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Mehr Lust statt Frust

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Österreichs Grün-Alternative winden sich in Einigungskrämpfen. An Etsch und Eisack scheint die Zwietracht in der „Bewegung“ keine Rolle zu spielen. Warum?

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Österreichs Grün-Alternative winden sich in Einigungskrämpfen. An Etsch und Eisack scheint die Zwietracht in der „Bewegung“ keine Rolle zu spielen. Warum?

Die „Alternative Liste fürs andere Südtirol“ ist im Landtag mit fünf Prozent der Stimmen und zwei von 35 Mandaten vertreten. Die Leute, die diese Liste im Jahre 1983 gebildet haben, kommen aus allen (drei) Sprachgruppen — sprechen also deutsch, italienisch und ladinisch, manchmal sind sie auch im Grenzbereich zwischen den Volksgruppen angesiedelt.

Es gibt immer mehr Grüne bei uns. Auch engagierte Christen sind mit von der Partie. Dazu kommt ein gutes Gemisch von Gewerkschafts-, Friedens-, Tierschutz-, Antiatom-, Internationalismus-, Kriegsdienstverweige-rungs-, Frauenbewegungs- und ganz gewöhnlichen Leuten.

Es ist wohl unmöglich, nach po-sitivistisch-eindeutigen Rezepten solche Sammlungsbewegungen zum Erfolg zu führen. Ich kann nur versuchen, aus persönlich gefärbter Sicht, die Gründe für unseren bisherigen (und natürlich sehr relativen, aber vielleicht ausbaufähigen) Erfolg zu benennen.

Da ist einmal der Umstand, daß wir keine Partei gebildet haben — was natürlich in einem kleinen und überschaubaren Land, wo man sich mehr oder weniger kennt, leichter geht. Zur Bildung der Liste haben sich, nach entsprechend mühevollen Vorgesprächen und aufgrund eines an rund 250 Personen verschickten „Einladungsbriefes“, die nötigen Kandidaten zusammengefunden und wurden die nötigen Unterstützungserklärungen (600) zuwege gebracht.

Vorausgegangen waren, ein Jahr vorher, ein gemeinsamer Aufstieg auf die Alm von Reinhold Messner mit einer kurzen und heftigen Besprechung im Freien (es war kalt, also hielt man sich notgedrungen kurz) und mehrere Tagungen, bei denen aber nicht die Einigung zur Diskussion stand, sondern wobei es um konkrete Anliegen ging.

Geeint hat uns das gemeinsame Bewußtsein, ein großes Anliegen zu vertreten (die Versöhnung zwischen den Volksgruppen und die Suche nach einer grün-alternativen Erneuerung der Gesellschaft). Dafür haben wir — die Kandidaten — beschlossen, persönlich einzustehen, ohne nach Aufträgen oder Legitimationen anderer zu suchen. Den Auftrag suchten wir direkt bei den Wählern, weil wir genügend überzeugt waren, etwas Wichtiges vorzuhaben.

So blieb uns jeder Einigungs-prozeß zwischen Gruppierungen mit den entsprechenden Vetorechten einigermaßen erspart. Wir bemühten uns, Leute zu versammeln, die möglichst etwas Gemeinsames getan (nicht bloß verabschiedet) hatten.

Daß wir ein recht buntes Gemisch zustande brachten (ja, wir hätten's uns eigentlich noch bunter gewünscht), empfanden wir als Vorteil, nicht als Hindernis. Wir bemühten uns dabei nicht nur um die passive Koexistenz verschiedener Sensibilitäten und Anliegen, sondern um deren bewußte Interaktion: Was haben Tierschützer mit Nikaragua-Freunden gemeinsam? Wenn es den einen und den anderen ernst ist, müssen sie doch imstande sein, einander gegenseitig zumindest hellhörig zu machen. Dies ist im Lauf der Zeit auch mehr und mehr geschehen, obwohl wir noch weit vom Ziel entfernt sind.

Die wichtigste „blockübergreifende'“ Erfahrung und Praxis innerhalb unserer Liste war das Zusammenwirken von deutsch-, italienisch- und ladinischsprachigen Südtirolern. Wir mußten auf verschiedene Hintergründe, Geschichten, Empfindlichkeiten und

Geschmäcker Rücksicht nehmen — aber vielleicht hat uns gerade dieser Umstand geholfen, eine „Kultur des Zusammenlebens“ zu entwickeln, die sich auch auf das Neben- und Miteinander verschiedener Anschauungen und (nicht selten sogar „ideologischer“) Ausrichtungen günstig ausgewirkt hat.

Wir haben dieses Miteinander schließlich vorher jahrelang geübt und dabei gelernt, wie sehr man auch das Umfeld und Hinterland jeder einzelnen Person berücksichtigen muß, die einerseits gegenüber ihrer (beispielsweise ethnischen) Herkunftsgruppe loyal bleiben möchte, andererseits aber nur im Zusammenwirken mit den „Partnern der Einigung“ aus den verrauchten Schützengräben endlich herausfinden kann.

Hilfreich waren nicht Resolutionen, sondern integrative Persönlichkeiten, die all dies überzeugend verkörperten und ihre Macht- und Geltungsansprüche zumindest in annehmbaren Grenzen zu halten wußten. Und das

Bewußtsein, daß wir eine Liste als bescheidenes Werkzeug politischen Handelns ins Leben rufen wollten, und nicht eine Religion oder sonst irgendeine totale und seligmachende Institution.

Schließlich ist Politik zwar sehr wichtig, aber doch nicht so allumspannend, daß sich darob die Lust einfach in Frust wandeln dürfte.

Und wenn alle Partner einer solchen Sammlung mehr darauf aus waren, ihre Uberzeugung auch mit Uberzeugung zu leben, anstatt in Aktienanteile an einem mühsam ausgehandelten Minimalkonsens umzusetzen, war das noch allemal förderlich und löste Lernprozesse in und um uns aus. Grenzgänger zwischen den Fronten waren uns dabei sehr nützlich, weil sie immer wieder das eine hin und das andere her schmuggelten, bis so etlichen die Sinnhaftigkeit ererbter (ideologischer oder — bei uns — ethnischer) Grenzen nicht mehr so ganz einsichtig war.

Der Autor ist Abgeordneter im Südtiroler Landtag.

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