Digital In Arbeit

Der Druck wird bleiben

Die Neuen Medien konnten der traditionell gedruckten Zeitung bislang nichts anhaben. Dennoch darf über künftige Erscheinungsweisen der Zeitung spekuliert werden.

Es ist nicht das vornehmste Papier, auf dem Zeitungen gedruckt werden. Aschgrau in seinem Naturzustand, zwischen 55 und 70 Gramm pro Quadratmeter schwer, holzhältig beziehungsweise überwiegend aus Altpapier bestehend. Zeitungspapier, ein Raum für das Weltgeschehen, für Kommentare, Analysen und ein Spiegelbild der Gesellschaft, aber eines, das rasch vergilbt (aufgrund des Holzgehalts). Schnell und "billig" - Attribute, die sich dem Zeitungspapier rasch zugefügt haben. Schließlich wird täglich (oder wöchentlich) gedruckt und nichts ist bekanntlich älter als die Zeitung von gestern.

Trotzdem geht von der Anmutung dieses viel konsumierten Produkt der Mediengesellschaft eine Faszination aus. Unabhängig von den Inhalten ist es das Erscheinungsbild, das einer Zeitung ihre Ästhetik gibt. "Etwas in der Hand zu haben, sowohl physisch als auch inhaltlich", das ist wohl einer der Gründe, weshalb die Neuen Medien der Zeitung bisher nicht wirklich etwas anhaben konnten. Das Internet als digitale, papierlose Zeitung, ist zwar viel schneller und aktueller, doch die gedruckte Zeitung ist Teil der Gesellschaftskultur. "Die gedruckte Variante der Zeitung hat eine höhere Glaubwürdigkeit und ist überall leicht verfügbar", sagt Franz Ivan, Präsident des VÖZ (Verband österreichischer Zeitungen): "Gedruckte Medien sind durch Kommentare, Meinungen und Analysen personalisierter als andere Medien".

Das älteste Massenmedium

Die gedruckte Zeitung ist das älteste Massenmedium. Seit 1609 spricht man von einer regelmäßig erscheinenden Presse. Eine geplante Untersuchung, die der Studiengang Fachjournalistik an der Hochschule Bremen vorbereitet, will nun beweisen, dass "die gedruckte Zeitung als Medium unentbehrlich bleiben wird, wenn es ihr gelingt, eine Art Navigatorenrolle durch die multimediale Welt einzunehmen. Mit der Digitalisierung und dem eingeläuteten Informationszeitalter kommt eine neue Generation von Massenmedien auf den Informationsmarkt; gleichzeitig verändern die etablierten Medien Inhalte und Darstellungsformen. Der gedruckten Zeitung wird regelmäßig, aber meist unbegründet der Untergang prophezeit".

"Die gedruckte Zeitung wird es noch sehr, sehr lang geben", meint Oscar Bronner, Herausgeber des Standard. Das lachsrosa Blatt gönnt sich seit seiner Gründung "eine extra für uns maßgeschneiderte Papiersorte aus Finnland", sagt Bronner, für den die Produktion seines Blattes dadurch "etwas teurer kommt".

Das Papier ist teuer

Insgesamt ist die Zeitungsproduktion kein billiges Unterfangen. Neben den enormen Redaktions-, Produktions- und Vertriebskosten waren es im Vorjahr unter anderem massive Papierpreiserhöhungen, die den heimischen (und internationalen) Verlegern den Schweiß auf die Stirn trieben. "Rohstoffe wie Zellstoff aber auch Altpapier werden immer teurer", weiß László Forgo, Mit-Geschäftsführer der Austropapier, der Vereinigung der österreichischen Papierindustrie: "Das Geschäft mit dem Zeitungspapier ist in der Regel langfristig geregelt. Das heißt, dass die Verleger mit den Papierlieferanten Preise vereinbaren, die über einen längeren Zeitraum, etwa ein Jahr, konstant bleiben müssen. Wenn sich die Produktionspreise von Papier während der Laufzeit eines solchen Vereinbarung erhöhen, dann sind es in erster Linie die Lieferanten, die das schmerzt", sagt Forgo. "Es gibt hunderte Papiersorten, weshalb die Erhöhung des Preises nur sehr schwer generell beziffert werden kann." Insgesamt sei der Papierpreis in letzter Zeit aber etwa um zehn Prozent angestiegen.

Franz Ivan rechnet jedoch damit, "dass der Papierpreis, der sich jetzt auf hohem Niveau stabilisiert hat, tendenziell sinken wird". Was die Verleger nach dem durch die globale Rezession verursachten katastrophalen Anzeigengeschäft des Vorjahres wieder zuversichtlich stimmt. "Immerhin kommen 60 Prozent der Einnahmen aus dem Inseratenverkauf", sagt Ivan.

Die digitale Verbreitung von medialen Inhalten ist da um einiges günstiger - rein theoretisch. Denn auch die Online-Ableger vieler Tageszeitungen und Magazine schreiben nach wie vor hohe Verluste. Der Standard war eines der ersten Medien, die hierzulande im Web präsent waren. "Unsere Plattform wurde in eine eigene Firma umgewandelt. Natürlich darf das Online-Geschäft nicht ein ewiges Hobby bleiben", meint Oscar Bronner, der damit rechnet, dass sich die Website derstandard.at in etwa zwei Jahren "selbst tragen wird".

Nach dem Aufkommen des Internet war schnell der Untergang der gedruckten Zeitung prophezeit worden, doch dieser ist bislang ausgeblieben. Franz Ivan: "Internet-Ausgaben von Zeitungen bieten einen raschen Überblick über das Geschehen. Fundierte Hintergründe gibt es nur in der gedruckten Zeitung". Das Internet sei bislang eine "Ergänzung zur Zeitung, kein Ersatz", meint Ivan.

Dennoch haben die neuen Technologien gravierende Veränderungen in der Herstellung von Zeitungen gebracht. Vor allem mit der vollständigen Digitalisierung der Druckvorstufe und digitalen Übertragungsmöglichkeiten (ISDN, E-Mail oder FTP-Transfer) kann die am Computer fix und fertig gelayoutete Zeitung direkt in die Druckerei geschickt werden. Relativ neu ist dabei die Technologie, die Zeitungsseiten ohne ausbelichtete Lithographien direkt auf die Druckplatte zu übertragen, was die Produktion in Hinkunft noch schneller und günstiger machen wird. Mit dem globalen PDF-Standard können fertig entworfene Seiten zudem weltweit verschickt und ausgedruckt und unabhängig von PC-Formaten überall in der gleichen Optik, egal ob digital (via Laserkopierer) oder konventionell (im Offset-Druckverfahren) vervielfältigt werden. Solche Techniken werden etwa für abgespeckte internationale Ausgaben von Tageszeitungen (zum Beispiel Süddeutsche Zeitung, aber auch Der Standard) eingesetzt.

"Grundsätzlich ist es mir als Verleger egal, wie die Zeitung zum Leser kommt", meint Oscar Bronner. "Was auch immer hilft, die Zeitspanne zwischen Redaktionsschluss und dem Einlangen der Zeitung beim Leser zu verkürzen, ist mir sehr willkommen". Bronner sieht den Standard als Pionier, der den Wandel des Mediums Zeitung stets begleitet habe. Neben der Online-Ausgabe gibt es mittlerweile auch eine abgespeckte Version, die man sich auf den Pocket-PC laden kann, was den mobilen weltweiten Zugriff auf die Zeitung ermöglichen soll. "Das sind Experimente und Investitionen in die Zukunft. Aber die Drucker und Papierhersteller können trotzdem noch lange ruhig schlafen".

Investition in den Druck

Nicht umsonst hätten die größeren heimischen Verlage in jüngster Zeit intensiv in den Ausbau neuer, leistungsfähigerer Druckmaschinen investiert, darunter der Standard die Mediaprint und auch die Styria-Medien. "Es ist nicht auszuschließen, dass das die letzten Maschinen waren, die wir gekauft haben", sagt Bronner. "Aber ich glaube nicht daran".

Eine vor etwa zwei Jahren auch in der Furche vorgestellte "digitale Zeitung" bezeichnet Franz Ivan noch "als skurrilen Einzelfall". Die von IBM entwickelte Technologie setzt eine hauchdünne Kunststofffolie ein, die elektronisch mit Inhalten aufgeladen werden kann. Die Folie lässt sich zusammenrollen, und etwa im Kaffeehaus lesen. Die Inhalte kommen via Internet und werden auf einem 16-seitigen Glasfaserpapierbogen in Graustufen dargestellt. Resultat: Die Optik einer papierenen Zeitung ist hergestellt. Die Technik der "elektronischen Tinte", die die Partikel der Kunststoffseiten schwarz oder weiß einfärbt, ist immer wieder anwendbar, die Folie bleibt, nur der Inhalt ändert sich nach jedem Download-Vorgang. "Diese Phantasien sind technisch allerdings noch nicht ausgereift", meint Oscar Bronner. "Die intensive Forschung ist bislang immer an der technischen und finanziellen Machbarkeit gescheitert", ergänzt Franz Ivan. Aber als machbares Zukunftsszenario will man diesen Versuch zumindest gelten lassen.

Zeitung - auch morgen noch

In welchem zeitlichen Horizont die neuen Entwicklungen auf dem Zeitungssektor ablaufen werden, darüber will sich niemand auf Spekulationen einlassen. "Immerhin", meint Austropapier-Chef László Forgo: "Die gedruckte Zeitung auf dem guten alten Zeitungspapier wird es auch morgen noch geben".

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