David_4D - © iStock/ 3DSculptor (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
Geschichte

Neuerschaffung der Welt in 4-D?

1945 1960 1980 2000 2020

Vor zwei Wochen berichtete Martin Tauss in der FURCHE von „Time Machine“-Visionen. Historische Landschaften digital rekonstruiert und erlebbar gemacht? Skeptische Anmerkungen eines Historikers.

1945 1960 1980 2000 2020

Vor zwei Wochen berichtete Martin Tauss in der FURCHE von „Time Machine“-Visionen. Historische Landschaften digital rekonstruiert und erlebbar gemacht? Skeptische Anmerkungen eines Historikers.

Ein Spaziergang durch die Geschichte, eine Reise durch die Zeit: Wer hätte nicht schon davon geträumt? Dem Fluss der Zeit entsteigen, um an beliebiger Stelle stromauf- oder abwärts wieder in ihn einzutauchen – möglichst ohne sich dabei nass zu machen. Es sind ebenso alte wie mächtige Fantasien, die das Projekt „Time ­Machine Europe“ zu verwirklichen verspricht.

So nennt sich ein Zusammenschluss von Kultureinrichtungen und Programmie­rern, die sich das ambitionierte Ziel gesteckt haben, historische Landschaften digital zu rekonstruieren und erlebbar zu machen – lückenlos, epochenübergreifend, wissenschaftlich fundiert. Glaubt man ihren Ankündigungen, dann steht uns nichts Geringeres als eine kulturelle Revolution ins Haus: die Neuerschaffung der Welt in vier Dimensionen, aus dem Geist von Big Data.

Bislang findet man auf der Website der Organisation allerdings kaum konkrete Anzeichen, die auf einen baldigen Ausbruch dieser Revolution hindeuten. Viele Links zu den Partner-Institutionen führen auf Seiten, die keine relevante Information zum Thema liefern, oder enden gar im virtuellen Nichts. Ein Flaggschiff des Projekts, die „­Venice Time Machine“, steht laut offizieller Stellungnahme derzeit auf Pause, weil die beteiligten Institutionen ihre Kooperation vorübergehend eingestellt haben.

Selektive Überlieferungen

Aber nehmen wir einmal an, die „Time Machine“ wird eines Tages Wirklichkeit: Zu welcher Art „Leben“ würde die Geschichte darin wiedererweckt? Und vor allem, wessen Geschichte? Dass man „die“ Geschichte im Kollektivsingular, die alle Geschichten umfasst, jemals rekonstruieren könnte, ist undenkbar. Trotz kilometerlanger Archive und jahrzehntelanger Forschungen wird uns vieles von dem, was in der Vergangenheit existiert hat oder geschehen ist, auf ewig verborgen bleiben. Es hat keine Spuren hinterlassen. Was wir als Geschichte wahrnehmen, ist nur eine kleine Auswahl des Vergangenen – eine Auswahl, die keineswegs auf Zufall beruht. Es sind die Sieger, deren Monumente am ehesten die Zeiten überdauern, und Archive werden in der Regel von Machthabern oder zumindest Besitzenden angelegt. Die Einseitigkeit der Überlieferung wird sich in der „Time Machine“ notgedrungen widerspiegeln, auch wenn deren Macher ausdrücklich wünschen, „die Perspektiven von vernachlässigten Gruppen miteinzuschließen“. Doch wie soll eine digitale Animation all das menschliche und tierische Leid, das ja einen oft vernachlässigten Teil der Geschichte darstellt, wieder zum „Leben“ erwecken? Wird man mit der „Time Machine“ zukünftig nach Auschwitz „reisen“ und dort die Gaskammern in Betrieb „erleben“ können? Oder ins Hamburg des Sommers 1943, als die „Operation Gomorrha“ der Royal Air Force zigtausende Menschen tötete? Wohl kaum. Aber man muss nicht die heikle Frage nach der Gewalt stellen, es reicht die nach dem Gestank. Soll die „Time Machine“ etwa die Ausdünstungen römischer Kloaken und der Misthaufen auf den Gassen mittelalterlicher Städte wieder „lebendig“ werden lassen? Auch das wäre wohl zuviel verlangt. Die Konsumenten würden es auf Dauer nicht goutieren.

Ein Spaziergang durch die Geschichte, eine Reise durch die Zeit: Wer hätte nicht schon davon geträumt? Dem Fluss der Zeit entsteigen, um an beliebiger Stelle stromauf- oder abwärts wieder in ihn einzutauchen – möglichst ohne sich dabei nass zu machen. Es sind ebenso alte wie mächtige Fantasien, die das Projekt „Time ­Machine Europe“ zu verwirklichen verspricht.

So nennt sich ein Zusammenschluss von Kultureinrichtungen und Programmie­rern, die sich das ambitionierte Ziel gesteckt haben, historische Landschaften digital zu rekonstruieren und erlebbar zu machen – lückenlos, epochenübergreifend, wissenschaftlich fundiert. Glaubt man ihren Ankündigungen, dann steht uns nichts Geringeres als eine kulturelle Revolution ins Haus: die Neuerschaffung der Welt in vier Dimensionen, aus dem Geist von Big Data.

Bislang findet man auf der Website der Organisation allerdings kaum konkrete Anzeichen, die auf einen baldigen Ausbruch dieser Revolution hindeuten. Viele Links zu den Partner-Institutionen führen auf Seiten, die keine relevante Information zum Thema liefern, oder enden gar im virtuellen Nichts. Ein Flaggschiff des Projekts, die „­Venice Time Machine“, steht laut offizieller Stellungnahme derzeit auf Pause, weil die beteiligten Institutionen ihre Kooperation vorübergehend eingestellt haben.

Selektive Überlieferungen

Aber nehmen wir einmal an, die „Time Machine“ wird eines Tages Wirklichkeit: Zu welcher Art „Leben“ würde die Geschichte darin wiedererweckt? Und vor allem, wessen Geschichte? Dass man „die“ Geschichte im Kollektivsingular, die alle Geschichten umfasst, jemals rekonstruieren könnte, ist undenkbar. Trotz kilometerlanger Archive und jahrzehntelanger Forschungen wird uns vieles von dem, was in der Vergangenheit existiert hat oder geschehen ist, auf ewig verborgen bleiben. Es hat keine Spuren hinterlassen. Was wir als Geschichte wahrnehmen, ist nur eine kleine Auswahl des Vergangenen – eine Auswahl, die keineswegs auf Zufall beruht. Es sind die Sieger, deren Monumente am ehesten die Zeiten überdauern, und Archive werden in der Regel von Machthabern oder zumindest Besitzenden angelegt. Die Einseitigkeit der Überlieferung wird sich in der „Time Machine“ notgedrungen widerspiegeln, auch wenn deren Macher ausdrücklich wünschen, „die Perspektiven von vernachlässigten Gruppen miteinzuschließen“. Doch wie soll eine digitale Animation all das menschliche und tierische Leid, das ja einen oft vernachlässigten Teil der Geschichte darstellt, wieder zum „Leben“ erwecken? Wird man mit der „Time Machine“ zukünftig nach Auschwitz „reisen“ und dort die Gaskammern in Betrieb „erleben“ können? Oder ins Hamburg des Sommers 1943, als die „Operation Gomorrha“ der Royal Air Force zigtausende Menschen tötete? Wohl kaum. Aber man muss nicht die heikle Frage nach der Gewalt stellen, es reicht die nach dem Gestank. Soll die „Time Machine“ etwa die Ausdünstungen römischer Kloaken und der Misthaufen auf den Gassen mittelalterlicher Städte wieder „lebendig“ werden lassen? Auch das wäre wohl zuviel verlangt. Die Konsumenten würden es auf Dauer nicht goutieren.

Es reicht nicht, Daten zu sammeln, diese müssen auch analysiert und kritisch beurteilt werden. Dass dies Maschinen oder Algorithmen leisten würden, ist nicht bekannt.

Eine Geschichtsinszenierung

Zwar werben die Organisatoren für ihr Projekt mit der Aussicht, dass jede Bürgerin und jeder Bürger daran partizipieren kann, aber wie das funktionieren soll, verraten sie nicht. Geschichtsforschung nimmt viel Zeit in Anspruch und erfordert methodisches Wissen. Es reicht nicht, Daten zu sammeln, diese müssen auch analysiert und kritisch beurteilt werden. Dass dies Maschinen oder Algorithmen leisten würden, ist nicht bekannt. Noch weiter ist der Schritt von der Erfassung historischer Daten hin zur Rekonstruktion des Vergangenen. Da die Überlieferung zumeist lückenhaft und oftmals vieldeutig ist, verlangt sie nach Interpretation, Hypothesen und vor allem nach einem Diskurs, um valide Ergebnisse zu liefern. Zu guter Letzt die Darstellung: Die Ergebnisse historischer Forschung in ein drei- oder gar vierdimensionales Bild zu übersetzen und dies idealerweise so, dass ihr hypothetischer und diskursiver Charakter erkennbar bleibt, setzt ein hohes Maß an fachlicher und technischer Expertise voraus, wie es Laien für gewöhnlich nicht besitzen.

So steht zu befürchten, dass eine Geschichtsinszenierung wie die „Time Machine“ die Kluft zwischen Experten auf der einen Seite und Konsumenten auf der anderen vergrößern wird. Besucher dieser virtuellen Welt werden die Illusion haben, sich durch die Vergangenheit zu bewegen, aber ihren Realitätsgehalt werden nur die wenigsten beurteilen können. Das ist schon bei einem historischen Roman mitunter schwierig. Um wie viel schwieriger muss es sein, sich der Suggestivkraft einer 3-D-Brille zu entziehen, die einem vorgaukelt, in das Geschehen einzutauchen. Wer aber wird das Geschehen kontrollieren und vor Manipulation schützen?

Der Hype um Parallelwelten

Womöglich sehen die beteiligten Institutionen in der „Time Machine“ eine Chance, die unproduktiv in ihren Archiven vor sich hinschlummernden kulturellen Schätze endlich in klingende Münze zu verwandeln. Schließlich unterliegen auch Kultur­einrichtungen den Zwängen des Marktes. Über die Umweltfreundlichkeit einer solchen Strategie sollte man sich freilich keine Illusionen machen. Die einst gehypte, inzwischen weitgehend vergessene Paral­lelwelt „Second Life“ hat zu ihren Hochzeiten, wie ein Blogger ausrechnete, mehr Strom pro Nutzer verbraucht als der durchschnittliche Einwohner eines Schwellenlandes. Wie viele Energie zehrende Zweitwelten wollen wir Menschen uns eigentlich leisten, wenn wir schon mit den Ressourcen der einen, in der wir leben, nicht nachhaltig umgehen können?

Viel dringlicher als den Menschen digitale Simulationen von Geschichte vorzusetzen, wäre es, ihnen historische Bildung zu vermitteln: sie zu ermächtigen, sich kritisch mit Geschichte auseinanderzusetzen und diese mittels ihrer eigenen Vorstellungskraft zu rekonstruieren. Derart gebildete Menschen liefen nicht Gefahr, sich in Spiegelwelten zu verlieren, sondern hätten einen wachen Blick für gegenwärtige Situationen. Denn letzten Endes ist Geschichte nie etwas anderes als eine Möglichkeit, die Gegenwart zu denken.