Unterwegs mit Sherlock Pfusch!

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Zum Dossier. Schwarzarbeit gilt hie zulande nach wie vor als Kavaliersdelikt. Die Häufigkeit von Pfusch läßt vermuten, daß ein Großteil der Leserinnen, Leser und natürlich auch der Schreiber dieses Dossiers schon auf irgendeine Weise damit in Kontakt gekommen sind. Was schreiben zu einem Thema, das fast alle aus eigenem Erleben kennen? Als Einstieg bietet der Besuch beim Detektiv eine andere Perspektive. Weiter geht's mit Fakten zur Schattenwirtschaft, Blicken ins Ausland und einem Gespräch mit Ministerin Hostasch, die ja mit ihrem Anti-Pfusch-Gesetz gescheitert ist.

Mein lieber Junge", sagte Sherlock Holmes, "als wir in seiner Wohnung in der Baker Street am Kamin saßen, "das Leben ist ja so viel merkwürdiger und bunter als alles, was der menschliche Geist sich auzudenken vermag! Wir würden gar nicht wagen, Dinge zu erfinden - die in Wirklichkeit jeden Tag geschehen können."

So beginnt der englische Schriftsteller Arthur Conan Doyle eine Erzählung über den Meisterdetektiv Sherlock Holmes und seinen Partner und Freund Doktor Watson. Das Zitat könnte aber durchaus auch von Detektiv Peter Lang stammen, und deswegen läßt sich mit diesem Einstieg auch wunderbar eine Geschichte über den Pfuscherjäger, seine Arbeit und seine oftmals skurrilen Fälle anfangen.

Der Eingang zum Büro des Pfuschererhebungsdienstes, wie die offizielle Bezeichnung lautet, war nicht leicht zu finden. Die angegebene Hausnummer gab es in dieser Straße in Brunn am Gebirge gar nicht. Doch das muß wohl so sein - bei einer richtigen Detektei. Der Stiegenaufgang ist alles andere als einladend. Hier arbeitet ein Meisterdetektiv? Kurt Stangl, der Mitarbeiter von Lang, öffnet die Tür. Im Vorzimmer hängen Urkunden, die das Detektiv-Sein der hier Arbeitenden bestätigen. "Gut, daß Sie ins Büro kommen, bei diesem Wetter finden s' keinen Pfuscher auf der Baustell", beginnt Stangl, und die Hausschuhe an den Füßen unterstreichen das Gesagte. Enttäuschung! Bis zum Schluß war doch noch die Hoffnung, beim Fahnden und Observieren teilzunehmen. Aber schließlich hat ja auch Sherlock Holmes die meisten seiner Fälle am warmen Kamin in der Baker Street gelöst.

Der Chef kommt. Auch er in Hausschuhen. Damit ist die letzte Chance auf eine Ausfahrt dahin. An der Tür hängt eine übergroße Fotokopie, die den Detektiv umringt von Journalisten und Kameraleuten auf einer Baustelle zeigt. "Das war ein Highlight!" kommentiert Lang beim Vorbeigehen die etwas andere Türtapete. Seit 14 Jahren arbeitet er als Detektiv; seit 1991 ist er als Pfuschererhebungsdienst im Auftrag der Landesinnung der niederösterreichischen Baugewerbe tätig. Acht Personen beschäftigt die Detektei in der Hochsaison im Sommer, im Jahr werden tausend Baustellen kontrolliert. Von Bauarbeitern über Tischler bis hin zum Tortenbäcker für Hochzeiten reicht die Palette der verfolgungswürdigen Schwarzarbeiter und -arbeiterinnen.

Wie ermittelt der Pfuscherdetektiv? Legt er sich auf die Lauer? Gibt es Verfolgungsjagden? Was passiert wenn Pfuscherjäger und Pfuscher aufeinandertreffen? Das Handy läutet. Ein Mitarbeiter meldet sich von einer verdächtigen Baustelle. Also doch auch bei Regenwetter unterwegs! "Du kannst nicht sehen, was sie unter der Abdeckplane machen?" fragt Lang in das Telefon hinein. Die Antwort muß negativ gelautet haben, den der Chef schickt den Anrufer an eine andere Adresse weiter. Observiert wird oft tage-, ja wochenlang. "Wie schlagen wir am effektivsten zu?" nennt Lang die wichtigste Frage, die sich bei den Ermittlungen immer wieder stellt. Der Einsatz muß mit der Gendarmerie koordiniert werden. Es ist nicht einfach, zwölf Beamte zu bekommen, um eine Großbaustelle umstellen zu können.

Oft genügt allein schon die Frage nach dem Firmennamen, daß ein Arbeiter vom Gerüst klettert, den Pinsel niederlegt, ins Auto steigt und wegfährt. Wortlos! Anhalten dürfen die Detektive keinen mutmaßlichen Pfuscher, nachlaufen schon. "Einer ist davongelaufen und ich hinterher", schildert der Pfuscherjäger eine Begebenheit: "Er ist gelaufen, gelaufen, und ich hab' mich nicht abhängen lassen. Und wir waren schon beim Dorf draußen, bis er aufgegeben hat und mit mir zurückgegangen ist. Zugegeben, beide ziemlich müde!"

So willig sind die Überführten aber selten. Eine Patrouillenfahrt reicht aus, daß Baustellen innerhalb kürzester Zeit Arbeiterleer sind. Obwohl gerade noch fest gewerkelt wurde. Standen vor wenigen Minuten noch drei Maurer am Gerüst, jetzt sind es nur mehr zwei. "Es waren immer nur wir zwei", heißt es dann. Die dritte Kelle liegt weggeworfen am Boden - der Griff noch warm.

Schwarzarbeit: ein Kavaliersdelikt? "Das war einmal", meint Lang: "Vor zehn, fünfzehn Jahren war der Pfusch noch lieblich. Heute muß man von Wirtschaftsverbrechern und mafiosen Strukturen sprechen." Die Pfuscherdetektive finden ausländische Arbeiter, die für 18, für 23 Schilling in der Stunde angestellt sind. Bei den Erhebungen sind meistens fremdenpolizeiliche Sofortmaßnahmen nötig. Viele sind illegal im Land. Ohne Dolmetsch ist man hilflos.

Wer sind die Auftraggeber? Am Anfang der Ermittlungen ist meist niemand greifbar. Die Bauherren reagieren überrascht: "Was, auf meiner Baustelle ist gearbeitet worden? Ich habe niemanden hingeschickt." Als wären die Arbeiter selbständig hingefahren, als hätten sie ohne Auftrag ein Hausfundament gelegt. Peter Lang rauft sich die Haare, während er erzählt. Immer wieder springt er auf, holt Dokumente, die das Gesagte belegen. Sein Mitarbeiter Stangl sitzt am Computer, nickt ab und zu bestätigend, sucht Fotos, die einen Einsatz zeigen. Der Kamin fehlt zwar, aber sonst ist es so wie an einem Regentag in der Londoner Baker Street.

Bei der Suche nach den Hintermännern, den angeblichen Firmenbesitzern, ist keine Überraschung ausgeschlossen. Der gewerberechtliche Geschäftsführer, ein Bauingenieur, der seinen Namen für die Zulassung der Firma hergegeben hat, kennt den Menschen mit dem er zusammenarbeitet gar nicht. Er weiß nur, wie er heißt: "Tschiko"!? Vom Gesetz ist eine Person mit besonderer Verläßlichkeit verlangt. 20 Stunden in der Woche wäre der Ingenieur verpflichtet, im Büro der Firma zu sein. Das ist kein Einzelfall, es gibt auch Geschäftsführer, auf deren Visitenkarte nur der Name "Tom Turbo" aufscheint.

Wo sind die Behörden?

"Man denkt sich, wo sind da die Behörden", stöhnt Detektiv Lang. Da gibt es vorschriftsmäßig angemeldete Baufirmen und bei der Untersuchung stellt sich heraus, daß diese angebliche Firma nicht einmal über einen Telefonanschluß verfügt. "Wo steht in der Gewerbeordnung, daß eine Firma einen Telefonanschluß braucht", antwortete der zuständige Beamte auf die Frage, warum bei einer solchen Anmeldung niemand mißtrauisch geworden sei.

Eine weitere Kuriosität: Es bestehen mehr Firmen mit Gewerbezulassungen als mit Gewerbeberechtigungen. "Es gibt also Firmen, die nie gewerblich tätig werden dürften." Warum geschieht nichts dagegen? "Weil es einen Rattenschwanz an Zuständigkeiten gibt." Lang rauft sich wieder die Haare. Doch kein Sherlock Holmes! Dieser war mehr der phlegmatische, emotionslose Typ.

Neulich bekommt Peter Lang einen Anruf: "Wir sind doch miteinander in die Schule gegangen, bis jetzt habe ich wegen dir 160.000 Schilling Strafe zahlen müssen. Wann hört das auf?" Lang schmunzelt: "Aufhören tut das, wenn der Schulkollege zum Pfuschen aufhört!" Einer hat aufgehört. 502.000 Schilling Strafe mußte der mittlerweile Geläuterte zahlen, bis er sich besserte. "Auf meiner Baustelle findet der Lang keinen Illegalen mehr!" Ein viel zu seltener Lichtblick, kommentiert der Detektiv.

"In diesem Fall glaube ich sagen zu können, daß keine weiteren Schritte unternommen werden. Wenn sie noch einmal erwischt werden, dann kommt alles heraus. Mister Holmes, wir stehen tief in Ihrer Schuld. Ich wünschte nur, ich wüßte, wie sie das machen." So schließt eine Erzählung über den Meisterdetektiv Sherlock Holmes und seinen Partner Doktor Watson. Das Zitat könnte aber durchaus von einem Klienten des Pfuscherdetektivs stammen, und deswegen läßt sich mit diesem Ausstieg auch wunderbar eine Geschichte über Peter Lang, seinen Mitarbeiter Kurt Stangl, deren Arbeit und oftmals skurrilen Fälle beenden.

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