Leitartikel

Auslegungssachen

1945 1960 1980 2000 2020

Großbritannien und die SPÖ treiben die Kunst der Selbstzerstörung auf die Spitze. Kann man das verstehen? Nein. Aber durch einen Blick zurück zumindest besser interpretieren.

1945 1960 1980 2000 2020

Großbritannien und die SPÖ treiben die Kunst der Selbstzerstörung auf die Spitze. Kann man das verstehen? Nein. Aber durch einen Blick zurück zumindest besser interpretieren.

Die Rache der Journalisten an den Politikern sei das Archiv, heißt es gern. Nachblättern können, was eigentlich schon Schnee von gestern ist, in Erinnerung rufen, welch eigenes „Geschwätz“ vom Vortag Alphatiere nicht mehr interessiert: Das ist ein zentrales journalistisches Werkzeug – und aus Sicht der mit sich selbst Konfrontierten eine gefährliche Waffe.

Widersprüche zu Tage fördern, Falschaussagen entlarven, glatte Lügen feststellen und das Vis-à-Vis dadurch festnageln können: Das ist die eine Sache, die durch einen Gang (oder Klick) in das Archiv und die Geschichte möglich wird. Die andere ist freilich grundsätzlicher Natur: Sie betrifft nichts weniger als den Wunsch, zu verstehen, was eigentlich nicht zu verstehen ist, aber Tag für Tag rings um uns passiert. Warum entwickeln sich Prozesse so, wie sie sich entwickeln? Warum sagen und tun Menschen das, was sie sagen und tun? Und warum wachsen sich scheinbar kleine Malversationen zu Monstrositäten aus, die ganze Länder und Kontinente in Atem halten?

Die Brexit-Groteske, die in den letzten Tagen noch um einige Skurrilitäts-Kapitel reicher wurde, ist ein besonders gutes (oder schlechtes) Beispiel dafür. Nein, erklären kann man den furiosen Selbstzerstörungstrieb der Briten nicht. Aber ein Blick zurück lässt zumindest ihre Fallhöhe erahnen. Es war 2005, als ein gewisser Tony Blair vor dem EU-Parlament eine bemerkenswerte Rede hielt. „Ich glaube an Europa als politisches Projekt. Ich glaube an ein Europa mit einer starken sozialen Dimension. Nie könnte ich ein Europa akzeptieren, das nur ein Wirtschaftsmarkt wäre.“ Das alles kam dem britischen Premier und Labour-Chef, der nicht gerade als Inbegriff eines glühenden Integrationisten galt, über die Lippen.

Ewige Sehnsucht nach Europa

Die Rede Blairs hatte aber auch noch weniger blumige Passagen. Punkt für Punkt legte er den Finger in bis heute klaffende Wunden: Was sei aus dem Vorhaben geworden, Europa näher zu den Bürgern zu bringen? Wie kann die EU zum Wirtschafts- und Sozialmodell werden, in dem sich Menschen ebenso motiviert wie sicher fühlen? „Natürlich brauchen wir ein soziales Europa“, wird der Premier vor 14 Jahren in der FURCHE zitiert, „aber eines, das funktioniert.“ Tage wie heute machen schmerzlich bewusst, wie fundamental man an dieser einstigen Vision gescheitert ist.

Die Rache der Journalisten an den Politikern sei das Archiv, heißt es gern. Nachblättern können, was eigentlich schon Schnee von gestern ist, in Erinnerung rufen, welch eigenes „Geschwätz“ vom Vortag Alphatiere nicht mehr interessiert: Das ist ein zentrales journalistisches Werkzeug – und aus Sicht der mit sich selbst Konfrontierten eine gefährliche Waffe.

Widersprüche zu Tage fördern, Falschaussagen entlarven, glatte Lügen feststellen und das Vis-à-Vis dadurch festnageln können: Das ist die eine Sache, die durch einen Gang (oder Klick) in das Archiv und die Geschichte möglich wird. Die andere ist freilich grundsätzlicher Natur: Sie betrifft nichts weniger als den Wunsch, zu verstehen, was eigentlich nicht zu verstehen ist, aber Tag für Tag rings um uns passiert. Warum entwickeln sich Prozesse so, wie sie sich entwickeln? Warum sagen und tun Menschen das, was sie sagen und tun? Und warum wachsen sich scheinbar kleine Malversationen zu Monstrositäten aus, die ganze Länder und Kontinente in Atem halten?

Die Brexit-Groteske, die in den letzten Tagen noch um einige Skurrilitäts-Kapitel reicher wurde, ist ein besonders gutes (oder schlechtes) Beispiel dafür. Nein, erklären kann man den furiosen Selbstzerstörungstrieb der Briten nicht. Aber ein Blick zurück lässt zumindest ihre Fallhöhe erahnen. Es war 2005, als ein gewisser Tony Blair vor dem EU-Parlament eine bemerkenswerte Rede hielt. „Ich glaube an Europa als politisches Projekt. Ich glaube an ein Europa mit einer starken sozialen Dimension. Nie könnte ich ein Europa akzeptieren, das nur ein Wirtschaftsmarkt wäre.“ Das alles kam dem britischen Premier und Labour-Chef, der nicht gerade als Inbegriff eines glühenden Integrationisten galt, über die Lippen.

Ewige Sehnsucht nach Europa

Die Rede Blairs hatte aber auch noch weniger blumige Passagen. Punkt für Punkt legte er den Finger in bis heute klaffende Wunden: Was sei aus dem Vorhaben geworden, Europa näher zu den Bürgern zu bringen? Wie kann die EU zum Wirtschafts- und Sozialmodell werden, in dem sich Menschen ebenso motiviert wie sicher fühlen? „Natürlich brauchen wir ein soziales Europa“, wird der Premier vor 14 Jahren in der FURCHE zitiert, „aber eines, das funktioniert.“ Tage wie heute machen schmerzlich bewusst, wie fundamental man an dieser einstigen Vision gescheitert ist.

Der FURCHE-Navigator soll das Einordnen erleichtern. Ob das auch gelingt, wird Auslegungssache sein. Wie fast alles im Leben.

Was uns gleich zum nächsten aktuellen Drama führt: nämlich jenem der SPÖ. Man könnte mit gutem Grund vermuten, dass der Grad an Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit, der den Roten bei der letzten Nationalratswahl das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte bescherte, schwer zu toppen ist. Und tatsächlich scheint es historisch, wenn selbst Pamela Rendi-Wagner daran scheitert, die „Unique Selling Proposition“ ihrer Partei zu erklären. Doch auch hier relativiert ein Blick in die Geschichte: „Woran soll man Sozialdemokraten heute erkennen?“, fragte Hubert Feichtlbauer in der FURCHE – und wusste auch schon 1989 keine schnelle Antwort.

Sich solcher historischer Ähnlichkeiten bewusst zu werden, wird den großen Strategen in der Löwelstraße nicht wirklich helfen (falls es die in letzter Zeit dort überhaupt gegeben hat). Aber wichtig zur Einordnung wäre es in jedem Fall. „Hermeneutik“ nennt man diese Kunst des Verstehens auf Basis der Auslegung und Einordnung (historischer) Texte, die immer auch eines historisch-kritischen Bewusstseins bedarf.

Auch unser neuer FURCHE-Navigator, der online Zusammenhänge zwischen Gestern, Heute und Morgen sucht, soll dieses hermeneutische Verständnis fördern und das Einordnen von Geschichte(n) erleichtern. Ob das am Ende gelingt, wird Auslegungssache sein. Wie fast alles im Leben.