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Für klare Strategie

1945 1960 1980 2000 2020

Was müssen Unternehmens- und Wirtschaftsmanager in schwierigen Zeiten tun, um für die Zukunft gerüstet zu sein? In lockerer Folge veröffentlicht die FURCHE dazu die Meinung führender Vertreter der Wirtschaft. Im zweiten Beitrag der Reihe nimmt ein Vorstandsmitglied der Länderbank Stellung.

1945 1960 1980 2000 2020

Was müssen Unternehmens- und Wirtschaftsmanager in schwierigen Zeiten tun, um für die Zukunft gerüstet zu sein? In lockerer Folge veröffentlicht die FURCHE dazu die Meinung führender Vertreter der Wirtschaft. Im zweiten Beitrag der Reihe nimmt ein Vorstandsmitglied der Länderbank Stellung.

Osterreich steht vor einer paradoxen Situation. In der nächsten Zeit könnte nämlich der Eindruck entstehen, es gehe wirtschaftlich wieder bergauf, obwohl das Gegenteil zu befürchten ist.

Für eine solche Annahme gibt es leider gute Gründe. Die österreichische Zahlungsbilanz wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach heuer weiter verbessern,x wenn auch nicht wegen einer verbesserten Struktur der österreichischen Wirtschaft, sondern vielmehr wegen des Abbaues der Zahlungsbilanzüberschüsse der OPEC-Staaten.

Die Inflationsrate wird wohl weiter zurückgehen (wie es bei lang anhaltenden Rezessionen eher zwangsläufig so ist). Und falls die Wahlen tatsächlich im Frühjahr 1983 stattfinden, so ist das genau jener Zeitpunkt, zu dem die Winterarbeitslosigkeit gerade ihrem Ende zugeht.

Ob das dann eine .nachhaltige oder nur vorübergehende Besserung ist, wer wird das zu diesem Zeitpunkt schon klären können?

In einer solchen Konstellation wird das eigentliche Grundproblem — im übrigen nicht nur der österreichischen Wirtschaft, sondern auch manch anderer europäischer Industriestaaten — weiterhin weder Lösungen noch Beachtung finden: Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat in einem außerordentlich hohen Maße zur weltweiten Streuung des Kapitalverkehrs, des technischen Wissens, moderner Produktionsmethoden und damit letztlich auch der Investitionstätigkeit großer Konzerne geführt.

Investiert wird und moderne Kapazitäten werden daher vorrangig dort geschaffen, wo entweder hochwertige Rohstoffe oder billige Arbeitskräfte oder am besten beide vorhanden sind. Industriestaaten mit hohen Sozial-und Lohnkosten zählen nur dann zu den attraktiven Investitionsplätzen, wenn sie die Nachteile an Ressourcen sowie an billiger Arbeitskraft durch höhere Qualifikation, überlegene Strategien oder Marktmacht ausgleichen können.

Zumindest letzteres ist bei kleinen Ländern wie Österreich keineswegs der Fall, während sich eine zunehmende Zahl von Schwellenländern, vor allem im Fernen Osten, um optimale Kombinationen aus billigen Arbeitskräften, Know-how, Fleiß und Kapitaleinsatz bemüht.

Die Herausforderung, vor die sich die österreichische Wirtschaft gestellt sieht, ist daher universell. Es geht darum, die skizzierten Nachteile auszugleichen. Investitionen in Österreich müssen so attraktiv sein wie sonst in der Welt.

Konkretisiert man dies nach dem maßgeblichen Faktoren, dann bedeutet dies, daß ungenügendes Kapital und fehlende Rohstoffe durch Faktoren gleicher Bedeutung eiseUl werden müßten. Höhere Kosten für Arbeitskräfte können nur durch höhere Qualifikation kompensiert werden. Je höher der Ar-beitskostenvorsprung, desto höher muß der Qualifikationsvorsprung auf die Dauer sein.

Zwei Zielrichtungen bieten sich hier immerhin an: Hohe Flexibilität der Produktion und hohe Verfügbarkeit über Information.

Man muß sich im klaren darüber sein, daß für die Realisierung dieser Ziele wenig Geld zur Verfügung steht. Umso wichtiger wird es in Zukunft sein, die vorhandenen Mittel nicht für beschränkte Beschäftigungseffekte in größeren Einzelprojekten einzusetzen. Es geht vielmehr darum, wenn die Ziele einmal definiert sind, alle Investitionen, Projekte und Initiativen zu fördern, die diesen Zielen entsprechen.

Hinzu kommt, daß in etlichen — durchaus arbeitsplatzintensiven — österreichischen Unternehmen die Finanzierung jener Durststrecke, die es zur Herausführung aus der gegenwärtigen Verlustsituation noch zurückzulegen gilt, gelegentlich, verglichen mit manch solchen Projekten, nur geradezu bescheidene Beträge erfordern würde.

Dieser Sachverhalt allein verbietet es, die vorhandenen knappen Mittel schwergewichtig auf wenige Großprojekte zu verteüen. Im Gegenteil kann und sollte man davon ausgehen, daß dezentral von eigenverantwortlichen Unternehmen getroffene Investitionsentscheidungen im allgemeinen (Ausnahmen sind meist klarer erkennbar als man vermeint) keine geringere Qualität aufweisen als Investitionsentscheidungen, die von zentralen politischen Instanzen ins Leben gerufen werden.

Für Investitionsentscheidungen wichtig sind allerdings auch stabile Rahmenbedingungen. Kann man aus Gründen des Staatshaushaltes keine besonders attraktiven Investitionsförderungen bieten, dann sollte man stabile Investitionsrahmenbedingungen (etwa bei den Abschreibungssätzen) anbieten können, statt sie kurzfristig zu verändern.

Wer die Gewißheit hat, längerfristig kalkulieren zu können, wird dafür umgekehrt bereit sein, auch mit nur durchschnittlichen Investitionsbegünstigungen zu kalkulieren, wenn das Projekt als solches interessant erscheint.

Dabei ist das österreichische Instrumentarium an Kredit-, Bürgschafts- und Eigenkapital-Ersatzaktionen ohnehin besser als sein Ruf. Die Hauptansatzpunkte scheinen mir nicht in diesem, sondern eher im sonstigen legisti-schen Bereich zu liegen.

Die rein rechtlichen Hemmnisse unternehmerischer Tätigkeit mögen im Einzelfall ihre mehr oder weniger akzeptable Begründung haben. In ihrer Gesamtheit werden sie zur unerschöpflichen Quelle von Frustrationen, ob es sich um das wuchernde Ubermaß an Bürokratismus oder Formularismus handelt, um Bestimmungen wie etwa des ASVG, die Firmenfortführungen außerordentlich erschweren, oder solche der Konkursordnung, die die Weiterfinanzierung von in Schwierigkeiten geratenen Unternehmen noch riskanter machen, als ein solches Unterfangen ohnedies schon ist, und die ausgerechnet jetzt noch weiter verschärft werden sollen.

Die Formulierung einer Strategie, die sich an der voraussichtlichen künftigen internationalen Entwicklung orientiert, ist schwierig, aber nicht aussichtslos. Jede wie immer formulierte Strategie ist aber nur dann sinnvoll und erfolgversprechend, wenn sie von dem entschlossenen Willen getragen ist, die bestehende Herausforderung anzunehmen. Wer Herausforderungen erkennt und annimmt, statt die Realität zu verleugnen, hat auch eine Chance.

Der erste Beitrag der Serie (von Siemens-Generaldirektor Wolfsberger) ist in FURCHE Nr. 47/81 erschienen.

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