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Die Welt in den Augen der "FRIEDHOFSKINDER"

PROBLEMZONE WESTAFRIKA

Sierra Leone

Sieben Millionen Einwohner. Eines der ärmsten Länder der Welt. Blutiger Bürgerkrieg bis 2000. Seither mit seinem Wiederaufbau und der Aufarbeitung der jüngeren Geschichte beschäftigt. Hoch verschuldet.

Guinea

Die sozioökonomische Situation für die überwiegende Mehrheit der Menschen in Guinea ist besorgniserregend; ca. 82 Prozent der Bevölkerung lebt in Armut. Elf Millionen Einwohner.

Gambia

Zwei Millionen Einwohner. Hohes Handelsbilanzdefizit aufgrund der niedrigen Wettbewerbsfähigkeit der einheimischen Industrie. Hoch verschuldet. Im Jahr 2016 mit 116 Prozent des BIP.

Senegal

15 Millionen Einwohner. Einst reich durch Landwirtschaft. Heute schwer verschuldet und verarmt. BIP pro Kopf 2016 auf Platz 162 von 190, Index der menschlichen Entwicklung: Platz 162.

In Monrovia ist das Stadtbild von jungen Rauschgiftkonsumenten geprägt. Die neue Epidemie nach Ebola ist Drogenkonsum.

Die Stimmenauszählung für die Wahlen in Liberia dauert nun schon mehrere Tage. Zum Vertrauen in die Demokratie trägt das nicht bei.

Fehlende Arbeitsplätze, mangelnde Schulbildung, korruptes Polizei-und Justizwesen, desolates Gesundheitswesen: All das beschleunigt den Prozess, durch den Kinder auf der Straße landen.

Das ist ein Bild vom Zentralfriedhof", erklärt Bruder Lothar Wagner und deutet auf ein Foto, das im Vordergrund einen dreizehnjährigen Jungen zeigt. "In diesen Grabstätten leben Kinder." Der sportliche Bruder aus der Gemeinschaft der Salesianer Don Boscos arbeitet seit über zehn Jahren als Streetworker in Westafrika für Kinder am Rand der Gesellschaft. Seit Anfang 2017 lebt der 43-jährige in Liberia, wo er mit Ehrenamtlichen und zehn Mitbrüdern ein Projekt zur Unterstützung straffällig gewordener Straßenkinder implementiert. Unterstützt wird er von der österreichischen Hilfsorganisation "Jugend eine Welt". Gesehen hat Wagner in Westafrika vieles, auch während der Ebolakrise 2014 in Sierra Leone, aber die Not der Straßenkinder Liberias schockiert ihn besonders: "dass sich Kinder zu den Toten legen, weil sie sonst kein Obdach haben." Für Wagner ein Symbolbild: "Die Kinder haben nichts mehr zu verlieren."

Krieg und Epidemien

14 Jahre Bürgerkrieg haben Liberia geprägt. Der Wiederaufbau schreitet langsam voran. Noch immer sind UN-Friedenstruppen im Land stationiert. "Wir haben eine kumulative Problemlage in Liberia", erläutert Wagner: Rebellenkrieg und Ebolakrise haben Familien auseinandergerissen und Kinder reihenweise auf die Straße getrieben. Die gesellschaftlichen Strukturen funktionieren nicht: "Es ist schwer, in Liberia ein Kind zu finden, das noch mit zwei Elternteilen zusammenlebt."

In der Hauptstadt Monrovia sei das Stadtbild von jungen Rauschgiftkonsumenten geprägt: "Die neue Epidemie nach Ebola ist seit letztem Jahr hoher Drogenkonsum und Abhängigkeit." Wagner spricht von harten Drogen wie Heroin und Kokain, die rasch abhängig machen. Zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereitet Don Bosco ein Methadon-Substitutionsprogramm vor. Mit dem Suchtproblem geht hohe Beschaffungskriminalität einher: "Man kann abends nicht hinausgehen", sagt Wagner: "Wenn sie kein Handy finden und kein Geld, nehmen sie deine Schuhe."

Kinder, Mädchen wie Jungen, prostituieren sich im Straßenstrich. Aus dem Schulsystem fallen sie von selbst. Mädchen, die oft zu Hause arbeiten müssen, sind im Bildungssystem besonders benachteiligt. Fehlende Arbeitsplätze, mangelnde Schulbildung, korruptes Polizei-und Justizwesen, desolates Gesundheitswesen: All das beschleunigt den Prozess, dass Kinder auf der Straße landen. Manche legen sich auf der Suche nach Obdach zu den Toten -vor allem in der Regenzeit.

"Ihr Leben teilen sie schon mit den Toten"

"Wir sind dort, wo's brennt", sagt Wagner: in Staatsgefängnissen, Straßen, bei sexuell Ausgebeuteten. Der studierte Pädagoge und Theologe begreift sich nicht nur als Sozial-,sondern auch als Pastoralarbeiter. Über staatliche Entwicklungshilfe zeigt sich der Mittvierziger enttäuscht: Zu oft hat er erlebt, dass Entwicklungsgelder weitergereicht werden und in Organisationen versickern, sodass die eigentlichen Adressaten vor Ort leer ausgehen. Korruption ist eines der Hauptprobleme Liberias in allen Ebenen des Staatsaufbaus. Kirchliche Entwicklungshilfe unterscheide sich in ihrer Motivation: Wagner beschreibt sie als "am Menschen dran, lebensweltorientiert, nachhaltig und natürlich auch politisch."

Der Ordensmann fordert einen Paradigmenwechsel in staatlicher Entwicklungshilfe: Mit der Erhöhung finanzieller Mittel sei es nicht getan. Es müssen Arbeitsplätze vor Ort geschaffen werden. "Es geht um einen schmerzhaften Einschnitt auch für uns -dass wir Arbeit teilen", präzisiert er: Westafrikanische Reisbauern können ihre Produkte nicht auf dem lokalen Markt verkaufen, weil hochsubventionierter Reis aus China oder Amerika günstiger ist. Auch Altkleidersammlungen vernichten den Arbeitsmarkt vor Ort, sagt Wagner: Don Bosco bildet mit Hilfe von "Jugend Eine Welt" junge Afrikaner zu Schneidern aus. Die eigenen Textilien können sie am lokalen Markt aber nicht verkaufen, da Altkleider günstiger sind.

"In Westafrika ist mir kein Mensch begegnet, der von Entwicklungshilfe abhängig sein will", versichert der Streetworker. Arbeitslosigkeit bewege die Massen nach Europa: "Es gibt viele junge Menschen in Westafrika, die auf gepackten Koffern sitzen. Ich sage Ihnen einen größeren Exodus voraus als jenen, den wir bereits erlebt haben. Keine Mauer in Nordafrika, kein Flüchtlingslager wird sie aufhalten können. Wenn sich junge Menschen in Grabstätten hineinlegen, was haben sie dann noch zu verlieren? Ihr Leben teilen sie schon mit den Toten."

Wahlen im Oktober

Am 10. Oktober wurden in Liberia Präsidentschafts-und Parlamentswahlen durchgeführt. Die Amtszeit von Staatsoberhaupt Ellen Johnson-Sirleaf ging nach zehn Jahren zu Ende. 2011 erhielt die erste demokratisch gewählte weibliche Präsidentin Afrikas den Friedensnobelpreis. Auch ihr wird allerdings vorgeworfen, in Korruption involviert zu sein.

Wagners Hoffnungen auf einen Wandel durch die kommenden Wahlen sind gering. Stärkster Gegenkandidat zum Anwärter der regierenden Einheitspartei, Vizepräsident Joseph Nyumah Boakai, ist der ehemalige Fußballspieler George Weah: "Das wäre so, als würde man Toni Polster als Bundeskanzler in Österreich installieren", illustriert Wagner. Dass Weah in Drogenhandel involviert ist, sei öffentlich bekannt.

Bildung überwindet Armut

Wagners Arbeit ist mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Bruder erinnert sich an seinen ersten Einsatzort in Ghanas Hauptstadt Accra: Dort hat er einen Jungen kennengelernt, der abends vor der Schule saß und Schüler um Schulbücher bat, um sie über Nacht zu lesen und am nächsten Morgen zurückzugeben. Die Don-Bosco-Brüder haben das wissbegierige Straßenkind aufgenommen. Der Junge hat in der Schule von Sunyani in Ghana abituriert, schließlich Betriebswirtschaft studiert und ein Stipendium in Berlin bekommen. Heute ist er Leiter einer NGO in Sierra Leone, die sich für Frauenrechte einsetzt, und gefragter Partner internationaler Hilfsorganisationen. "Alleine dieser Junge war es wert", sagt Wagner.

"Ich erlebe in der Begegnung mit den Armen einen Kairos, wo der Himmel sich öffnet", bemerkt der Ordensmann: "Das sind ganz kleine Millisekunden, die würde man gerne festhalten für sein Leben lang, was aber nicht funktioniert. Man begegnet Gott in den Armen. Das ist keine Sozialromantik oder Himmelskomik, sondern eine Glaubenserfahrung." Todesangst hat Wagner in jenem Staat, der seit den 1980er-Jahren zu den instabilsten und gefährlichsten Ländern der Welt zählt, keine: "Je mehr es brennt, desto interessanter find ich's."

In der Begegnung mit den Armen öffnet sich der Himmel. Man begegnet Gott. Das ist keine Sozialromantik oder Himmelskomik, sondern eine Glaubenserfahrung. (Entwicklungshelfer Lothar Wagner)

Leben bei den Toten

Junge Drogensüchtige und Ausgestoßene der Gesellschaft finden auf dem Friedhof von Monrovia in aufgelassenen Gräbern einen Unterstand. Die Aussichten, dem Elend zu entkommen, sind gering.

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