Aufstand der Jungen - © Foto:  Getty Images / NurPhoto / Abed Rahim Khatib
International

Jugend am Abstellgleis

1945 1960 1980 2000 2020

Die Blockade durch Israel und innerpalästinensische Konflikte machen die Lage im Gazastreifen unerträglich. Arbeitslosigkeit und Mangel an Perspektiven treiben die Jungen ins Ausland.

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Die Blockade durch Israel und innerpalästinensische Konflikte machen die Lage im Gazastreifen unerträglich. Arbeitslosigkeit und Mangel an Perspektiven treiben die Jungen ins Ausland.

In vier Tagen ist meine Verlobung und sie haben mich immer noch nicht über die Grenze gelassen.“ Für den 23-jährigen Ahmad wird die Zeit knapp. Seit zwei Monaten steht sein Name bereits auf der Liste derer, die den Grenzübergang Rafah nach Ägypten überqueren wollen. Ob er heute den erhofften Platz im Bus bekommt, der ihn durch das Grenztor auf die andere Seite bringt, ist ungewiss. Etwa 500 Menschen warten an diesem Morgen auf dem Parkplatz im Süden des Gazastreifens. Sie sitzen auf ihren Koffern, rauchen Zigaretten oder trinken schwarzen Kaffee. Viele von ihnen sind junge Menschen, die im Ausland Arbeit finden wollen. In Europa, in der Türkei, in Saudi-Arabien.

Nasr, glattrasierte Wangen und blaue Jacke, wartet gemeinsam mit Ahmad. „In Gaza haben wir keine Jobs und sitzen den ganzen Tag herum“, sagt der 27-Jährige. Jetzt will er Gaza verlassen, um in den Vereinigten Arabischen Emiraten Arbeit zu finden. Nasr wartet schon seit sechs Monaten auf die Ausreise. „Mein Visum für die Emirate ist noch zwei Tage gültig. Danach verfällt es.“ Und die Prozedur beginnt von vorne. Das alles kostet Zeit, Geld und Nerven. Wer aus dem Gazastreifen ausreisen will, braucht einen langen Atem. Im Norden des Landes, beim Grenzübergang Erez, lassen die Israelis nicht jeden passieren. Nur ein paar wenige Geschäftsleute, Studenten und Menschen, die medizinische Behandlung benötigen, erhalten die Genehmigung. Die Grenze zu Ägypten bei Rafah ist unregelmäßig geöffnet. Vergangenes Jahr wurde an 200 Tagen je etwa 300 Personen der Übertritt genehmigt. Für die Menschen heißt es daher warten. Wochen. Monate. Jene, die Geld haben, können sich einen Platz ganz vorne auf der Ausreiseliste erkaufen. Bis zu 2000 Euro nehmen ägyptische Grenzbeamte dafür.

Geld, das Nasr nicht hat. Er spricht laut, seine Wut richtet sich gegen Israel, gegen Ägypten, aber auch gegen die Hamas-Regierung, die seit 2007 den Gazastreifen verwaltet. Die einen schaffen es nicht, der Jugend eine Perspektive in ihrer Heimat zu geben. Die anderen verweigern ihnen die Ausreise. „Wir werden zerdrückt zwischen den Israelis, der Regierung in Gaza und den Ägyptern.“

Ahmad wird an diesem Tag den Bus nach Ägypten besteigen. Für Nasr bleibt der Grenzübergang weiterhin verschlossen. Er wird auch am nächsten Morgen wieder am Parkplatz sein. Und warten.

Sterben oder gehen

Eine gute halbe Stunde dauert die Autofahrt von der Grenze bis zum Strand von Gaza-Stadt. Roba, ein Mädchen aus Palästina, wie sie sich vorstellt, kommt gerne in das Strandcafé, wo Vögel in Käfigen zwitschern. Unter ihrem locker getragenen Kopftuch lugen schwarze Haarsträhnen hervor. Die Leute trinken Kaffee und Tee. Alkohol gibt es keinen. Ganz Gaza ist trocken, so will es die islamistische Hamas. Den schmalen Landstrich am Mittelmeer, kleiner als Wien, hat sie noch nie verlassen. Viele ihrer Freunde schon. „Um ein besseres Leben zu finden“, wie sie sagt. Weil es hier keine Zukunft für sie gebe. „Entweder stirbst du, oder du gehst ins Ausland.“ Roba möchte am liebsten in Gaza bleiben – mit ihren Freunden, wie sie betont: „Aber es ist hier nicht auszuhalten. Die Lage ist katastrophal.“

Jene, die Geld haben, können sich einen Platz ganz vorne auf der Ausreiseliste erkaufen. Bis zu 2000 Euro nehmen ägyptische Grenzbeamte dafür.

Als klinisch tot bezeichnet der Sprecher der örtlichen Handelskammer die Wirtschaft des Gazastreifens. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 50 Prozent, unter Jugendlichen
bei über 70 Prozent. Mehr als die Hälfte der Menschen leben unter der Armutsgrenze. Strom gibt es nur wenige Stunden am Tag, die Regierung ist pleite. An die Reparatur von Straßen oder den Neubau von Krankenhäusern ist nicht zu denken. Grund für die wirtschaftliche Misere ist die Blockade durch Israel, das die Einfuhr von Gütern nach Gaza beschränkt. Aber auch innerpalästinensische Konflikte wirken sich negativ auf die Wirtschaft aus. So hat die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) in Ramallah ihre monatlichen Zahlungen an die Hamas-Regierung in Gaza um 30 Millionen US-Dollar reduziert. Damit nicht genug, stellten die USA im vergangenen Jahr ihre Zahlungen an Hilfsorganisationen in Gaza ein. Eine Entscheidung mit verheerenden Auswirkungen, da mehr als die Hälfte der 1,9 Millionen Einwohner auf ausländische Hilfe angewiesen sind.

„Gaza macht dich verrückt“

„Die Jugend hat die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren“, sagt Ali Abu Yaseen. Sie sei eine tickende Zeitbombe, die eines Tages explodieren werde. Der Thea
terdirektor und Schauspieler, der in seinen Stücken die Lage palästinensischer Jugendlicher zum Thema macht, empfängt in seinem Haus im Beach Camp. 1948 als Flüchtlingslager errichtet, ist es heute ein Stadtteil von Gaza, die Straßen eng, dieHäuser immer wieder aufgestockt, um neuen Wohnraum zu schaffen.

Ausreise Gazastreifen - Wer aus dem Gazastreifen ausreisen will, braucht einen langen Atem. Beim Grenzübergang Erez lassen die Israelis  nur wenige Menschen passieren. - © Foto: Lisa  Köppl
© Foto: Lisa Köppl

Wer aus dem Gazastreifen ausreisen will, braucht einen langen Atem. Beim Grenzübergang Erez lassen die Israelis  nur wenige Menschen passieren.

Weil sie keine Arbeit und kein Einkommen haben, können die Jungen nicht heiraten. Denn dafür müssten sie sich eine Wohnung leisten und eine Familie ernähren können. „Das ist unmöglich“, sagt Yaseen. Stattdessen seien 35-Jährige immer noch vom Geld ihrer Väter abhängig. Das war nicht immer so. Bevor die Hamas an die Macht kam und die Blockade durch Israel einsetzte, war die Grenze 24 Stunden geöffnet und es gab mehr Arbeit. Denn damals ging es auch der Wirtschaft besser. Heute ist das anders. „Alles in Gaza macht dich verrückt“, sagt Yaseen: Die vielen Obdachlosen, die arbeitslosen Jugendlichen und das immerselbe Gerede der Politiker. Morgen werde es besser, hieße es. Seit den Oslo Abkommen in den 1990ern: Morgen, in zwei Monaten, in zwei Jahren. Dasselbe gelte für die in Aussicht gestellte Einheit zwischen der Regierung in Ramallah und jener in Gaza: Morgen sei es soweit, morgen gebe es Einheit. Und dann wieder nichts. „Diese Dinge zerstören die Jungen.“

Demos gegen Israel und Hamas

„Das Schlimmste hier ist, dass es keine Arbeit gibt“, sagt Roba im Strandcafé. Egal ob mit oder ohne Universitätsabschluss. Ihr Blick schweift über den Hafen, wo Schiffe am flachen Wasser liegen. Auch über das Meer gibt es kein Entkommen. Denn Israel hat gegen Gaza eine Seeblockade verhängt. Windstille. Rossbreiten. Bisher seien die Jobs bei der Regierung die sichersten gewesen. Doch auch das ist vorbei. Das Gehalt von Robas Vater, einem Regierungsbeamten, wurde vor einem Jahr um 50 Prozent gekürzt. „Und es sieht nicht so aus, als würde sich das bald ändern.“ Weil es schwierig ist, einen Job zu finden, und noch schwieriger, einen gut bezahlten, leben viele junge Erwachsene bei ihren Eltern. „Mit Teilzeitjobs für 500 Schekel im Monat kannst du dir das Leben nicht leisten.“ Durch ihr Einkommen als Englischlehrerin kann Roba zu den monatlichen Mietkosten von 200 USDollar beitragen. Aber viele Leute können sich die Mieten nicht mehr leisten und müssen ihre Wohnungen verlassen, sagt Roba: „Ich kenne selbst zwei Familien, denen das passiert ist. Sie leben jetzt in Zelten an der Straße.“

Am Hafen liegen Schiffe am flachen Wasser. Auch über das Meer gibt es kein Entkommen. Denn Israel hat gegen Gaza eine Seeblockade verhängt. Windstille. Rossbreiten.

Gazastreifen - <strong>Israelische Blockade seit 2007</strong><br />
Bereits 2005 ist Israel aus dem Gazastreifen abgezogen. Doch das Gebiet, flächenmäßig kleiner als Wien, kam seither alles andere als zur Ruhe. 2007 übernahm die radikalislamische Palästinenser-Organisation Hamas nach blutigen Gefechten mit der Fatah von Präsident Abbas dort die alleinige Kontrolle. Israel erklärte den Gazastreifen folglich zum „feindlichen Territorium“ und sperrte die Grenzübergänge. Meist konnten nur noch dringend benötigte Hilfsgüter eingeführt werden. Laut UNO ist der Gazastreifen mit „einer nie dagewesenen humanitären Krise konfrontiert“, die sich auf das Alltagsleben aller Bewohner und den Zugang zu lebensnotwendigen Diensten auswirkt. (tsch)<br />
 - © Grafik: Rainer Messerklinger (Quelle: Wikipedia)
© Grafik: Rainer Messerklinger (Quelle: Wikipedia)

<strong>Israelische Blockade seit 2007</strong><br /> Bereits 2005 ist Israel aus dem Gazastreifen abgezogen. Doch das Gebiet, flächenmäßig kleiner als Wien, kam seither alles andere als zur Ruhe. 2007 übernahm die radikalislamische Palästinenser-Organisation Hamas nach blutigen Gefechten mit der Fatah von Präsident Abbas dort die alleinige Kontrolle. Israel erklärte den Gazastreifen folglich zum „feindlichen Territorium“ und sperrte die Grenzübergänge. Meist konnten nur noch dringend benötigte Hilfsgüter eingeführt werden. Laut UNO ist der Gazastreifen mit „einer nie dagewesenen humanitären Krise konfrontiert“, die sich auf das Alltagsleben aller Bewohner und den Zugang zu lebensnotwendigen Diensten auswirkt. (tsch)<br />

Israels Blockade des Gazastreifens zu Land, zu Wasser und in der Luft begann 2007. Ein Jahr, nachdem die Hamas die Parlamentswahlen gewann und die von der gemäßigten Fatah angeführte Palästinensische Autonomiebehörde (PA) aus Gaza verdrängt hatte. Seitdem folgen auf Hamas-Raketen auf Israel israelische Bomben auf Gaza. Dreimal in den vergangenen zwölf Jahren hat Israel im Gazastreifen Krieg gegen die Hamas geführt. „In den letzten zwei Kriegen wurde unser Haus durch Bombardements beschädigt“, sagt Roba. Weil Mitglieder der Hamas nahe der Wohnung ihrer Eltern wohnten, habe Israel die ganze Straße bombardiert. Es gab viele Tote. Das alles ließ in den vergangen Jahren den Unmut in der Bevölkerung wachsen. Seit einem Jahr demonstrieren Tausende jeden Freitag am Grenzzaun zu Israel gegen die Abriegelung des Gazastreifens. Das Militär antwortet mit Tränengas und scharfer Munition. Menschen sterben. Aber auch gegen die islamistische Hamas und ihre Misswirtschaft regt sich Widerstand. Unter dem Hashtag „We want to live“ demonstrieren Menschen gegen Preissteigerungen und schlechte Lebensbedingungen. Die Hamas reagiert mit Schlagstöcken und Verhaftungen.

Weil sie keine Arbeit haben, können die Jungen nicht heiraten. Dafür müssten sie sich eine Wohnung leisten, eine Familie ernähren können.

Ob Roba an den Protesten gegen die Hamas teilnimmt? Die Bevölkerung wisse, dass die Regierung mitverantwortlich für die Misere ist – wegen des Streits zwischen Ramallah und Gaza über die Frage, wer Gaza kontrolliert. „Aber die Demos bringen nichts“, sagt Roba. Es gehe ja nicht alleine um die Regierung, sondern um die israelische
Blockade. „Dagegen kannst du nicht demonstrieren.“ Die Jugend von Gaza hat viele Träume. Die einen wollen mit einem Auto Europa bereisen. Fahren, Tag und Nacht – den Traum vom grenzenlosen Reisen leben. Andere hoffen auf Jobs im benachbarten Ausland. Wieder andere wollen einfach nur weg, egal wohin. Roba möchte am liebsten bleiben. In einem Gaza mit offenen Grenzen und ohne Bomben. Doch Gaza sei das Land der Verfluchten, wie sie sagt: „Das wird sich nicht ändern.“

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