hat aber schon damit zu tun, dass man die Welt anders erfahren möchte, und wenn's gut geht, anderen auch so mitteilen will. Und da ist die Lyrik in ihrer Konzentriertheit und gleichzeitigen Differenzierbarkeit auf kleinstem Raum ein unglaublich formbares Modell für so eine Gegenwirklichkeit, die dann zu einer wird, möglicherweise.

DIE FURCHE: Wie nehmen Sie denn die gegenwärtige Lyrik wahr?

Schmatz: Es ist ein naiverer Zugang, der aber sehr energisch ist und die Versatzstücke der sogenannten Realität mit einer Frechheit, würde ich fast sagen, hereinholt und dann bearbeitet. Nicht nur Fundstücke wie Readymades, Zitate oder Montagen im Sinn der Moderne, sondern es ist doch auch in einer gewissen Weise ein Behaupten in diesem Feld der Zeichen-, Bilder-und Medienauswirkungen. Gerade die jungen Schreibenden erkennen das und versuchen sich zu orientieren und mit dem Material zu arbeiten und es umzuarbeiten. Und dabei passiert schon etwas, das man in gewisser Weise auch politisch nennen könnte. Ann Cotten und Monika Rinck zum Beispiel nehmen sich vor allem der Systeme der Vermittlung an und schauen, welche Rolle die Literatur und die Sprache spielen können. Das ist schon eine unglaubliche Erweiterung, die nicht ideologisiert etwas anklagt oder unterstützt: Sie holen diese Art von Gegenstimme durch das Hineinschlüpfen in das Gegebene heraus und modellieren sie dann. DIE FURCHE: Sie leiten das Institut für Sprachkunst, von 250 Interessierten bestehen nur 15 die Aufnahmeprüfungen dort -wie kann man denn überhaupt jemanden schreiben lehren?

Schmatz: Wir sind ja eine breite Schar von Unterrichtenden, wir haben Dichterinnen und Dichter, keine Germanisten und Germanistinnen, sondern Schreibende. Und in der Praxis ist der Begriff der Lehre sehr frei. Wir haben die Einführungen in die Grundgattungen, Lyrik, Essay, Kurzprosa, Prosa. Wenn man diese Einführungen -sie dauern ein Semester - gemacht hat, kann man in die Übungen einsteigen, wo dann Lyrik oder die genannten Gattungen jeweils in zwei Semesterstunden gelehrt werden. Und Lehren ist eben so eine Sache. Was macht Ulf Stolterfoht, was macht Monika Rinck, was machen Franz-Josef Czernin oder Josef Winkler? Sie haben alle ganz unterschiedliche Herangehensweisen. Lehren also im Sinn von Beraten, Führen, Mitführen. Wo Stärken auftauchen -das ist mein Weg -, da machen wir weiter. Ich fange mit den Stärken an und dann erst kommt, was nicht sein soll in einem bereits vorhandenen Text.

DIE FURCHE: Die Beschäftigung mit der Frage, was ein gutes, was ein schlechtes Gedicht ist, füllt Bücher. Wie gehen Sie damit um?

Schmatz: Man hat so einen Instinkt. Ein Gefühl, dass da etwas in die richtige Richtung läuft. Sehr wichtig ist, dass man so einen Topos "was ein Gedicht ist" auch einmal abräumt. Rilke und Bachmann sind großartige Autorinnen und Autoren, aber da gibt es so ein Klischee: Das ist das gute Gedicht. Das ist auch richtig bei den meisten oder sagen wir zumindest bei den eigentlich besten Gedichten von Rilke und Bachmann -aber nicht, wenn man versucht das zu reproduzieren. Und diese Streuung von Lehrenden ist dazu da, eine Erweiterung und vielleicht auch Ökonomisierung zu bringen, je nachdem, was gefragt ist. Es kann ein Text eine Art von Erstreckung verlangen oder ich muss ökonomisch die Mittel zeigen -das hängt wiederum mit dem Thema zusammen, welche Teile der Wirklichkeit man hereinholt, mit der Lautgestalt, ob ich "aus dem Kopf oder der Erfahrung heraus schreibe" oder mit Wörterbüchern arbeite. Auch der Hinweis kann nötig sein, dass man nicht nur ein Genie ist, sondern sich auf Referenzen bezieht - auch Rilke und Bachmann spuken ja immer im Kopf herum. Dass man zum Beispiel sagt, nimm dir vielleicht auch einmal ein Wörterbuch, hol dir dort Hinweise, Definitionen. Letztlich ist es so, dass ich alles aus mir herauskommen lassen muss, aber es gibt Hilfsmittel.

DIE FURCHE: Ob gutes oder schlechtes Gedicht, zeigt sich doch auch an Metaphern ...

Schmatz: Wenn wir einen "Bückling machen" oder "mit dem Rücken zur Wand stehen" oder "unter Druck geraten". Da frage ich: Was heißt das? Was gibt's da noch? Wo kommt das her? Dann schaue ich ins Wörterbuch: "Druck", da kann ich dann nachschlagen im Physiklehrbuch, und dann komme ich zum Ventil... Plötzlich baut sich ein Text auf, der dann aber mit diesem Impetus, dass jemand unter Druck steht, vielleicht wirklich eine ganz neue Dimension hat. Es gibt nichts Neues unter der Sonne -anders darzustellen, ist entscheidend. An wen ist die Metapher gerichtet? An welchen Leib oder an welches Bewusstsein richtet sie sich? Wer spricht sie aus, welche Institution benützt sie für ganz bestimmte Zwecke? Und in dem Moment ist das Feld geöffnet und gleichzeitig auch im Thema eingehalten, und das kann dann auch politisch werden. Was momentan in der Metapherndiskussion über die Hirnforschung läuft, ist übrigens eine unglaubliche Rückkehr der Metapher.

DIE FURCHE: Mit "das grosse babel,n" haben Sie sich als Dichter an keinen geringeren Text gewagt als die Bibel. Wie kam es dazu?

Schmatz: Bei einer Reise in Berlin waren wir im Pergamonmuseum, da war ein biblischer Spruch. Und da hat ein Freund gesagt: So würde der Handke gern schreiben. Und ich habe mir gedacht, das ist irgendwie wahr, das ist die Klarheit und die Kraft und gleichzeitig dieses so Ferngehaltensein von dem Ganzen. Ich habe es dann vergessen und drei Tage später in Wien sitze ich so da, ziehe die Lutherbibel heraus und habe plötzlich einen Ton gehabt und dann ist es losgegangen.

DIE FURCHE: Wie haben Sie mit der Vorlage gearbeitet?

Schmatz: Parallel. Im Sinn einer Übersetzung. Rechts g'schaut, links g'schrieben oder umgekehrt. Paradoxerweise ist mein Text länger geworden -und eine Verwirbelung und Verwirrung, die ich selber nicht erklären kann. Brodsky hat einmal gesagt: Wie entsteht ein Gedicht? Da gibt es zunächst einmal ein Sausen im Kopf. Da tut sich etwas, man hat etwas aufgenommen und dann entwickelt es eine Kraft, die hinausdrängt. Und dann hält man das auf und bringt es in eine Ordnung. Dieses Sausen hat aber einen Ton oder einen Sound, und der war bei mir gegeben. Der hängt mit dem eigenen Schreiben zusammen, den kann man auf einem Institut für Sprachkunst nicht lehren. Der ist schon da. Ihm einen Raum zu geben, darum geht es. Ihn zu erwecken oder am Leben zu halten.

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