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Allianz der Gegensätze

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Friedenswoche in Österreich: Zur Diskussion trägt auch das neue Buch eines Bundesheer-Generalstäblers bei, der seit Jahren den innerkirchlichen Dialog bereichert.

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Friedenswoche in Österreich: Zur Diskussion trägt auch das neue Buch eines Bundesheer-Generalstäblers bei, der seit Jahren den innerkirchlichen Dialog bereichert.

Neben Modellen zeitlicher Aufeinanderfolge bzw. wahlweiser Anwendung verschiedener Verteidigungsformen ist natürlich auch die wohl schwierigste Kombination in Form eines „geordneten Nebeneinander" durchaus vorstellbar (zumindest für Nicht-puristen).

Hier wäre eine Erweiterung schon bestehender Ansätze bei allen umfassenden Verteidigungskonzepten (wie z. B. der Schweizer „Gesamtverteidigung", der schwedischen „total försvar" und der österreichischen „Umfassenden Landesverteidigung") insofern erforderlich, als diese Konzepte bis dato in ihren nichtmilitärischen Teilbereichen „nur" auf den Schutz und das Uberleben der eigenen Bevölkerung hin angelegt sind; die Erweiterung müßte demnach auf den potentiellen Aggressor ausgerichtete Vorbereitungen und Maßnahmen umfassen.

Im österreichischen Konzept der militärischen Landesverteidigung gibt es sehr wohl bereits einen entsprechenden Ansatzpunkt, und zwar sogar unter den diesem Konzept vorangestellten Prinzipien. Dort wird ziviler Widerstand als notwendige Ergänzung zur militärischen Landesverteidigung genannt. Am ausgeprägtesten finden sich Ansätze dieser Art heute schon im jugoslawischen Modell der „Allgemeinen Volksverteidigung".

Die meisten der bisher schon vorgeschlagenen konkreten Möglichkeiten eines (ergänzenden) zivilen Widerstandes haben wohl zwei für Anhänger der Gewaltlo-sigkeit schwer verkraftbare „Schönheitsfehler": man kann diesen Maßnahmen meist eine gewisse „Militanz" nicht absprechen, und ein sozusagen dezentes Zusammenwirken, zumindest eine weitgehende Abstimmung mit militärischen Maßnahmen, wird sich trotz aller Bestrebungen, hier säuberlich zu trennen, nicht nur nicht vermeiden lassen, sondern ist im Interesse höchstmöglicher Effizienz geradezu erforderlich.

Während das zweitgenannte „Manko" vor allem ressentimentbelastet ist, liegt die Problematik hinsichtlich der „Militanz" bestimmter Maßnahmen eines zivi^ len Widerstandes erheblich tiefer. Hier beginnen eben die Grenzen bereits zu fließen — und das ist ja gerade die hauptsächliche Befürchtung der (überzeugten) Anhänger von Gewaltlosigkeit.

Man muß allerdings schon darauf aufmerksam machen, daß dies nicht erst ein Problem der Abgrenzung im Falle einer Kombination von militärischer Verteidigung und zivilem Widerstand (irgendeiner Bezeichnung) ist, sondern eine sozusagen interne Frage nichtmilitärischer Verteidigungsformen.

Diese Frage läuft auf eine Definition von „Gewalt", dementsprechend auch „Gewaltlosigkeit" bzw. „Gewaltfreiheit", hinaus. Wenn beispielsweise im Rahmen eines zivilen Widerstandes Brük-ken oder Tunnels verrammelt oder gar gesprengt werden sollen, können dadurch auch — durchaus unbeabsichtigt — Soldaten des Angreifers bzw. Besatzers verletzt, sogar getötet werden.

Ähnliches gilt für Vorschläge, etwa Rollbahnen von Flughäfen zu blockieren, Landeeinrichtungen und Beleuchtungsanlagen auszuschalten, Kaianlagen zu sprengen, Leuchttürme außer Betrieb zu setzen oder gar „Panzerfallen" zu errichten.

Am problematischsten wäre wohl eine direkte Unterstützung der eigenen kämpfenden Truppe durch „militante" Handlungen eines zivilen Widerstandes; die Konsequenzen für die Zivilbevölkerung wären vorhersehbar. Deshalb ist die eingangs erhobene Forderung nach — zumindest räumlich - strikter Trennung sehr ernst zu nehmen.

Es ist leider nicht zu leugnen, daß gerade Vorstellungen letztgenannter Art bisher noch am ehesten ein gewisses Verständnis militärischer Kreise gegenüber Vorstellungen eines zivilen Widerstandes erwarten lassen. Im Zuge einer künftigen - so steht zu hoffen — eingehenderen Befassung mit der Thematik werden diese (sagen wir einmal: etwas „romantisierenden") Vorstellungen nicht mehr aufrechtzuerhalten sein.

Machen wir nun einen Schritt in die andere Richtung: Aktivitäten eines zivilen Widerstandes möglichst ohne Anhauch von „Militanz" und ohne direkten Zusammenhang mit Kampfhandlungen der eigenen Truppe wären somit jener Bereich, der von den bisher geäußerten Bedenken noch ausgespart bleibe...

Es wäre wünschenswert, sich dazu einmal den ganzen Katalog von Vorschlägen aus dem Bereich der diversen „alternativen" Verteidigungsideen vorzunehmen und auf eine mögliche Umsetzung innerhalb der aufgezeigten Rahmenbedingungen abzuchek-ken. Nicht um das Wecken bzw. Nähren von Illusionen geht es dabei, auch nicht — wie umgekehrt möglicherweise befürchtet werden kann — um den Versuch einer Vereinnahmung, sondern um eine naheliegende Möglichkeit des nächsten Schrittes nach erfolgter Herausbildung alternativer (wenn auch zum Teil noch recht vager) Verteidigungsvorstellungen und einer ersten Phase starker Polarisierung.

Die Thematik, um die es letzten Endes geht, angesiedelt im Werte-Dreieck von Frieden, Freiheit und Sicherheit, ist so ernst, die Gefährdung aller, ob Verfechter dieser oder jener Lehre, so real, daß wir diesen Weg gemeinsam zumindest versuchen sollten.

Erst über einen solchen Schritt, sich in gemeinsamer Arbeit um

Lösungsmodelle in der gerade schwierigsten Art eines Mixkonzeptes, einem „geordneten Nebeneinander", zu bemühen, wird es dann auch möglich sein, einander bei der Erarbeitung der jeweils eigenen Modelle für ein Mixkonzept der wahlweisen Anwendung oder der zeitlichen Aufeinanderfolge nicht nur zu respektieren, sondern auch zu unterstützen.

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Das ist angesichts der derzeitigen Gegebenheiten vor allem einmal eine Aufforderung an den militärischen Bereich, der auf Grund seiner lange erworbenen Erfahrungen ja eigentlich eine ganze Menge konkreter Unterstützung leisten könnte.

Auszug aus: DIE ALLIANZ DER GEGENSÄTZE. Von Heinz Danzmayr. Herold, 208 S., Brosen., öS 198,-. Der Autor ist Brigadekommandant und sicherheitspolitischer Beauftragter des Verteidigungsministers.

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