Österreich Flagge - © Bild von Pete Linforth auf Pixabay

Österreichs Intelligenz: Im Schatten des Staates

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Zu Österreichs Intelligenz befragt, konnten viele nur herzhaft lachen oder zumindest schmunzeln. Intelligenz wird hierzulande kaum thematisiert. Was über den Hausgebrauch hinausgeht, ist eher gefährlich, als daß es nützt. Im Folgenden der Versuch, intelligent über Intelligenz zu reden.

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Zu Österreichs Intelligenz befragt, konnten viele nur herzhaft lachen oder zumindest schmunzeln. Intelligenz wird hierzulande kaum thematisiert. Was über den Hausgebrauch hinausgeht, ist eher gefährlich, als daß es nützt. Im Folgenden der Versuch, intelligent über Intelligenz zu reden.

Die Österreichische Intelligenz" - statt der üblichen Bezeichnung "die Intellektuellen" - nennt DIE FURCHE ihr Dossier. Die Unterscheidung ist nicht unwichtig. Unter Intelligenz versteht man alle Gebildeten, den Ingenieur ebenso wie den Schriftsteller, den Verwaltungsbeamten wie den Philosophen. Mit den Intellektuellen wird ein engerer Kreis beschrieben: jene wachen, kritischen Geister, die gewohnt sind, sich in öffentliche Angelegenheiten einzumischen und den politischen Diskurs zu bestreiten. In Österreich waren letztere meistens Mangelware.

Intellektuelle sind Kinder der Aufklärung. Von ihr haben sie gelernt, Autoritäten anzuzweifeln, scheinbar unumstößliche Wahrheiten zu hinterfragen, an politische Entscheidungen den Prüfstein der Moral zu legen. Sie sind unbequem, aber für ein demokratisches Gemeinwesen unentbehrlich. Sie sind wie ein Seismograph für Demokratie, denn sie brauchen Demokratie wie die Luft zum Atmen. Wo autoritäre Regime sich zeigen, sind die Intellektuellen (nicht die Intelligenz im allgemeinen) die ersten, die das schmerzlich spüren.

Frankreich, die Heimat Voltaires, war und ist die klassische Heimat der Intellektuellen. In Frankreich genießen diese nach wie vor das höchste Prestige. Was die Philosophen zu aktuellen Fragen denken, drucken nicht nur Fachzeitschriften, sondern auch Tageszeitungen und Magazine. Meisterdenker wie Andre Glucksmann und Bernard Levy sind in ihrer Heimat Stars, deren Namen jeder kennt.

Österreich ist anders. Österreich ist katholisch geprägt und im Lande des Bündnisses zwischen Thron und Altar waren kritische Menschen seit jeher nicht populär. Gescheite Leute gab es wohl, aber sie verstanden ihre Aufgabe eher als Dienst an Staat und Kirche als in der Kritik an diesen Institutionen. Wer mit der Obrigkeit in Konflikt geriet, hatte es schwer und erlitt gemeinhin das, was in der Literatur als "österreichisches Schicksal" bekannt ist. Dieses bestand oft in Emigration oder Scheitern. Die Liste ist lang. Sie reicht von den Jakobinern bis zu den emigrierten jüdischen Intellektuellen, die Österreich nach 1945 um alles in der Welt nicht wieder zurückhaben wollte.

Österreichs Intelligenz lebt in ihrer Mehrheit direkt oder indirekt vom Staat. "Der lange Schatten des Staates" nannte der Salzburger Historiker Ernst Hanisch seine österreichische Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts, in der er sich ausführlich mit der Rolle der Intelligenz beschäftigt. Große Unternehmer, die gute Köpfe brauchen können und Mäzene, die Künstler und Autoren fördern, sind rar. Es gab sie in der "Goldenen Epoche" um die Jahrhundertwende, als das emanzipierte jüdische Bürgertum eine kurze Blüte erlebte. Das Kommen Hitlers hat nicht nur unter den österreichischen Intellektuellen tabula rasa gemacht, sondern auch unter ihrem Publikum und unter denen, die sie unterstützten.

Der lange Schatten des Staates liegt - segensreich oder verhängnisvoll, je nach Standpunkt - nach wie vor über der Intelligenz von heute. Nach wie vor geht ein großer Teil der Universitätsabsolventen in den Staatsdienst. Und die Schriftsteller und Künstler, auch die kritischen unter ihnen, könnten mehrheitlich ohne staatliche Subventionen nicht leben. Das bringt ihnen den verächtlichen Vorwurf ein, "Staatskünstler" zu sein.

Faule Kompromisse

Tatsächlich, Österreich gibt viel Geld für Kultur aus. Die Frage, wieviel es sein und wohin es fließen soll, ist Hauptthema intellektueller Diskussion im Land. Aber Künstler haben auch in vergangenen Zeiten Geldgeber gebraucht, nicht zuletzt den Staat. Sogar unter Diktaturen ist große Kunst im Staatsauftrag entstanden. Bei den Intellektuellen ist das anders: sie brauchen Unabhängigkeit als Bedingung ihrer Arbeit. Abhängigkeit gebiert faule Kompromisse und diese erzeugen Verlogenheit. Und ein verlogener Intellektueller hört auf, ein Intellektueller zu sein.

Die Nachkriegsjahre haben es Leuten, die kritisch waren und unabhängig bleiben wollten, nicht leicht gemacht. Die Zeit des Kalten Krieges verlangte Schwarz-Weiß-Malerei. Friedrich Torberg und Hans Weigel haben das erfahren und praktiziert. Linke hatten von vornherein nichts zu melden, es sei denn, sie begaben sich in Abhängigkeit der Kommunistischen Partei oder ihrer Hilfsorganisationen. Und auch der Rest des weltanschaulichen Marktes war parteipolitisch besetzt. Ohne rote oder schwarze Verankerung war wenig zu machen. Ein Wanderer zwischen zwei Welten, wie etwa der Linkskatholik Friedrich Heer, war die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Die Kreisky-Jahre brachten auch in der Rolle der Intellektuellen einen Modernisierungsschub. Erstmals wurden Intellektuelle von der Politik beachtet und ernstgenommen. Der neue SPÖ-Kanzler verlangte keine Gefolgschaft mit Haut und Haar, sondern begnügte sich damit, daß kritische Geister "ein Stück des Weges mit uns gehen". Viele folgten dem Ruf. Und nach Abgang des Intellektuellen-Kanzlers war für die meisten das Wegstück, das sie mit dessen Partei gegangen waren, bald zu Ende.

Und heute? Glanzvoll ist die intellektuelle Szene noch immer nicht, aber sie kann sich sehen lassen. Das hat damit zu tun, daß die Medienvielfalt reicher geworden ist. Profil, News, Format, Standard und Falter pflegen den Diskurs, drucken kontroversielle Meinungen und geben unkonventionellen Autoren ein Forum. Auch in anderen Printmedien sind Gastkommentare üblich geworden.

Und noch etwas ist neu. Langsam finden sich Menschen aus universitärem Milieu, die aus ihrem Elfenbeinturm heraustreten und bereit sind, sich in der Öffentlichkeit zu artikulieren. Die Philosophen Rudolf Burger und Konrad Paul Liessmann sind Beispiele. Anders als etwa in England, wo jeder Professor allgemeinverständliche Artikel schreiben kann und das tut, war in Österreich die Mauer zwischen Wissenschaft und Journalismus lange undurchdringlich. Allmählich wird sie durchlässiger, zum Nutzen des Niveaus der öffentlichen Auseinandersetzung.

Weltläufiger geworden

In der praktischen Politik sind Intellektuelle nach wie vor dünn gesät. Heinz Fischer, Andreas Khol, Alexander van der Bellen, Volker Kier - viel mehr fallen einem nicht ein. Das muß kein Schaden sein. Der eigentliche Platz des Intellektuellen ist eher der des Beobachters und Kommentators als der des Praktikers. Aber Dialog und kritische Partnerschaft zwischen der Welt der Politik und jener des Geistes sollte es schon geben. Die ist in Österreich noch ziemlich unterbelichtet.

Eine vieler erfreulicher Folgen des EU-Beitritts ist eine gewisse Normalisierung. Österreich ist weltläufiger, europäischer. Niemand muß sich in Dissidentenpose werfen, wenn er eine fundierte Meinung kundtun will. Für ein kleines Land mit einer ungünstigen Tradition für intellektuelle Auseinandersetzung, ist die Bilanz eigentlich gar nicht so schlecht.

Die Autorin ist freie Journalistin.

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