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Wahlkampf zum Wohlfühlen

Politik soll ja nicht beunruhigen, auch nicht durch die Realität. Worüber in dieser Wahlauseinandersetzung nicht oder zu wenig gesprochen wurde.

Diese kurze Unterbrechung der Männerduelle am TV-Konfrontationstisch durch eine Runde der Damen aus den Parlamentsparteien, die hatte schon etwas. Da blitzte etwas von dem auf, was auch möglich wäre. Angesichts dieser ungewohnten Gesprächskultur und dieses bosheitenfreien Diskurses über Unterschiede und Gemeinsamkeiten drängte sich mir unwillkürlich die Frage auf, was uns alles an Unsäglichkeiten der Politik der letzten Jahre unter der Führung der Parteien durch Frauen erspart geblieben wäre.

Und hinter dieser Frage keimt der Verdacht, dass da auch eine Menge klassisch männlicher Eitelkeits- und Machtspiele mit abgewickelt werden musste, und wohl weiterhin werden wird müssen.

Auch wenn es naiv wäre zu meinen, Frauen hätten keine Konflikte miteinander, und es gebe keine Spiele um Macht und Einfluss unter ihnen, nur eben meistens viel subtiler: ein Blick auf die Welt und besonders dorthin, wo die härtesten Existenz- und Überlebenskämpfe zu führen sind, lehrt einen, dass der größere Teil der Probleme von den Frauen zu bewältigen ist und bewältigt wird.

Frauen und Machtspiele

Oder anders gefragt: Wäre die letzte Koalitionsregierung unter der Führung von Frauen auch so zu Ende gegangen, wie sie zu Ende gegangen ist? Allerdings ist zu befürchten, dass die Einschaltquote beim besagten TV-Konfrontationstisch der Parteienvertreterinnen wegen niedrigerem Unterhaltungswert doch deutlich geringer gewesen sein könnte als die bei den Männerduellen. Ich würde mich gerne irren. Aber auch der ORF hat nur eine knappe Stunde gewagt und dahinter gleich bayrische Geschichten zum Schenkelklopfen programmiert. Da ist die reale - sprich männlich dominierte - Politik schon leichter entertainmentartig aufzuziehen. Denn auch bezüglich Politik will die Gesellschaft unterhalten werden. Vor allem aber nicht beunruhigt. Auch nicht durch die Realität. Und die wiederum ersparen die Politikstrategen der Gesellschaft gern. Jedenfalls dem Teil, der im Großen und Ganzen und alles in allem - trotz allem Geraunze und Gejammer - einigermaßen zufrieden sein kann. Und das ist - noch - der weitaus größere Teil. Wo es aber über verschiedene Entwicklungen vielleicht doch Beunruhigung gibt, wird diese gerne mit Placebos versorgt. Beunruhigung über die gestiegenen und steigenden Preise für Lebensmittel und Energie etwa wird mit einer Fülle von Abmilderungsvorschlägen beantwortet. Weithin ungestellt bleibt allerdings die grundsätzlichere Frage, warum es so viele und scheinbar immer mehr zu schwache Einkommen gibt und wohin sich die Einkommensverteilung und die Teilhabe der Menschen am Miterwirtschafteten entwickelt. So lange eine ausreichende Zahl von Menschen noch nicht allzu nahe an der Kippe lebt, dominiert das Interesse am Stillhalten. Auch bei den politischen Bewegungen, die ursprünglich für die Umkehrung derartiger Entwicklungen entstanden und gegründet worden sind, als Sozialdemokraten oder Christlichsoziale etwa.

Aber unter der allseits geschwungenen Keule der "Wettbewerbsfähigkeit" hat das Fitsein und möglichst lange Fitbleiben für die "Hochleistungsgesellschaft" Vorrang. Bis hinein in die Bildungspolitik. Politik, die die (noch) gut, besser und bestens Aufgestellten bedienen will, geht dann eben nicht die eigentlichen Probleme im Hintergrund an, sondern doktert lieber an den Symptomen herum. Auch in den Wahlprogrammen. Den Familien soll da geholfen werden, alles Mögliche miteinander zu vereinbaren: von der Erwerbstätigkeit über die Kinder bis hin zur Pflege der alten Angehörigen.

Ein Planet für sich

Aber das Wirtschaftssystem und die dazugehörige Marktgesellschaft dahinter, die auf Vereinzelung aus sind und für die der Einzelne viel besser verwendbar ist - in möglichst "individuellen" Arbeitsvereinbarungen, mit möglichst großer "Flexibilität" und als einzeln leichter lenkbarer Konsument möglichst von der Wiege an (Man hat jetzt laut Werbung schon im Kinderwagen "einen Termin mit der Bank" und geht auch mit der Bank ins Reisebüro. Am - geliehenen - Geld soll's nicht scheitern. Jedenfalls galt das noch bis vor kurzem) - dieses System wird nicht angerührt. Die Priorität lautet vielmehr: Wie passt die Familie besser zum System?

"Sicherheit" wird groß geschrieben, und in einem sicheren Land soll man leben können. So als wäre dieses Land ein Planet für sich und als könnte man sich aus der Mitverantwortung für die globale Zukunft ausklinken. Als könnte man sich zum Thema "Globalität" auf Exportieren und Urlaub beschränken. Oder wie anders ist das brüllende Schweigen der namhaften Parteien zum Thema der globalen Gerechtigkeit und Entwicklungszusammenarbeit zu erklären, bis auf einen kurzen Absatz im Wahlprogramm einer der Großparteien?

Die Sicherheitsberichte der Innenministerien (!) und der EU -Kommission zeigen schon seit langem den Zusammenhang zwischen Frieden und Sicherheit einerseits und einer fairen Weltwirtschaftsordnung und Entwicklungspartnerschaft andererseits auf. Da ist auf "Kriminalitäts"- und "Asylmissbrauchs"- Bekämpfung konzentrierte Sicherheitspolitik einfach griffiger und applausträchtiger. Übrigens bis in Bevölkerungskreise hinein, in deren akademische Ausbildung dieses Land viel investiert hat.

Ja, die Politik sei eben die "Kunst des Möglichen". Und die Bürger und Bürgerinnen müssten "in ihren Sorgen ernst genommen werden". Und wenn man nicht selbst ein bisschen populistisch sei, seien die anderen mit größerem Erfolg noch viel grauslicher. Und jetzt müsse man eben erst einmal gewählt werden, und wenn der Wahlkampf vorbei ist (wann tatsächlich?), gehe es wieder an die ruhige, vernünftige und wirklich zukunftsorientierte Sachpolitik.

Nur: Mit welcher Abstützung in einer Gesellschaft, die man in illusorischen Sicherheiten wiegt und mit der man den Dialog über unbequeme, aber langfristig wichtige Fragen und Themen scheut? Der Kaffeehäferlhorizont mag Behaglichkeit vermitteln. Er kostet nur vor allem die jetzt junge Generation und erst recht die Generationen danach wertvolle Zeit, sich auch eine lebenswerte Zukunft zu sichern. Und diese junge Generation hat schon begriffen, dass uns ihre Zukunft und ihre zukünftige Welt ziemlich egal sind. Was immer wir den jungen Menschen sonst noch in unseren vieldiskutierten Bildungsoffensiven beibringen wollen.

Der Autor ist Pfarrer von Probstdorf und Universitätsseelsorger.

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