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Genießen als Kunst, das rechte Maß zu halten

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Genießen - eine Haltung, die uns die Werbung dauernd nahelegt und Kunst, die viele zwar ersehnen, aber nicht beherrschen, war kürzlich Thema einer interessanten Tagung.

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Genießen - eine Haltung, die uns die Werbung dauernd nahelegt und Kunst, die viele zwar ersehnen, aber nicht beherrschen, war kürzlich Thema einer interessanten Tagung.

Genuß zwischen Wahn und Sinn" war das Thema der 17. Goldegger Dialoge (vom 10. bis 13. Juni). Das Generalthema wurde durch Referate und Workshops von Ärzten, Physiologen, Psychotherapeuten und Psychiatern in unterschiedlicher Weise diskutiert. Das Ambiente des Goldegger Schlosses als Tagungsort, inmitten einer der schönsten Landschaften Salzburgs, forderte zum Teilnehmen und - zum Genießen auf.

Genuß bedeutet in jedem Kulturkreis etwas anderes, so der Wiesbadener Psychotherapeut Nossrat Peseschkian in seinem Referat "Wer nicht genießt, wird ungenießbar". Peseschkian, ein Iraner, wies darauf hin, daß vor allem Deutsche und Österreicher in ihrem Leben mehr auf Gesundheit und Leistung achten, während fast alle anderen Völker den sozialen Kontakten und der Phantasie den Vorrang einräumen und darin Genuß und Sinn finden.

Rotraut A. Perner, Psychotherapeutin und Vorstand der Abteilung Streß am Europäischen Zentrum für Umweltmedizin, plädierte für sinnvollen Genuß, der in der Ausgewogenheit von Spannung und Entspannung liegt. Zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort die richtige Handlung zu tun, gibt Befriedigung und stärkt das Immunsystem.

Der "gute" Streß, der "Eu-Streß" vermittelt ein Gefühl des Genusses, er sagt uns, daß wir Herausforderungen gut und harmonisch bewältigt haben, und dabei auch einen Schritt in unserer persönlichen Entwicklung getan haben. Im sogenannten "Distress" jagen wir scheinbaren, vorgegaukelten Genüsssen nach, ohne zu überlegen, wohin uns diese führen.

Vom guten und vom schlechten Streß Der Wert des Genießens wurde schon im Katholizismus des Mittelalters hochgehalten. Genuß in bezug auf die Schönheiten der Architektur, der Musik und der Kunst waren Ausdruck eines barocken Genießertums. Auch die Askese als Mittel zur Erleuchtung, hatte und hat in vielen Religionen Tradition. So stellt das Fasten eine Form des Bereuens und der Korrektur dar, und besitzt sicher einen gesundheitsfördernden Einfluß. Für Perner ist "das rechte Maß zu finden", Lebensaufgabe und eine Frage der Bewußtheit. Eine gewisse Askese fördert Bewußtheit, zu viel Askese den Wahn.

Auch für die Sexualität gilt es, ein ganzheitliches Maß zu finden, durch das Genuß erst möglich wird. Nur wenn Körper, Seele und Geist gleichzeitig gelebt werden, findet sich der Mensch in seiner Ganzheit wieder. Falsch ist es, körperliche Lust mit Techniken und Methoden (neuerdings auch mit Chemikalien) steigern zu wollen, um in einen Zustand zu gelangen, der ursprünglich von der Seele her gesteuert sein soll.

Es sei ein Wahn zu glauben, daß allerlei Techniken zum Super-Lusterlebnis führen könnten. Es kommt, im besten Fall, zu einem auto-suggestiven Erlebnis, niemals aber zu einem ganzheitlichen. Perner: "Lust entsteht aus Keuschheit. Sie ist der ,Umweltschutz' der Sexualität. Nur wenn sich zwei Menschen auf der seelischen Ebene begegnen, passiert wirkliche Annäherung und die Wahrheit in einer Beziehung."

Für Elisabeth Kräuter, die in der Erwachsenenbildung arbeitet und sich bei den "Goldegger Dialogen" mit dem Thema "Zeit-Finden" im Hinblick auf Genießen-Können befaßte, ist die richtige Balance nur durch richtiges Planen zu finden.

Zeit ist nicht vermehrbar, während die Ansprüche an sie enorm gewachsen sind. Für Kräuter ist die Arbeit am Zeitverhalten mehr als das Managen von Zeit, es ist eine Arbeit an der Lebensgrundhaltung. Die Balance zwischen Planen und Genießen kann nur dann gelingen, wenn die Suche nach mehr Zeit durch das Erleben von echter Zeitqualität ergänzt wird.

Natürlich wird der Leistungsaspekt in unserer mitteleuropäischen industrialisierten Gesellschaft stark überbewertet. So lautet das Diktat heute: "Carpe diem"- man muß seine Zeit maximal nutzen. Bei diesem Anspruch geht jedoch die Genußfähigkeit verloren.

Kräuter sieht den Umgang mit Zeit auch als einen Umgang mit Entscheidungen. Da wir heute ein Übermaß an Optionen haben, sind die Entscheidungen - "wofür verwende ich meine Zeit" - sicher auch sehr anstrengend. Weglassen ist für viele unserer Mitmenschen heute gleichbedeutend mit "Streß". Aber nur Weglassen bringt Genuß.

Die Kultur des Verzichtens oder Loslassens muß wieder erlernt werden. Kräuter: "In meinen Gesprächen mit Klienten spüre ich die Zeitnot vieler Menschen, ihre Überlastung. So stellt sich dann auch in der Freizeit die Fähigkeit des Genießens nicht mehr ein. Ich versuche den Menschen zu zeigen, wie wichtig Pausen und Rhythmen in der Tagesstruktur sind. Nur wenn ich mir wieder Raum und Zeit gebe, kann ich das, was ich tue auch genießen."

Die meisten Menschen wünschen sich Genuß ohne ständige Gewissensbisse. Gesund ist aber nicht immer das was "Spaß" macht. Auch in der Ernährung gibt es zwischen Askese und Exzeß noch einen beachtlichen Spielraum. Wolfgang Marktl, Facharzt für medizinische Leistungsphysiologie und Assistenzprofessor am Institut für Medizinische Physiologie in Wien, ging dem Thema Genuß aus der Sicht der Ernährungswissenschaftlers nach.

Er ging davon aus, daß die Frage eines positiven oder negativen Einflusses der Ernährung auf die Gesundheit des Menschen schon seit jeher großes Interesse beanspruche. Einzelnen Lebensmsitteln wird entscheidende Wirkung beigemessen, andere wieder werden verteufelt. Die Ansicht, wonach dem Lebensmittel, das von außen zugeführt wird, die entscheidende Rolle für Gesundheit und Krankheit zukommt, mißachtet aber die regulatorische Potenz des lebenden Organismus.

Essen mit Genuß ist personbezogen Die Verwertung der Nährstoffe im Stoffwechsel erfolgt ja nicht ungeregelt, sie unterliegt der Steuerung physiologischer Regulationsvorgänge, wobei die vom Organismus selbst produzierten Hormone und Enzyme eine wichtige Rolle spielen. Marktl: "Es ist wichtig, die Individualität des Menschen zu berücksichtigen. Viele Erkenntnisse über die Auswirkungen der Ernährung auf den Menschen sind kritisierbar. In den Lehrbüchern der Biochemie von vor 50-60 Jahren war beispielsweise zu lesen, daß der Vegetarismus abzulehnen ist. Heute sind wir großzügiger, weil wir wissen, daß der Mensch sich an viele unterschiedliche Ernährungsformen anpassen kann. Es gibt wenige Lebewesen die sich auf ganz unterschiedliche Umweltbedingungen so gut einstellen können wie der Mensch. So bin ich z. B. auch ein Gegner von Pauschalaussagen wie: zu viel Salz macht hohen Blutdruck. Das kann im Einzelfall durchaus zutreffen, ist aber für eine Pauschalempfehlung nicht zutreffend."

Für genußvolles Essen hält Marktl auch für wichtig, wie und mit wem man ißt. So hält er Essen unter Zeitdruck für eine "Todsünde". Eine angenehme Gesellschaft mit guten und interessanten Gesprächen bei Tisch, ist für den Genuß ganz besonders förderlich. Sich bewußt zu ernähren ist Gebot Nummer eins. Da wir heute keinen akuten Mangel im Angebot der Nährstoffe haben, ist eine bewußte Auswahl aus der Vielfalt sehr wichtig. Die "gesunde" Ernährung manifestiert sich heute nicht mehr in der absoluten Ablehnung einer und der bedingungslosen Akzeptanz einer anderen Lebensmittelgruppe. Die vernünftigste Ernährung ist immer noch eine möglichst abwechslungsreiche Wenn der Präsident der Salzburger Ärztekammer, Reiner Brettenthaler, schließlich dem "Genießen" auch einen humanen Stellenwert einräumte, ja den Genuß auch in direkten Zusammenhang mit Lebensqualität stellte, so war damit auch das Genießen bescheidenster Güter, das Maßhalten und das Verhalten in der Gesellschaft, in der Familie und mit Freunden gemeint.

Wenn der Genuß wieder das richtige Maß findet, wird ein Abgleiten in den Wahn unmöglich. Die Sinnhaftigkeit und der wahre Wert des Genusses werden wieder an erster Stelle stehen.

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