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Ein wirklicher Gutgustl

In vielen Rollen ein Bösewicht vom Dienst, ist er abseits von Bühne und Bildschirm alles andere denn ein Ungustl: August Schmölzer über Herzensbildung und Bedürftigkeit der Starken.

Der Schauspieler August Schmölzer leitet seit 2005 mit der nach ihm und seinem Geburtsjahr benannten Initiative "Gustl58“ Sozialarbeit der besonderen Art: Er hilft Menschen in Not, bringt Jugendliche wieder auf Schiene und kämpft gegen Egoismus und Vereinsamung.

Die Furche: Ist "Gustl58“ ausschließlich August Schmölzer?

August Schmölzer: Natürlich nicht - es gibt noch zwei gleichberechtigte Partner, den Hauptschullehrer Walter Krainz und die St. Stefaner Bilanzbuchhalterin Elisabeth Herunter mit einem Büro vor Ort, und als solche direkte Ansprechpartnerin für Sozialfälle. Ein typischer Fall : Junge Familie, der Mann, 50 Jahre alt, stirbt. Zwei kleine Kinder, Haus mit Kredit gebaut. Da passiert in Österreich vor allem einmal eines: Das Konto wird gesperrt! Jetzt hat die Frau neben der Tragik auch noch kein Geld . Sie muss aber ihren Mann begraben! Sobald wir davon erfahren ruft Elisabeth Herunter sofort dort an und fragt: Was brauchen Sie? Dann nutzen wir Kontakte zu Bestattungsfirmen, bitten um Nachlass, oder übernehmen einen Teil der Kosten. Da kommt dann aber auch das Finanzamt und fragt uns: War diese Familie überhaupt bedürftig? Da müssen wir dann erklären, was Sache ist.Und das ist für die Betroffenen ziemlich entwürdigend, aber auch für uns …

Die Furche: Sie schließen die Lücke zwischen der Bürokratie und Menschen in Not ?

Schmölzer: Genau!

Die Furche: Das verstehen sie auch unter Herzensbildung?

Schmölzer: Ja, es ist ein Teil der Herzensbildung. Die sozialen Probleme sind ja so vielfältig! Da ist eine Familie mit zwei arbeitslosen Elternteilen, die sich rein gar nichts leisten können, aber der Sohn ist in einem Alter, in dem er ein Fahrrad braucht. Dann beschaffe ich von einem Freund, der ein Fahrradgeschäft hat, gratis ein gebrauchtes Rad. Oder wir organisieren Kleidung, oder Kinderzimmer für arme Familien, denen das Jugendamt womöglich die Kinder wegnimmt, weil sie nicht in geeigneten Verhältnissen leben, obwohl’s ihnen ja bei den Eltern gut geht. Oder: Jetzt vor Weihnachten verschicken wir Gutscheine für Supermärkte an Bedürftige. Bargeld geben wir sehr selten, denn das verführt dazu, es für was anderes auszugeben …

Die Furche: Wie sind Sie auf die Idee zu alldem gekommen? Waren Sie immer schon so ?

Schmölzer: Nein, das hat sich erst spät ergeben. Ich war die ersten sechs Jahre meiner Kindheit sehr viel krank, hab dann eine Kochlehre gemacht, Oberkrainermusik gespielt, den Weg eines Weststeirers genommen. Irgendwann - wieso weiß ich bis heute nicht - habe ich eine Kurve gezogen, und dann kam die Schauspielerei. Und schließlich sagte ich mir, dass ich doch sehr viel Glück gehabt habe. So ist das Bedürfnis entstanden, etwas davon zurückzugeben.

Die Furche: Sind Sie Altruist?

Schmölzer: Das ist die richtige Frage! Die Antwort ist: Nein! Ich kann im Straßenverkehr fuchsteufelswild werden, wenn einer nicht Auto fahren kann, mir gehen manche Leute auf die Nerven, ich finde Menschen genauso merkwürdig, wie die oft mich finden. Eigentlich bin ich ein aufgeklärter Egoist. Ich sage mir, dass ich durch meinen Beruf, eine gewisse Öffentlichkeit, Menschen etwas geben kann, vor allem jungen Menschen. Es ist eine Versicherung, nichts anderes. Und deshalb nicht anrüchig wie mancher Altruismus. Ich geb’ jetzt etwas, das ich geben kann, in der Hoffnung, dass die Jungen davon profitieren, und vielleicht irgendwann einmal, wenn ich alt bin, sagen : Den lassen wir in Ruh, dem lassen wir sein friedliches Ableben, denn der war in Ordnung.

Die Furche: Sie geben - abgesehen von materieller Hilfe vielen Jugendlichen Zuwendung. Wo ist da für einen selbst die Grenze? Muss man sich nicht ab einer gewissen Anzahl von "Fällen“ distanzieren?

Schmölzer: Komischerweise hält sich das immer in einem Rahmen, in dem’s noch persönlich zu bewältigen ist. Wir haben viele Freunde, Psychiater, Ärzte die wir um Hilfe bitten können. Oder andere, die wir um die Vermittlung von Lehrstellen fragen.

Die Furche: Warum haben Sie mit "Gustl58“ in Ihrer Heimatgemeinde St. Stefan ob Stainz begonnen? Ist dort die Bedürftigkeit besonders groß?

Schmölzer: Nein! Einfach, weil ich mich dort am besten auskenne. Karlheinz Böhm hat einmal zu mir gesagt: Wo Du Dich auskennst, da bist Du am stärksten, und wenn’s gut ist, wird’s ausstrahlen.

Die Furche: Aber gerade er hat ja mit "Menschen für Menschen“ dort nicht angefangen, sondern weit weg, in Äthiopien …

Schmölzer: Jeder hat seinen eigenen Weg. Ich glaube, es ist für mich wichtiger, hier am Ort etwas zu leisten, die Menschen zu einer gewissen Sensibilität zu bringen. So werden sie auch sensibler für Probleme in Afrika oder anderswo. Die Tränen aller Menschen, gleich welchen Glaubens oder Hautfarbe, fließen alle in denselben Ozean zurück. Die verschiedenen Glaubensrichtungen, ob sie Christentum, Buddhismus oder anders heißen, haben wir alle nur aus einem Grund, weil wir unser Seelenheil suchen, weil wir friedlich und gut aufgehoben sein wollen.

Die Furche: Sie organisieren die "Fahrt des guten Willens“, bei denen Behinderte auf Traktoren mitfahren, und die für die Traktorfahrer eine charakterliche Bereicherung ist, oder ein Kasperltheater, bei dem neben den Kindern die Eltern miteinander in Kontakt kommen . Sind die, die sich stark fühlen, mitunter die eigentlichen Bedürftigen?

Schmölzer: Ja, ich sehe das auch an mir selbst! Immer dort, wo ich glaube, am stärksten zu sein, wird’s gefährlich, weil ich dann Fehler mache, weil Überheblichkeit und Arroganz dazukommen. Gerade wenn ich in meinem Beruf als Schauspieler selbstsicher glaube, "na heut, ist das a g’mahte Wies’n“, können Dinge passieren, mit denen man überhaupt nicht gerechnet hat. Das heißt: Wach bleiben und schauen! Nicht selbstverständlich leben, sondern wieder sinnlich leben lernen! Er-messen können! Er-messen ist für mich so wichtig wie um-gehen : Wenn ich Schmerz empfinde muss ich mit ihm um-gehen und ihn ausleiden, bis ich davon profitiere. Denn Verdrängtes und schlechtes Gewissen sind die treuesten Besucher. Vielleicht kann man dann er-messen, was ein anderer empfindet, der leidet.

Die Furche: Eine Erkenntnis aus Ihren vielen Rollen, in denen Sie Bösewichte geben?

Schmölzer: Auch. Jede Beschäftigung mit einer Rolle trägt dazu bei, sich zu fragen: Was ist mit unserer Gesellschaft los?

Die Furche: Wie findet ein fleißiger Schauspieler Zeit für dieses aufwändige soziale Engagement? Wie geht’s damit in Österreich?

Schmölzer: Es ist nicht so viel Arbeit, Menschen zu helfen, denn man kriegt ja viel zurück. Was das Land angeht: Ich bin Steuerzahler, an einer funktionierenden Gesellschaft interessiert, aber etwa die Korruption oder den Hunger mancher Menschen in unserem Land will ich nicht! Ohne mich wichtig zu nehmen: Ich muss hier bleiben und den Mund aufmachen!

Die Furche: Was ist der Sinn des Lebens?

Schmölzer: Wenn ich das wüsste, müssten Sie Jesus zu mir sagen! (lacht)

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