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Gesellschaft

Der entleerte Nationalfeiertag

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Was Österreich anlässlich des Nationalfeiertages jeweils feiert, kommt Schritt für Schritt, Stück für Stück abhanden: die Neutralität und das auf allgemeiner Wehrpflicht aufbauende Bundesheer. Ein ähnlich stark identitätsstiftender Ersatz ist nicht in Sicht. Wohl auch, weil sich niemand darum schert.

Worauf sind wir denn stolz, wir Österreicher? Jüngsten Umfragen zufolge, die von den bisherigen kaum abweichen, auf die Landschaft, die Küche und die Lebensqualität. Zum Fundus an Nationalstolz gehören das Brauchtum, die Kultur und die Sehenswürdigkeiten. Das zeugt von Selbstgenügsamkeit und Selbstbezogenheit. Daraus wäre dem Österreicher noch kein Vorwurf zu machen, würde das, was wir am Nationalfeiertag feiern, nicht so weit hinten gereiht werden: nach der Hilfsbereitschaft, die wir uns zugute halten, kommt die Neutralität, auf die wir - alle, nicht jeder - stolz sind.

Ein neuer Nationalfeiertag?

Mit dem 26. Oktober ist der Tag der Beschlussfassung des Neutralitätsgesetzes im Jahr 1955 unser nationaler Feiertag - den wir im Grunde nicht mehr feiern. Der Neutralität ist die Geschäftsgrundlage abhanden gekommen: Der Ost-West-Konflikt als konstituierende geopolitische Rahmenbedingung ist entfallen. Und die Phobien vor einer USA-geführten NATO haben sich gelegt: Österreichische Soldaten dienen etwa im Kosovo unter deren Kommando.

Es ist aber nicht nur der Kern der Neutralität, den die Geschichtsläufe ausgehöhlt haben, sondern es ist auch die Erscheinungsform des Nationalfeiertages, die nur mehr Tünche ist. Das Bundesheer wird ausgedünnt, die allgemeine Wehrpflicht steht zur Disposition. Was also feiern wir mit dem 26. Oktober? Ein Neutralitätsgesetz, das überholt ist. Ein Bundesheer, zu dem sich nicht mehr alle Kräfte bekennen. Und ein kleines Element unseres Stolzes, das erst lange nach Fitness und dem Essen kommt. Ersatz tut Not, doch es gibt keinen, der ihn suchte und fände.

Berufen dazu wären die politischen Parteien. Doch diese sind derart mit sich beschäftigt, dass es ihnen offensichtlich an Mitteln fehlt, sich mit dem Großen und Ganzen des Staates, also der Republik, die wir feiern, zu befassen.

Die Ursachen dafür liegen tief in der anhaltend wirkungsmächtigen Geschichte unseres Landes. Die beiden ehemaligen Großparteien und politischen Lager, die Sozialdemokraten und die Volkspartei, stehen einander in anhaltend tiefem Mißtrauen und mit hartnäckiger wechselseitiger Abneigung gegenüber. Sie sind über die Geschichte uneins.

Ein österreichisches Haus der Geschichte will und will nicht gelingen. Zuletzt fand der Bundeskanzler eine Erklärung, warum dieses seit über zehn Jahren debattierte Projekt nicht zustande kommt: Gegenwärtig fehle dafür das Geld, und auch für 2012 sei anzunehmen, dass keine Budgetierung erfolgen könne, teilte Werner Faymann mit. Das Projekt stand schon in den Regierungsprogrammen 2000, 2003 und 2007.

Das gemeinsame Narrativum fehlt

Auch an anderer historischer Stelle entzweit man sich beharrlich, nämlich über die Regierungsjahre von Engelbert Dollfuß. Nur mühsam kam eine Einigung über die längst fällige und gebotene Rehabilitierung der Justizopfer des Ständestaates der Dreißigerjahre zustande. Gescheitert wäre sie an der klassischen Konfrontation: Teile der Sozialdemokraten und der Grünen wollten das "Unrecht des Austrofaschismus“ im Gesetzestext stehen haben, was die Volkspartei - nicht zuletzt unter Hinweis auf die Ermordung Dollfuß’ durch einen Nationalsozialisten - völlig zu Recht ablehnte.

Was also fehlt, ist ein gemeinsames Narrativum, eine gemeinsame Erzählung der Geschichte unserer Republik, auf die sich die politischen Kräfte einigen. Genau darum hätten sie sich zu bemühen. Gelänge diese Übung, wäre klarer, was wir mit der Nation Österreich im 21. Jahrhundert denn feiern außer Landschaft und Essen.

Was Österreich anlässlich des Nationalfeiertages jeweils feiert, kommt Schritt für Schritt, Stück für Stück abhanden: die Neutralität und das auf allgemeiner Wehrpflicht aufbauende Bundesheer. Ein ähnlich stark identitätsstiftender Ersatz ist nicht in Sicht. Wohl auch, weil sich niemand darum schert.

Worauf sind wir denn stolz, wir Österreicher? Jüngsten Umfragen zufolge, die von den bisherigen kaum abweichen, auf die Landschaft, die Küche und die Lebensqualität. Zum Fundus an Nationalstolz gehören das Brauchtum, die Kultur und die Sehenswürdigkeiten. Das zeugt von Selbstgenügsamkeit und Selbstbezogenheit. Daraus wäre dem Österreicher noch kein Vorwurf zu machen, würde das, was wir am Nationalfeiertag feiern, nicht so weit hinten gereiht werden: nach der Hilfsbereitschaft, die wir uns zugute halten, kommt die Neutralität, auf die wir - alle, nicht jeder - stolz sind.

Ein neuer Nationalfeiertag?

Mit dem 26. Oktober ist der Tag der Beschlussfassung des Neutralitätsgesetzes im Jahr 1955 unser nationaler Feiertag - den wir im Grunde nicht mehr feiern. Der Neutralität ist die Geschäftsgrundlage abhanden gekommen: Der Ost-West-Konflikt als konstituierende geopolitische Rahmenbedingung ist entfallen. Und die Phobien vor einer USA-geführten NATO haben sich gelegt: Österreichische Soldaten dienen etwa im Kosovo unter deren Kommando.

Es ist aber nicht nur der Kern der Neutralität, den die Geschichtsläufe ausgehöhlt haben, sondern es ist auch die Erscheinungsform des Nationalfeiertages, die nur mehr Tünche ist. Das Bundesheer wird ausgedünnt, die allgemeine Wehrpflicht steht zur Disposition. Was also feiern wir mit dem 26. Oktober? Ein Neutralitätsgesetz, das überholt ist. Ein Bundesheer, zu dem sich nicht mehr alle Kräfte bekennen. Und ein kleines Element unseres Stolzes, das erst lange nach Fitness und dem Essen kommt. Ersatz tut Not, doch es gibt keinen, der ihn suchte und fände.

Berufen dazu wären die politischen Parteien. Doch diese sind derart mit sich beschäftigt, dass es ihnen offensichtlich an Mitteln fehlt, sich mit dem Großen und Ganzen des Staates, also der Republik, die wir feiern, zu befassen.

Die Ursachen dafür liegen tief in der anhaltend wirkungsmächtigen Geschichte unseres Landes. Die beiden ehemaligen Großparteien und politischen Lager, die Sozialdemokraten und die Volkspartei, stehen einander in anhaltend tiefem Mißtrauen und mit hartnäckiger wechselseitiger Abneigung gegenüber. Sie sind über die Geschichte uneins.

Ein österreichisches Haus der Geschichte will und will nicht gelingen. Zuletzt fand der Bundeskanzler eine Erklärung, warum dieses seit über zehn Jahren debattierte Projekt nicht zustande kommt: Gegenwärtig fehle dafür das Geld, und auch für 2012 sei anzunehmen, dass keine Budgetierung erfolgen könne, teilte Werner Faymann mit. Das Projekt stand schon in den Regierungsprogrammen 2000, 2003 und 2007.

Das gemeinsame Narrativum fehlt

Auch an anderer historischer Stelle entzweit man sich beharrlich, nämlich über die Regierungsjahre von Engelbert Dollfuß. Nur mühsam kam eine Einigung über die längst fällige und gebotene Rehabilitierung der Justizopfer des Ständestaates der Dreißigerjahre zustande. Gescheitert wäre sie an der klassischen Konfrontation: Teile der Sozialdemokraten und der Grünen wollten das "Unrecht des Austrofaschismus“ im Gesetzestext stehen haben, was die Volkspartei - nicht zuletzt unter Hinweis auf die Ermordung Dollfuß’ durch einen Nationalsozialisten - völlig zu Recht ablehnte.

Was also fehlt, ist ein gemeinsames Narrativum, eine gemeinsame Erzählung der Geschichte unserer Republik, auf die sich die politischen Kräfte einigen. Genau darum hätten sie sich zu bemühen. Gelänge diese Übung, wäre klarer, was wir mit der Nation Österreich im 21. Jahrhundert denn feiern außer Landschaft und Essen.