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Mythen als Schlüssel zur Seele

Studierende aus sieben EU-Ländern bieten mit Kurzfilmen über Legenden und Mythen einen Einblick in die kulturelle Identität ihrer Heimat.

Können Mythen ein Schlüssel zur Mentalität eines Volkes sein? Diese Frage war der Ausgangspunkt für ein von GLOBArt initiiertes Filmprojekt, dessen Ergebnisse beim "Kompass"-Symposium präsentiert wurden. Studierende aus europäischen Ländern wurden eingeladen, Kurzfilme über einen Mythos oder eine Legende ihres Landes zu gestalten. Ziel dieser Filme ist es, so die ORF-Kulturjournalistin und künstlerische Leiterin des Projekts, Koschka Hetzer-Molden, "eine andere, verborgene Seite von Europas Identität zum Vorschein zu bringen" (siehe auch Interview unten).

Der deutsche Beitrag thematisiert die Nibelungen und vergleicht den mythologischen Helden Siegfried mit Helden aus der heutigen Zeit.

Von einem jahrhundertealten Brauch erzählt der bulgarische Kurzfilm: Jeweils am 1. März schenken dort Menschen rot-weiße Stoffbändchen, in die Liebe, Freundschaft und gute Wünsche hineingeknotet sind.

"An den Rändern Europas geht es immer sehr viel um Sehnsucht", sagt Hetzer-Molden in der Einleitung zu den Filmvorführungen beim Symposium in St. Pölten. Das wird besonders beim Film Saudade aus Portugal deutlich: Darin beschrieben wird der im 16. Jahrhundert in Portugal entstandene Mythos vom König Sebastian I.: Nachdem dieser bei der Schlacht von Alcazarquivir in Marokko fällt, seine Leiche aber nie gefunden wird, entwickelt sich die Legende, dass Sebastian noch lebe und sein Land erretten werde. Seither warten die Portugiesen voller Sehnsucht ("Saudade") auf seine Wiederkehr.

Tragik, Tod, Glück und Liebe

Auch die beiden rumänischen Filme behandeln schwere, tragische Stoffe: In Miorita geht es um ein Lämmchen, das seinen Hirten vor dem Tod retten will. Doch dieser ergibt sich seinem Schicksal und stirbt - ein Fatalismus, der den Rumänen generell im Blut liegt? Der Kurzfilm legt diesen Schluss nahe und hinterlässt beim Betrachter einen starken Eindruck vom Gemütszustand der rumänischen Seele; genauso wie die szenische Aufbereitung der Entstehungslegende des rumänischen Klosters Arge: Der Beitrag Baumeister Manole erzählt in symbolischen Bildern von der Tragik dieses Mannes, dem sein Klosterbau so lange nicht gelingen will, bis er einem teuflischem Pakt folgend seine Frau einmauert.

Von einer geglückten Befreiungsaktion wiederum handelt der polnische Trickfilm Die Sirene von Warschau, der den Weg einer Sirene aus dem Weichselfluss auf das Wappen der polnischen Hauptstadt im wahrsten Sinne des Wortes nachzeichnet.

Dante e Pizza - diese ungewohnte Kombination bietet schließlich der italienische Beitrag. Dante Alighieris La Divina Commedia wird mit heutigen Klischees von Italien kontrastiert, so dass nicht nur Dantes Fegefeuer in einem Pizzaofen vor sich hin lodert.

Von der italienischen Pizzeria ins Wiener Kaffeehaus entführt einer der beiden österreichischen Videoclips: Stillleben mit Mensch und Tier und Kaffeetasse sowie Kaffeehaus-Innen-und Außenarchitektur und nicht zuletzt die wichtige Aufgabe des Cafés als "Kraftwerk für soziale Kontakte" wird ins bewegte Bild gerückt.

Die Berge, diese Kraftwerke für die österreichische Identität, kommen im zweiten österreichischen Film zu ihren (mit Spott unterlegten) Ehren. Land der Berge zeigt, dass manchmal mehr Schein als Wirklichkeit das österreichische Dasein bestimmt und die Zithermusik auch weiterspielt, wenn der Spieler schon lange die Bühne verlassen hat.

Weitere EU-Legenden-Filme

"Europa ist gelebte Vielfalt. Diese Vielfalt müssen wir annehmen und weitertragen. Doch nur wenn wir selbst unsere Geschichte, unsere Mythen und unsere Legenden kennen, wird es uns möglich sein, unsere gemeinsame Zukunft zu finden", schreibt Nationalratspräsidentin Barbara Prammer in ihrer Grußbotschaft für das Symposium. Speziell dem GLOBArt-Filmprojekt wünscht sie: "Es würde mich freuen, wenn das Filmprojekt ,Mythen und Legenden Europas', das hier mit Beiträgen junger Menschen aus Portugal, Deutschland, Italien, Österreich, Polen, Rumänien und Bulgarien seinen Anfang nimmt, durch Filme aus allen anderen europäischen Mitgliedsstaaten ergänzt wird. Denn wir werden viel Gemeinsames darin sehen können."

EU-Fanfare promoviert

Das gemeinsame europäische Erbe will auch die beim "Kompass"-Symposium "promovierte" Europafanfare La liberación de los muros en europa betonen. Komponiert hat dieses Intrada für Blechbläserensemble und Schlagwerk der österreichische Komponist Michael Mautner. Uraufgeführt wurde die Fanfare 1991 im spanischen Pamplona als Festmusik zur Enthüllung eines Teilstücks der Berliner Mauer, die ein Denkmal für das neue Europa darstellen soll. In die Fanfare sind die Eurovisionsmelodie und die Europahymne eingearbeitet. Zudem hat Mautner noch ein Zitat aus der Glagolithischen Messe von Leoš Janácek eingearbeitet und damit die EU-Osterweiterung vorweggenommen. GLOBArt hat sich nun das Ziel gesteckt, dieses Stück als allgemeine europäische Fanfare zur Identitätsstiftung zu promovieren.

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